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Bewerbermangel: Viele Lehrstellen bleiben Leerstellen

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Azubis gefunden, Lehrstellen besetzt: Jacqueline Hofmann und Fernando Cardona Gomez machen ihre Ausbildung bei einem Automobilzulieferer in Stuttgart Zur Großansicht
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Azubis gefunden, Lehrstellen besetzt: Jacqueline Hofmann und Fernando Cardona Gomez machen ihre Ausbildung bei einem Automobilzulieferer in Stuttgart

Das Ausbildungsjahr läuft schleppend an, klagt das Handwerk: 24.000 Lehrstellen seien derzeit noch unbesetzt. Und es könnte noch schlimmer werden: Die Zahl der Interessenten sinkt, zeigt eine neue Studie. Vor allem junge Frauen scheuen Lehrberufe.

Im deutschen Handwerk sind zu Beginn des neuen Lehrjahres noch Tausende Lehrstellen unbesetzt. Wie die "Bild"-Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe berichtet, konnten die Handwerksbetriebe für 24.000 Lehrstellen bislang keine geeigneten Bewerber finden. Damit gibt es 3000 mehr freie Stellen als vor einem Jahr.

Bis Ende August seien im Handwerk für das neue Ausbildungsjahr rund 109.000 Lehrverträge abgeschlossen worden, ein Minus von 3,2 Prozent gegenüber 2013. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, befürchtet demnach, dass bis Jahresende "mehr als 15.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben". Im vergangenen Jahr hatten die Handwerksbetriebe knapp 15.000 Lehrstellen nicht besetzen können und sagten dem vermeintlichen "Akademisierungswahn" den Kampf an. Auch der Wissenschaftsrat hatte zuletzt betont, dass die Bedeutung der betrieblichen Ausbildung für den Wirtschaftsstandort nicht unterschätzt werden dürfe.

Dabei könnte die Zahl der offenen Lehrstellen in den kommenden Jahren noch erheblich steigen. Das prognostiziert die am Mittwoch veröffentlichte Studie "Berufsausbildung unter Druck" (hier als PDF-Datei), in der das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie Berlin (FiBS) die Bewerberzahlen von Auszubildenden bis zum Jahr 2025 hochrechnet. "Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge geht in den kommenden zehn Jahren um knapp ein Viertel auf 430.000 zurück", schätzt FiBS-Direktor Dieter Dohmen.

Junge Frauen fühlen sich nicht angesprochen

Bereits 2013 war mit 531.000 neuen Ausbildungsverträgen ein historisches Tief erreicht. Die Zahl der Ausbildungsverträge lag auf dem niedrigsten Stand seit 1976. Doch die Zahl könnte nach den aktuellen Berechnungen bis 2025 um weitere 100.000 sinken. Attraktiv - und von den Bewerberzahlen her konstant - bleibt dagegen die schulische Berufsausbildung, also etwa zur Erzieherin oder in der Kranken- und Altenpflege. "Die Zahl in diesem Bereich ist mit 300.000 pro Jahr stabil", so Dohmen. Die Folge: Betrieb müssen in Zukunft viel offensiver als bisher um Azubis werben.

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Dass das Interesse an einer betrieblichen Ausbildung sinkt, habe aber - entgegen der landläufigen Meinung - nicht mit dem schulischen Trend zum Gymnasium zu tun, so die FiBS-Studie. "Es sind nicht die steigenden Abiturientenzahlen, die das duale System unter Druck setzen, sondern sinkende Zahlen und Quoten bei den Realschulabsolventen", heißt es in der Untersuchung. Dieses Potenzial werde von den Betrieben bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Insbesondere junge Frauen mit Realschulabschluss entscheiden sich eher für eine schulische Berufsausbildung oder streben das (Fach-)Abitur an. "Dem dualen System gelingt es einfach nicht, diese jungen Frauen besser anzusprechen", sagt Dohmen. "Hierzu ist nicht nur ein Mentalitätswechsel erforderlich, sondern es müssen unter Umständen auch bestehende Vorschriften, die ihre Einstellung erschweren, geändert werden."

Junge Migranten "systematisch benachteiligt"

Ausgegrenzt werden vom betrieblichen Ausbildungssystem auch Schulabgänger mit Migrationshintergrund, "die systematisch benachteiligt werden und schlechtere Einmündungschancen in die duale Ausbildung haben", kritisiert die Studie. Tatsächlich zeigten schon frühere Untersuchungen, dass etwa ein nicht-deutscher Name die Suche nach einer Lehrstelle erheblich erschwert. In der Folge orientieren sich die jungen Migranten ebenfalls in Richtung einer schulischen Berufsausbildung oder setzen ihre Schullaufbahn fort - und gehen dem Ausbildungssystem damit verloren.

