Neue Lehrpläne: Türkei führt Kurdisch als Wahlfach ein

Erstmals sollen Kinder an staatlichen Schulen in der Türkei Kurdisch lernen dürfen. Das Wahlfach wird mehreren Zeitungen zufolge ab kommender Woche angeboten. Ein Ende des Konflikts zwischen Staat und Minderheit ist allerdings nicht in Sicht.

Demonstration von Kurden in Istanbul (2011): Eigene Sprache als Wahlfach Zur Großansicht
AFP

Demonstration von Kurden in Istanbul (2011): Eigene Sprache als Wahlfach

Es ist ein kleines Signal der Öffnung: Zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei werden Kinder in staatlichen Schulen des Landes von kommender Woche an Kurdisch als Wahlfach belegen können. Die Lehrpläne für das Wahlfach Kurdisch in der Mittelstufe seien fertig, meldet die Nachrichtenagentur AFP und beruft sich auf mehrere türkische Zeitungen. Grundlage seien die von den meisten Kurden in der Türkei verwendeten Sprachen Kurmanci und Zaza. Die Regierung stellt die Reform dar als Beitrag zur Stärkung der Rechte der rund zwölf Millionen Kurden in der Türkei.

Im Kurdisch-Unterricht des neuen Schuljahrs, das kommende Woche beginnt, könnten die Lehrer eigene thematische Schwerpunkte setzen, heißt es der Meldung zufolge in den Berichten. Allerdings habe das Bildungsministerium den Lehrern eingeschärft, sie sollten sich nicht von den "nationalen Bildungszielen" entfernen. Die kurdische Sprache gilt noch immer bei einigen türkischen Politikern und bei der Justiz als Instrument der verbotenen PKK, die gegen den türkischen Staat kämpft.

Kurdischen Politikern geht das allerdings nicht weit genug. Sie verlangen, das Kurdische dürfe nicht nur als Wahlfach angeboten werden, sondern müsse kurdischen Kindern als muttersprachliches Pflichtfach auf den Lehrplan gesetzt werden.

Wie die Behörden gegen politisch aktive Studenten vorgehen

Die Kurden sind die größte Minderheit des Landes: Etwa 15 Millionen Kurden leben in der Türkei, vor allem im Südosten an der Grenze zu Syrien und dem Irak. Trotzdem hat der türkische Staat jahrzehntelang so getan, als würde es sie nicht geben. "Bergtürken" nannten Republikgründer Atatürk und seine Erben das Brudervolk. Mit dem Aufstand der Kurden in den späten siebziger Jahren begann einer der längsten Bürgerkriege der jüngeren europäischen Geschichte.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte bei seinem Amtsantritt vor acht Jahren versprochen, das Kurden-Problem zu lösen. Tatsächlich hat er ihnen mehr Rechte eingeräumt als jeder Regierungschef vor ihm: Bis vor kurzem noch war es unter Strafe verboten, Kurdisch zu sprechen, Kurdische Lieder zu singen. Mittlerweile unterrichten Professoren an türkischen Universitäten Kurdisch, Kurden besitzen eigene Fernsehsender und Radiostationen.

Doch die angekündigte Öffnung ist ins Stocken geratten. Noch immer leben viele Menschen im kurdischen Südosten des Landes in Armut. Immer wieder eskaliert der Konflikt mit dem türkischen Staat, es gibt Tote auf beiden Seiten.

Auch gehen die Behörden hart gegen Studenten vor, die sich politisch engagieren, die zum Beispiel an Demonstrationen für die Rechte der Kurden teilnehmen. Sie werden zum Teil mithilfe der harschen Anti-Terror-Gesetze in der Türkei angeklagt, die sich sehr beliebig interpretieren lassen.

