Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Türkei: Lehrer darf nicht über Evolution sprechen

Ob der Mensch vom Affen abstammt, wollte ein Fünftklässler in Ankara von seinem Lehrer wissen. Der erklärte daraufhin die Evolutionstheorie - und handelte sich damit eine Verwarnung von der Schulbehörde ein. Die Lehrergewerkschaft will den Fall vor Gericht bringen.

Charles Darwin (als Wachsfigur): Im türkischen Unterricht hat seine Lehre keinen Platz Zur Großansicht
REUTERS

Charles Darwin (als Wachsfigur): Im türkischen Unterricht hat seine Lehre keinen Platz

Was nicht auf dem Lehrplan steht, darüber darf im Unterricht nicht gesprochen werden. Nach dieser Logik hat die türkische Schulbehörde nun einen Grundschullehrer in der Hauptstadt Ankara verwarnt. Er hatte den Schülern einer fünften Klasse die Evolutionstheorie von Charles Darwin erläutert. Daraufhin hatte sich die Mutter eines Jungen beschwert, was zu der Verwarnung führte.

Laut einem Bericht der englischsprachigen Tageszeitung "Hürriyet Daily News" fragte ein Schüler den Lehrer im Unterricht, ob es wahr sei, dass der Mensch vom Affen abstammt. Der Pädagoge, der seit 14 Jahren unterrichtet, beschrieb in seiner Antwort die evolutionäre Lehre des britischen Naturforschers Darwin.

Nachdem ein Schüler seinen Eltern von der Unterrichtsstunde erzählt hatte, zeigten die den Lehrer bei der Behörde an und kritisierten, dass er die Abstammung des Menschen auf die Evolutionslehre Darwins stützte. Zudem beklagten sie, er habe den Schülern aus der Bibel vorgelesen. Die Schulbehörde untersuchte den Fall, befragte mehrere Schüler und verwarnte schließlich den Grundschullehrer.

Schüler fragt, Lehrer antwortet - und wird verwarnt

Die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft, Zübeyde Kilic, kündigte an, ihre Organisation werde vor einem Verwaltungsgericht gegen das Vorgehen der Behörde klagen. Der Lehrer habe nicht Darwins Theorie gelehrt, sondern nur auf eine Frage geantwortet, sagte Kilic der "Hürriyet Daily News". "Wir wollen Schüler, die alles hinterfragen, und gleichzeitig verwarnen wir Lehrer, nur weil sie die Grenzen des Curriculums überschreiten."

Für Gewerkschafterin Kilic ist das Vorgehen gegen den Lehrer ein Anzeichen für eine Islamisierung des türkischen Bildungswesens. Er zeige den "Konflikt zwischen jenen, die religiöse Grundsätze im Bildungswesen verankern wollen, und jenen, die sich auf die Wissenschaft verlassen", sagte Kilic. Sie glaubt, der Lehrer sei gemaßregelt worden, weil das Bildungsministerium die Evolutionslehre ablehne und der kreationistischen Schöpfungslehre anhänge.

Gegner der religiös-konservativen Regierung in Ankara werfen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder vor, er wolle aus der Türkei einen Gottesstaat machen - was Erdogan ebenso energisch bestreitet.

