Zum Schuljahresende geht bei vielen Schülern die Angst um: Wird es diesmal reichen? Kann ich meine Fünf in Mathe mit einer Zwei in Englisch ausgleichen, schaffe ich in Biologie die Gnaden-Vier? Oder verliere ich meine Freunde aus den Augen und sitze nächstes Jahr in einer Klasse mit lauter Leuten, die ein Jahr jünger sind als ich? Trifft es mich, bleibe ich hängen?
Einige Kultusminister wollen jetzt, dass weniger Schüler eine Klasse wiederholen müsse - und manche möchten die "Ehrenrunden" ganz abschaffen, jedenfalls langfristig. So spricht Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) von einem "Relikt aus der pädagogischen Mottenkiste", damit werde Lebenszeit vergeudet.
Knapp 234.000 Jungen und Mädchen mussten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Schuljahr 2006/2007 eine Klasse wiederholen, eine Quote von 2,7 Prozent. Damit sind in deutschen Schulen 0,2 Prozent weniger Schüler hängen geblieben als drei Jahre zuvor.
Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW geht das zu langsam. "Die Politik unterstützt die Schulen viel zu wenig", sagt sie. Wissenschaftler seien sich einig, dass die Wiederholung eines Schuljahres pädagogisch nichts bringe. Wichtig sei deshalb, dass die Schüler individuell gefördert werden, bevor das Schuljahresende naht und es Fünfen hagelt.
"Schuljahr-Wiederholung bringt pädagogisch nichts"
Zudem sei nicht nachzuvollziehen, warum die Entwicklung in den Bundesländern so unterschiedlich verlaufe, so Demmer. In einigen Ländern wie Berlin, Brandenburg, Hamburg und Niedersachsen steige die Sitzenbleiber-Quote, in anderen Ländern wie Baden-Württemberg falle sie dagegen. Dort wiederholen zurzeit nur 1,8 Prozent der Schüler ein Jahr. Am höchsten ist die Quote der Sitzenbleiber in Bayern mit 3,8 Prozent.
Insgesamt liegt Deutschland deutlich über dem internationalen Durchschnitt, wie die jüngste Pisa-Studie zeigt. In Norwegen oder Japan bleibt so gut wie niemand sitzen, im hochgelobten finnischen Schulsystem erst recht nicht. Dort nehmen die Lehrer die individuelle Förderung von Schülern aber sehr viel ernster als in Deutschland: "Kein Kind darf zurück bleiben", das bedeutet in Finnland auch "Kein Kind darf sitzen bleiben".
Die Schule ohne Sitzenbleiben - ein Traum? Einige Länder machen nun die ersten Schritte in diese Richtung, zum Beispiel Berlin: Hier können die Lehrer ab August allgemeine Beurteilungen statt Noten verteilen. Voraussetzung ist hier, dass die Schulkonferenz diesen Schritt beschließt, die Schule ein schlüssiges inhaltliches Konzept vorlegt und die Senatsbildungsverwaltung dem Antrag stattgibt.
Die Reform betrifft in erster Linie ein Lieblingsprojekt des rot-roten Senates: die Gemeinschaftsschule, die vom neuen Schuljahr an als Pilotprojekt getestet wird. Dort lernen Schüler von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam. Bislang hätten sich elf Schulen für diesen Modellversuch gemeldet, heißt es beim Bildungssenat.
Ursprünglich waren der Verzicht auf Noten und Sitzenbleiben allein für die Gemeinschaftsschule vorgesehen. Auf Drängen der Linkspartei können aber nun auch die anderen Schulen diese Regelung für sich in Anspruch nehmen. Was weitere Bundesländer unternehmen:
"Es ist sinnvoll, frühzeitig einzugreifen", sagt Marianne Demmer von der GEW. Migrantenkinder benötigten unter Umständen Sprachunterricht, um nicht sitzen zu bleiben - ein Kind, das unter familiären Problemen wie der Scheidung seiner Eltern leide, dagegen schulpsychologische Unterstützung. "Mathe kann ich sowieso nicht" darf nicht als Antwort oder Ausrede akzeptiert werden. "Wir müssen einer negativen Selbsteinschätzung vorzubeugen", so Demmer.
"Jeder Sitzenbleiber kostet 4000 Euro"
Jeder Wiederholungsschüler koste allein an Personalkosten mehr als 4000 Euro pro Jahr - das Geld könne besser eingesetzt werden, so Demmer. Die Schüler seien zum Teil gelangweilt, sie seien ja nicht in allen Fächern schwach.
Sogar das bayerische Kultusministerium versichert, man bemühe sich intensiv, die Zahl der Pflichtwiederholer durch mehr individuelle Förderung zu senken. Ansonsten hält Bayern aber, wie das CDU-regierte Baden-Württemberg oder auch Mecklenburg-Vorpommern, am Sitzenbleiben grundsätzlich fest.
Die Abschaffung von "Ehrenrunden" sei kein Thema, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums in Bayern. Im Einzelfall könne es für Schüler sinnvoller sein, ein Jahr nachzuholen, statt eine Klasse aufzurücken und dort keinen Anschluss zu finden.
Der Sprecher des CDU-geführten Kultusministeriums in Dresden, Dirk Reelfs, bringt den Widerstand konservativer Bildungspolitiker gegen eine Abschaffung des Sitzenbleibens auf den Punkt: "Jeder kann machen, was er will, nach dem Motto, man bleibt ja eh nicht sitzen - das wird es in Sachsen nicht geben."
Uwe Gepp, AP
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