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Türkische Eltern: Im Zweifel für die höhere Schule

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Türkischstämmige Kinder machen seltener Abitur - weil ihre Eltern Bildung weniger schätzen? Eine Studie räumt nun mit diesem Vorurteil auf, ihr Ergebnis: Bei gleicher Leistung und sozialer Herkunft wechseln türkische Kinder sogar häufiger auf Realschule oder Gymnasium als deutsche.

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Grundschüler (in Berlin): Türkische Eltern besonders bildungsmotiviert

Mehr als jeder Zehnte verlässt die Schule ohne Abschluss, fast die Hälfte geht auf die Hauptschule, nur sehr wenige streben das Abitur an - vergleicht man die Schulkarrieren von Kindern aus Zuwandererfamilien mit Kindern von deutschstämmigen Eltern, wird deutlich: Von Chancengerechtigkeit kann keine Rede sein.

Bisher wurde die Bildungsmisere unter anderem darauf zurückgeführt, dass es Schülern in Migrantenfamilien an Unterstützung fehle. Dazu gehöre, dass Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule für ihre Kinder das Gymnasium eher meiden, auch wenn Lehrer eine entsprechende Empfehlung aussprechen. Vor allem aber würden sie sich im Zweifel eher für die Haupt- als für die Realschule entscheiden.

Eine neue Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, räumt mit diesem Vorurteil auf.

Der Soziologe Jörg Dollmann kommt in seiner Doktorarbeit "Türkischstämmige Kinder am ersten Bildungsübergang" zum Ergebnis: Es mangelt in türkischstämmigen Familien nicht an Bildungsmotivation - im Gegenteil: Bei gleicher Leistung und ähnlichem sozialem Hintergrund wechseln demnach türkische Kinder häufiger auf die Realschule oder das Gymnasium als deutsche Kinder. Der Bildungsanspruch in türkischen Familien sei höher als in deutschen, so Dollmann, der am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung arbeitet.

Mehr Migrantenkinder wechseln auf die Real- statt auf die Hauptschule

Es ist ein überraschender Befund, beachtet man die mit zahlreichen Studien belegte Bildungsmisere der Einwandererkinder. Was schon die Pisa-Studien zeigten, bestätigte im Juni etwa eine Untersuchung des Paritätischen Wohlfahrtverbands: Kinder ausländischer Herkunft erreichen zwar zunehmend höhere Bildungsabschlüsse, ihr Rückstand auf Kinder mit deutschen Eltern bleibt aber nahezu unverändert. Während jeder dritte deutsche Schüler das Abitur absolviert, schafft das nur jeder zehnte Ausländer. 15 Prozent der Ausländerkinder verließen die Schule ohne Abschluss, jedoch nur sechs Prozent der Deutschen.

Dollmann wollte wissen, ob daran auch eine mögliche Zurückhaltung der Eltern verantwortlich ist, wenn es um Weichenstellungen für die Schulkarriere ihrer Kinder geht. Er befragte für seine Studie in den Jahren 2005 bis 2007 rund 1400 türkischstämmige Schüler und Kinder ohne Migrationshintergrund sowie deren Eltern. Bis 2006 entschieden die Eltern in Nordrhein-Westfalen, auf welche weiterführende Schule ihre Kinder nach Klasse vier wechseln. Die Lehrer gaben lediglich eine Empfehlung ab. Vor vier Jahren wurde dies geändert: Seither sind Eltern an die Empfehlung stärker gebunden, können sich aber nach Angaben des Kultusministeriums oftmals zwischen zwei Schulformen entscheiden.

Die Schüler gingen auf 98 Kölner Grundschulen. Sie machten zudem einen Kompetenztest, bei dem sie im Lesen, bei der Rechtschreibung und im Rechnen geprüft wurden.

Ergebnis: Die Chance von Migrantenkindern, auf die Real- statt auf die Hauptschule zu gehen, ist etwa drei Mal höher als für Grundschulabgänger ohne Migrationshintergrund, die vergleichbare Leistungen und einen ähnlichen sozialen Hintergrund haben.

Bei den Gymnasien sei die Tendenz ähnlich, der Unterschied zwischen Deutschstämmigen und Türken sei allerdings statistisch nicht signifikant, sagte Dollmann SPIEGEL ONLINE.