juf/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 106 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aufklärung
hdwinkel 25.01.2011
Zitat von sysopOb der Mensch vom Affen abstammt, wollte ein Fünftklässler in Ankara von seinem Lehrer wissen. Der erklärte daraufhin die Evolutionstheorie*- und handelte sich damit eine Verwarnung von der Schulbehörde ein. Die Lehrergewerkschaft will den Fall vor Gericht bringen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,741528,00.html
Solche Vorfälle zeigen recht anschaulich, daß die großen monotheistischen Religionen freiwillig keinen Milimeter von ihren Dogmen abrücken. Die Aufklärung fand auch nicht mit, sondern gegen die Kirche statt.
2. ...
shaman1905 25.01.2011
So ein Nonsense: ich bin gläubige Christin und würde niemals die Evolutionstheorie anzweifeln und schon gar nicht bekämpfen. Es gibt sicher ChristInnen, die das tun, aber ich wage zu bezweifeln, daß das eine Mehrheit ist. Bei den Muslimen kann ich es nicht einschätzen.
3. Der Islam
Thomas von und zu B. 25.01.2011
Zitat von hdwinkelSolche Vorfälle zeigen recht anschaulich, daß die großen monotheistischen Religionen freiwillig keinen Milimeter von ihren Dogmen abrücken. Die Aufklärung fand auch nicht mit, sondern gegen die Kirche statt.
Wobei man hier nicht alle monotheistischen Relgionen in denselben Topf werfen sollte. Meiner persönlichen Erfahrung und Bildung nach tut sich hier der Islam besonders durch völlige Abwesenheit eines Diskurses mit sich selbst hervor. Was Mohammed vor knapp 600 Jahren aufgeschrieben hat ist unanfechtbar und steht nicht zur Diskussion.
4. Die Mehrheit der Christen ist nicht am Kreationismus interessiert
Michael Giertz, 25.01.2011
Zitat von shaman1905So ein Nonsense: ich bin gläubige Christin und würde niemals die Evolutionstheorie anzweifeln und schon gar nicht bekämpfen. Es gibt sicher ChristInnen, die das tun, aber ich wage zu bezweifeln, daß das eine Mehrheit ist. Bei den Muslimen kann ich es nicht einschätzen.
Das gilt für Sie und zweifelsohne auch die Mehrheit der Christen und Christinnen (wozu eigentlich die Unterscheidung - Christen sind männlich wie weiblich - blöde political correctness), aber die Anzahl jener, die ich mal unter "reaktionär" bzw "ultrakonservativ" packe, sind große Anhänger der Schöpfungslehre (Kreationismus) bzw den pseudowissenschaftlichen Ableger "Intelligent Design". Ich hatte vor einigen Tagen das zweifelhafte Vergnügen mit einem Foristen zu diskutieren, der allen Ernstes der Meinung war, dass der Kreationismus nicht gefährlich ist. Auch wenn der Forist vielleicht selbst kein Kreationist ist, mit solch einer Einstellung erlaubt er Kreationisten Fuß in unserer Gesellschaft zu fassen. Dabei kann jeder, der sein Gehirn anstrengt und die vorliegenden Fakten betrachtet eigentlich erkennen, dass die Welt unmöglich von einem Gott erschaffen wurde, sondern das Produkt unzähliger kleiner Entwicklungsschritte ist. Oder würde, so Gott die Welt schuf, dieser sich die Zeit nehmen um z.B. Fossilien in die Erde zu setzen, Veränderungen durch Mutationen und Züchtungen an seinen Geschöpfen zulassen (hat er sie nicht perfekt geschaffen?!) oder radioaktive Elemente mit Halbwertszeiten von mehreren Millionen Jahren schaffen, wenn der Existenzzeitraum der Menschheit nach Bibel nur wenige tausend Jahre umfasst? Also ich kann's relativ krass sagen: Kleingeister begnügen sich mit dem Kreationismus und halten den für wahr während der Rest die Evolutionstheorie für plausibel erachtet. Glücklicherweise ist die Mehrheit der Christen wissenschaftlich orientiert.
5. hm
MAsh1987 25.01.2011
Wenn es sich um ein anderes Thema gehandelt hätte, als die EvoTheorie, dann wär bestimmt nicht so nen Wind gemacht worden. Jetzt haben se wieder nen Aufhänger :P Aber finde ich auch schade, dass das Prinzip "Schüler fragt -> Lehrer antwortet" nicht hochgehalten wird, AUCH WENN es nicht im Lehrplan steht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Schüler in der Türkei: Und täglich grüßt der Atatürk
Mit Gottes Wort gegen die Wissenschaft
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des "Junge-Erde-Kreationismus" hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in 6 mal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design, einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutions-Akzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramts-Studienanfänger an der Evolution zweifelt.
Harun Yahya
Harun Yahya, 52 (bürgerlicher Name: Adnan Oktar), ist ein türkischer Autor und einer der bekanntesten Kreationisten der islamischen Welt. Den "Darwinismus" bezeichnet er gern als die Wurzel alles Bösen und inneren Antrieb islamischer Terroristen. Bekannt wurde Oktar in den neunziger Jahren auch als Holocaust-Leugner, wenngleich er sich mittlerweile offiziell vom Antisemitismus distanziert. Dennoch wirft Oktar in seinem Buch "Die Grauen des Holocaust" den "radikalen Zionisten" vor, den Antisemitismus während der dreißiger Jahre "durch ihre Zusammenarbeit mit den Nazis" angefacht zu haben und ihn nun politisch und wirtschaftlich zu instrumentalisieren.

Im vergangenen Jahr sorgte Oktar für Aufmerksamkeit, als er Tausende Freiexemplare seines 800 Seiten starken, aufwendig produzierten "Atlas der Schöpfung" an Schulen und Redaktionen in aller Welt verschicken ließ. Wer die Aktion finanziert hat, ist unklar. Nach eigenen Angaben hat Oktar im Jahr 2007 acht Millionen Bücher in der Türkei und zwei Millionen im Ausland verkauft. Zudem sollen seine Schriften 60 Millionen Mal von seiner Internetseite heruntergeladen worden sein. Im Verfassungsschutzbericht 2007 des Landes Baden-Württemberg wird Oktar im Kapitel über islamischen Extremismus erwähnt.


Social Networks