Top-Absolventen als Hilfslehrer: "Das geht mir alles nicht schnell genug"

Das Programm "Teach First" bringt die besten Absolventen an Krisenschulen und vollbringt dort kleine Wunder, sagt Gründerin Kaija Landsberg im Interview. Weil es bislang nur wenige junge Hilfslehrer gibt, läuft das Projekt aber schleppend - auch weil manche Lehrer ihre Vorurteile pflegen.

Aus der Uni vor die Klasse: Mit 100 Wackeren gegen das Schulelend? Zur Großansicht
Teach First

Aus der Uni vor die Klasse: Mit 100 Wackeren gegen das Schulelend?

SPIEGEL ONLINE: Frau Landsberg, sie sind vor zwei Jahren angetreten, um engagierte Jungakademiker als Hilfslehrer in deutsche Problemschulen zu schicken und so die Schullandschaft aufzumischen. Was haben Sie erreicht?

Kaija Landsberg: Eine Studie bescheinigt unseren Hochschulabsolventen, dass sie klasse Arbeit gemacht haben und an den Schulen sehr beliebt sind. Das zeigt auch ein Gutachten...

SPIEGEL ONLINE: …das sie selbst in Auftrag gegeben haben. Aber wieso stagniert die Zahl der Hochschulabsolventen, die sie an die Schulen schicken, dann bei kargen 100 Personen?

Landsberg: Unser Ziel war, "Teach First Deutschland" als Organisation zu einem wichtigen Teil der Bildungslandschaft zu machen. Und gleichzeitig möglichst schnell Erfahrungen mit den erstklassigen Absolventen zu sammeln. Das haben wir geschafft. Die andere Frage ist: Haben die Absolventen Schülern in Schullandschaften wie Hamburg-Wilhelmsburg oder den Berliner Problemkiezen helfen können?

SPIEGEL ONLINE: Und, haben sie?

Landsberg: Ja, dafür gibt es viele Beispiele. Nur kann man bisher nicht sagen, dass unsere Fellows im großen Stil Schulklassen umgedreht hätten, in denen sich Apathie breit gemacht hat. Die Fellows, wie wir die Hochschulabsolventen nennen, sollen Mut verbreiten und als Rollenvorbilder wirken - und so einen Einfluss auf die Klassenatmosphäre als Ganzes haben. Aber das geht mir alles nicht schnell genug.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie sollen frisch von der Uni rekrutierte Jungakademiker denn Schulen helfen, die Forscher als Orte der Hoffnungslosigkeit porträtieren?

Landsberg: Unsere Schulen brauchen dringend den Geist des "Wir schaffen das!" Die Hälfte der deutschen Lehrer geht davon aus, dass sie keinerlei Einfluss auf ihre Schüler haben, sagt eine frische Allensbach-Untersuchung. Das ist schockierend. Wir haben die richtige Idee: Kindern, die Selbstwirksamkeit nicht erlebt haben, zu zeigen, dass sie wirklich etwas können. Ihnen mit schnellen Erfolgserlebnissen ihre Lebensfreude und ihre Tatkraft zurückzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Aber können sie mit 100 Leuten eine Wirkung auf die pisageschüttelte deutsche Schule erzielen? Wie wollen Sie hinkriegen, was 700.000 deutschen Lehrern eher mäßig gelingt?

Landsberg: Uns kommt es gar nicht so sehr auf die Zahlen an. Wir wollen verstehen, welcher Typ von Fellow die Schüler wirklich mitreißen kann. Wir brauchen an den schwierigen Schulen richtig gute Leute. Und weil sich jedes Jahr rund 700 Absolventen bewerben, haben wir eine große Auswahl.

SPIEGEL ONLINE: Aber brauchen die Fellows nicht selbst psychologische Beratung? Ihr eigener Gutachter schreibt, dass manche bei der Aussichtslosigkeit der Schulen einen Kulturschock erleiden. Er empfiehlt sogar, die Fellows nur noch zu zweit in die Mission Impossible zu entsenden.

Landsberg: Das ist die Realität mancher deutschen Großstadtschule. Aber wir werden nicht mit zitternden Knien da rein gehen, sondern wir kommen mit Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen. Es gibt offenbar Fellows, denen es gelingt, genau die Schüler zu begeistern, die vorher niemand erreicht hat. Wir schauen uns jetzt genau an, welcher Typ von Fellow das bewirkt. Die Sprachkompetenz ist ein Schlüsselfaktor. Da kriegen die polyglotten, mehrsprachigen Fellows traumhafte Noten.

SPIEGEL ONLINE: Wieso gehen Sie zum Staat, um ihr privates Projekt "Teach First" zu finanzieren - und nicht zur Wirtschaft?