"Die Betriebe müssen sich noch stärker um neue Auszubildende bemühen und um sie werben", sagt Bildungsökonom Dieter Dohmen. Andererseits seien gerade kleine Unternehmen dazu kaum in der Lage: "Sie sind mit dem Tagesgeschäft meist völlig ausgelastet, und dann bleibt keine Luft mehr, um hier auch noch tätig zu werden." Insbesondere in Ostdeutschland lasse sich beobachten, dass sich gerade die kleinen und mittleren Unternehmen zunehmend aus dem Ausbildungsgeschehen verabschieden, so Dohmen: "Damit gehen Ausbildungsplätze verloren. Dieser Trend wird sich über kurz oder lang auch in Westdeutschland verschärfen."

Einen Gewinner der aktuellen Entwicklung gibt es allerdings trotzdem: die Hauptschüler. Sie profitieren davon, dass ihr Anteil an den beruflichen Lehrstellen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Mit anderen Worten: Schulabgänger mit Hauptschulabschluss haben wieder deutlich bessere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. "Offenbar ist die Bereitschaft der Unternehmen gestiegen, sich dieser Zielgruppe anzunehmen", sagt Dieter Dohmen.

  • SPIEGEL ONLINE
    Der gesetzliche Mindestlohn soll kommen - allerdings nicht für Praktikanten, Azubis und unter 18-Jährige. Jenny, 18, aus Esslingen und Denise, 17, aus Rommelshausen sind beide Bürokauffrau-Azubis. Sie und zehn anderen Jugendlichen haben dem Schulspiegel verraten, mit welcher Arbeit sie wie viel verdienen - und ob sie den Mindestlohn gerecht finden. mehr...

mit Material von AFP

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insgesamt 42 Beiträge
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    Seite 1    
1. das
Schweijk 03.09.2014
sind die Indianerlehrstellen die halt svhlecht bezahlt werden. Altenpfleger, maler, Bäcker. all die berufe die man auch finanziell stark abgewertet hat. Als Jugendlicher würd ich auch sagen wozu?, wenn ich hinterher sowieso in Zeitarbeit Rutsche und dann sowieso schlecht verdiene.
2. ...
Newspeak 03.09.2014
Immer dieses Gejammer der deutschen Wirtschaft. Bezahlt eure Leute richtig, dann bekommt ihr auch Bewerber. Früher lag der Vorteil der Lehrstelle darin, daß junge Leute schon früh ordentlich Geld verdienen konnten und gute Aufstiegschancen hatten. Selbst mit Hauptschulabschluß. Heute hat eine Abwertung auf allen Ebenen stattgefunden. Das was man früher mit Hauptschulabschluß erreichen konnte, kann man heute mit dem Realschulabschluß nicht mehr. Lehrstellen werden durch Abiturienten besetzt. Und die mit Abitur und Studium werden ebenso schlechter bezahlt, im Kaufkraftvergleich, wie früher. Früher konnte ein alleinverdienender Gutverdiener eine Familie versorgen, heute nicht. IHR seid das Problem, ihr geizigen und raffgierigen Unternehmer! Nicht die Jugend.
3.
Whitejack 03.09.2014
Gehalt und Berufsaussichten im Handwerk sind nun einmal eher schlecht. Handwerker sind viel öfter arbeitslos, haben oft körperlich schwere, aber geistig nicht fordernde Jobs und später eine Mini-Rente. Kein Wunder, dass viele, die irgendwie können - oder auch nicht - versuchen, da herumzukommen.
4. widersprüchlich
noalk 03.09.2014
"Es sind nicht die steigenden Abiturientenzahlen, die das duale System unter Druck setzen, sondern sinkende Zahlen und Quoten bei den Realschulabsolventen" --- Wie ist das zu verstehen? Wenn mehr Schüler aufs Gymnansium gehen, bleiben logischerweise weniger Schüler für die Realschule übrig. Oder soll hier zum Ausdruck gebracht werden, dass bei gleichbleibender Zahl der Realschüler immer weniger den Realschulabschluss schaffen?
5. Migranten und Lehrstellen
amnesiac 03.09.2014
wenn Sie wundert, dass diese Gruppe Schwierigkeiten hat eine Lehrstelle zu finden, so reden Sie doch mal mit Vertretern von Ausbildungsbetrieben über Fleiß, Höflichkeit und Durchhaltevermögen bestimmter Gruppen.
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