An den Schulen wiederum lernen Kinder, den Staatsgründer Atatürk bedingungslos zu lieben. Sie können seinen Lebenslauf auswendig und singen seine Kampflieder. Kritiker sprechen von Indoktrination.

otr/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hoffentlich nicht ..
Arne Karl 12.09.2012
Da wird einem ja Angst und Bange: Gut können es bekanntlich die Türken mit anderen nicht meinen. Hoffentlich ist das nicht die Vorbereitung eines weiteren Versuchs in die EU zu kommen.
2. @Arne Karl
a_maier 12.09.2012
Gäbe es nicht den jahrzehntelangen Kampf der Kurden um die Anerkennung ihrer Kultur und Sprache, hätte es das Zugeständnis, Kurdisch als Wahlfach einzuführen, seitens der türkischen Regierung sicher nicht gegeben. Eigentlich sollte solche Zugeständnisse in einem demokratischen Land eine Selbstverständlichkeit sein, von daher ist ihre Ironie nicht angebracht.
3. Gut meinende Türken
stoffziege 13.09.2012
Tja. Vielleicht läßt sich so besser eine Datei der Familien erstellen, die nicht "türkisch national" sind?
4. Liebe Leute
fremdimgeburtsland 13.09.2012
Zitat von sysopErstmals sollen Kinder an staatlichen Schulen in der Türkei Kurdisch lernen dürfen. Das Wahlfach wird mehreren Zeitungen zufolge ab kommender Woche angeboten. Ein Ende des Konflikts zwischen Staat und Minderheit ist allerdings nicht in Sicht. Türkei führt Kurdisch als Wahlfach an Schulen ein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,855417,00.html)
Andere Länder andere Sitten. Die Türkei ist nicht Deutschland. Es ist eine andere Kultur und wir haben eine andere Geschichte. Mann kann nicht einfach alles was hier für einen selbstverständlich ist auch für andere Völker als selbstverständlich ansehen. Aber man kann auch nicht von der Hand weisen, dass sich seit ca. 10 Jahren viel geändert hat. Zu behaupten, dass das nur ein Blöff ist um in die EU zu kommen ist absurd. Die meisten Türken und der Regierungsapparat entfernen sich immer von dem Gedanken EU-Beitritt. Der eigentliche Blöff ist, dass gesagt wird " wir möchten in die Eu". Die Türken wissen sehr wohl, das sie niemals in die EU kommen werden. Der Türkei geht es ohne EU wesentlich besser als mit.
5. Pure Augenwischerei der Türken
mhkohlhaas 13.09.2012
Was nützt ein Wahlfach in kurdischer oder zazaischer Sprache, wenn man seine Sprache nicht öffentlich auf Papier bringen darf, oder seine Kinder mit kurdischen Namen registrieren darf? Die Repressalien an Kurden gehen scheinbar unvermindert weiter, letzten Berichten zufolge sind alle Chefredakteure kurdischer Zeitungen in Untersuchungshaft, wegen angeblicher Propaganda für eine terroristische Organisation. Offenbar benutzt die Türkei das Wort Propaganda dafür um ungewollte Nachrichten zu blockieren. Das spiegelt sich im Pressefreiheits-Ranking wieder, denn die Türkei liegt auf Platz 148 von 179 Ländern. Der dreisteste Fall der sich kürzlich am Flughafen Istanbul ereignete, war als die Grenzpolizei eine kurdische Familie aus Deutschland nicht einreisen lassen wollte, weil ihr Kind (in Deutschland geboren) einen kurdischen Namen besaß. Diese angeblichen Zugeständnisse in der kurdischen Frage, sind m.E. nur reine Augenwischerei, da im Land immer noch ethnische Minderheiten gemäß dem "the animal farm"-Motto unterdrückt werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Türkei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
Fotostrecke
Erasmus-Studentin im türkischen Knast: Vorerst frei

Fotostrecke
Kopftuch-Debatte in der Türkei: Wie türkische Studentinnen ihr Haupt verhüllen
Traditionelle Siedlungsgebiete der Kurden Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Traditionelle Siedlungsgebiete der Kurden


Fotostrecke
Schüler in der Türkei: Und täglich grüßt der Atatürk

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Türkei-Reiseseite



Social Networks