Landsberg: Ich mache beides und muss auch beides tun. Wir finanzieren die komplette Organisation über Fundraising, das heißt, wir bekommen zwei bis drei Millionen Euro jährlich aus der Wirtschaft. Das Gehalt der Fellows wird von den fünf Bundesländern bezahlt, die bei uns mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen wachsen Sie aber auch so langsam - Sie sind auf die öffentlichen Kassen angewiesen. Wieso gibt die Wirtschaft so wenig für den Turnaround gescheiterter Schulen?

Landsberg: Ich bin gar nicht sicher, ob man die Personalkosten für die Fellows als Zuschüsse aus der Wirtschaft einwerben sollte. Das ist ein riesiger Aufwand - und ein Risiko, wie man an der US-amerikanischen Stiftungsszene beim Finanzkollaps sehen konnte. Es liegt auch gar nicht allein an der Wirtschaft, dass wir die Zahl der Fellows kontrolliert wachsen lassen. Es gibt ein tief sitzendes kulturelles Phänomen, das da hinein spielt.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Landsberg: Wir sind an vielen Stellen mit sehr grundsätzlichen Vorbehalten gegen eine private oder gemeinnützige Initiative konfrontiert. Bringen unsere Fellows ihr Gehalt mit in die Schule, heißt es, die Privatwirtschaft übernehme die Schule. Bringen die Fellows ihr Geld aber nicht mit, dann heißt es gleich, wir hielten uns an den öffentlichen Kassen schadlos. Diese pessimistische Kultur will ich ändern.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist es so, dass der Staat "Teach First" unter dem Strich mit rund 80 Prozent bezuschusst und die Wirtschaft nur zu einem Fünftel.

Landsberg: Dass wir mit den Kultusministerien als starken Partnern arbeiten müssen, war von Anfang an klar. Als ich vor vier Jahren die Idee aus den USA nach Deutschland trug, dachte ich, die werden mir die Fellows aus der Hand reißen. Heute weiß ich, dass dazu ein breites Netzwerk nötig ist, das zu dem finanziellen und rechtlichen Rahmen passt.

Das Interview führte Christian Füller

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1. ^.^
schmarrnsepp 13.05.2011
---Zitat--- »Teach First«, Schullandschaften«,»Bildungslandschaft«, »Fellows«, »frische Allensbach-Untersuchung«, »Selbstwirksamkeit«, »pisageschüttelt«, »Mission Impossible«, »Fundraising«, »Turnaround«, »die Idee aus den USA nach Deutschland trug« ---Zitatende--- So erhält Landsbergs Aussage, Die _Sprachkompetenz_ ist ein Schlüsselfaktor. Da kriegen die polyglotten, mehrsprachigen Fellows [...] eine ganz wunderbare *pisageschüttelte Selbstwirksamkeit*. =.-)
2. Danke.
DerLautePöbel 13.05.2011
Zitat von schmarrnseppSo erhält Landsbergs Aussage, Die _Sprachkompetenz_ ist ein Schlüsselfaktor. Da kriegen die polyglotten, mehrsprachigen Fellows [...] eine ganz wunderbare *pisageschüttelte Selbstwirksamkeit*. =.-)
Danke für diese schöne Zusammenfasstung. Mir kam das Interview etwas schwer zu lesen vor. Jetzt kenne ich auch den Grund.
3. Die tun wenigstens etwas Konkretes
hatem1 13.05.2011
Ich finde das eine prima Idee. Die Teach-First-Leute tun etwas, die zeigen den Schülern, dass sich die Gesellschaft für sie interessiert und dass sie Chance haben. Bei allen Schwierigkeiten, die so etwas mit sich bringt, sollte man eine solche Initiative unterstützen und nicht als erstes daran rumkritteln.
4. .
Schnabeltier 13.05.2011
"Aber das geht mir alles nicht schnell genug. [...] Unsere Schulen brauchen dringend den Geist des "Wir schaffen das!" Die Hälfte der deutschen Lehrer geht davon aus, dass sie keinerlei Einfluss auf ihre Schüler haben, sagt eine frische Allensbach-Untersuchung. Das ist schockierend. Wir haben die richtige Idee: Kindern, die Selbstwirksamkeit nicht erlebt haben, zu zeigen, dass sie wirklich etwas können. Ihnen mit schnellen Erfolgserlebnissen ihre Lebensfreude und ihre Tatkraft zurückzugeben." Vielleicht GEHT es eben nicht schnell mal eben so. Lebensfreude und Tatkraft erhält man nun mal nicht aus schnellen Erfolgserlebnissen, sondern im Gegenteil aus mühsam erkämpften Erfolgserlebnissen und aus der Erfahrung, dass auch ein Misserfolg, der bei allem Bemühen nun auch einmal vorkommen kann, kein Weltuntergang ist. Und vielleicht ist das mit der Einschätzung des Einflusses von Lehrern gar nicht so abwegig, die machen den Job nämlich nicht nur für ein Jahr, sondern jahrelang, und erleben dann immer wieder, wie viele andere Einflüsse außer ihren auf die Schüler einwirken. Wechselwirkungen gibt es, der Name sagt es, leider in beide Richtungen, problematisch wird es, wenn sich nicht immer wieder ein Gleichgewicht aus Optimismus und Realitätsnähe einstellt. A propos Realitätsnähe. Genau dieses Interview demonstriert wieder einmal die gnadenlose Selbstüberschätzung mancher Leute. Die gibt es eben nicht nur bei DSDS, sondern auch in ganz anderen Bildungsschichten. "Richtig gut Lehrer" können eben nicht wirklich viele Menschen. Die Organisation "braucht nur wenige", um sich selbst zu vermerkten. Deutschland bräuchte nicht 700.000 Lehrer, sondern 700.000 "richtig gute Lehrer", damit tatsächlich den Kindern geholfen ist - und nicht vor allem dem Lebenslauf einiger Top-Absolventen. Sehr traurig, dass der Staat Geld an dieser Stelle investiert, während sich gute Lehramtsstudierende in Massenveranstaltungen niedrigen Niveaus mit Kommilitonen, die das Studium aus Versorgungsgründen gewählt haben, langweilen.
5. falscher einsatz und dennoch gute ergebnisse?
AlLumMei 13.05.2011
Ich bin der Meinung, dass Problemschulen doch eigentlich eher der falsche Ort für frische absolventen sind. Denn: Ein frischer Fachabsolvent hat ein großes Fachwissen, und vermutlich auch überragende Begeisterung, aber halt nunmal nur wenig pädagogische Erfahrung im Allgemeinen. Worauf ich hinauswill: 100 Absolventen unterstützen an Problemschulen, und können dort immer noch für verbesserungen sorgen - das liegt doch ganz klar an der Persönlichkeit der Bewerber; Gleichzeitig werden aber 600 Bewerber abgeleht (die zwar vermutlich auch an den Problemschulen nicht viel bewirken könnten) - aber von diesen 600 Bewerbern sind doch mit Sicherheit noch 500 eine große Bereicherung für alle "Normalschulen" Also - schickt doch unsere Absolventen auf alle Schulen, anstelle nur eine stark eingegrenzte Gruppe in ein wesentlich schwereres Umfeld!
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Zur Person
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Kaija Landsberg, 31, ist Gründerin und Geschäftsführerin von "Teach First". Sie hat in München, Granada und an der Berliner Hertie School of Governance studiert und gründete anschließend gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Michael Okrob das gemeinnützige Unternehmen Teach First Deutschland.
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Die Idee
Wer eine gute Ausbildung erhält, sollte der Gesellschaft dafür etwas zurückgeben - das ist die Grundidee von "Teach First". Gerade Top-Absolventen sollen zwei Jahre lang als Lehrer an sozialen Brennpunktschulen unterrichten, dort benachteiligten Schülern helfen - und zugleich selbst ganz neue Qualifikationen erwerben.
Die internationalen Vorbilder
Die Programme "Teach for America" (seit 1990) und "Teach First" (seit 2001) haben es vorgemacht: Damit lehren Uni-Absolventen in den USA und Großbritannien an Problemschulen. Beide Konzepte sind sehr erfolgreich. Es gibt einen regelrechten Ansturm von Bewerbern, "Teach for America" ist sogar unter den zehn beliebtesten Wunscharbeitgebern von US-Studenten - obwohl der Lehrerberuf dort nicht gerade zu den lukrativen Jobs mit hohem Sozialprestige gehört.
Die deutsche Variante
Kaija Landsberg hat zusammen mit ihrem Kollegen Michael Okrob in ihrer Abschlussarbeit an der Hertie School of Governance die Frage untersucht, wie man möglichst vielen Schülern gleiche, gute Chancen in der Schule bieten kann. Nun wollen sie das Konzept "Teach First Deutschland" etablieren. Im Sommer 2008 wurden die ersten Absolventen für den Einsatz in Brennpunktschulen geworben, ab Herbst 2009 beginnt ihr zweijähriger Aufenthalt. "Teach First Deutschland" hat derweil schon die Suche nach Absolventen für den nächsten Durchgang aufgenommen und zu Bewerbungen aufgerufen.
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