Keine Diskriminierung durch Lehrer

Allgemein würden sich die Bildungsentscheidungen der Eltern nicht negativ auswirken, "ganz im Gegenteil: Der Bildungsanspruch ist höher, dies wirkt bestehenden Defiziten entgehen". Dass türkischstämmige Kinder an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert sind führt Dollmann unter anderem auf das durchschnittlich niedrigere Bildungsniveau und die schwierigere soziale Situation der Eltern zurück.

Die Defizite von Kindern mit Migrationshintergrund bestehen vor allem bei der Sprachkompetenz. Erst im Juni hatte ein nationaler Bildungstest unter Neuntklässlern gezeigt: Jugendliche aus Einwandererfamilien hängen mitunter zwei Jahre im Fach Deutsch hinterher. Bei der Vorstellung der Ergebnisse hatte Schulforscher Olaf Köller ergänzt: Betroffen seien vor allem Kinder aus türkischstämmigen Familien.

Dollmann fand dies bestätigt: Während die Leistungen der Kinder in den Kompetenztests beim Rechnen und bei der Rechtschreibung kaum unterschiedlich waren, hatten Kinder aus türkischstämmigen Familien eine niedrigere Lesekompetenz. Er wies jedoch auch daraufhin, dass die Leistungen der Schüler allgemein vor allem von ihrer sozialen Herkunft abhängen - und nicht von der ethnischen.

Der Soziologe untersuchte zudem, ob Lehrer türkische Kinder bei ihrer Empfehlung für die weiterführende Schule benachteiligen. In Ländern wie Bayern, wo allein die Lehrer entscheiden, wohin die Schüler nach der Grundschule wechseln, hat dies eine weitreichende Bedeutung.

Der Grund für die höhere Bildungsmotivation bleibt vorerst offen

Dollmanns Ergebnis: Eine Diskriminierung findet in Köln nicht statt. Die Empfehlungen hängen bei allen Kindern gleichermaßen von der Leistung und der sozialen Situation der Eltern ab.

Dass Lehrer sich bei Schülern aus sozial schwachen Familien im Zweifel oftmals für die niedrigere Schulform entscheiden, sei keine Diskriminierung, sagte Dollmann. "Ein Argument ist, dass sie in Betracht ziehen, welche Förderung die Kinder in der Schule erhalten werden. Wenn sie davon ausgehen müssen, dass die Schüler zu Hause nur wenig gefördert werden und mehr Unterstützung brauchen, kann die Entscheidung gegen das Gymnasium aus ihrer Sicht einfach besser sein."

"Die Ergebnisse decken sich mit entsprechenden Studien aus dem Ausland", sagte Dollmann. Er fand auch bestätigt, dass sich die Situation der Kinder mit ausländischen Wurzeln verbessert, je länger die Familie in Deutschland lebt: "Kinder aus Familien, die in der dritten Generation in Deutschland leben, schneiden besser ab als Kinder der ersten Generation".

Dollmann lässt die Frage offen, warum türkischstämmige Familien stärker danach streben, dass ihre Kinder einen höheren Bildungsabschluss erreichen, als deutschstämmige. Für eine Erklärung brauche es eine eigene Studie.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
c++ 23.08.2010
Jedem, der sich im Bildungswesen auskennt, war schon immer klar, dass Lehrer nicht nach ethnischer Herkunft diskriminieren, sondern allen Schülern die gleichen Chancen geben. Jetzt ist also wieder einmal ein Märchen gestorben, nämlich das von den bösen Nazideutschen, die die armen Migrantenkinder diskriminieren
2. So...
sappelkopp 23.08.2010
Zitat von c++Jedem, der sich im Bildungswesen auskennt, war schon immer klar, dass Lehrer nicht nach ethnischer Herkunft diskriminieren, sondern allen Schülern die gleichen Chancen geben. Jetzt ist also wieder einmal ein Märchen gestorben, nämlich das von den bösen Nazideutschen, die die armen Migrantenkinder diskriminieren
...habe ich den Artikel nicht verstanden, ich bezweifel auch stark, dass sie allen Schülern die gleichen Chancen geben. Das tut kein Mensch, erst recht kein Pauker.
3. .
kuchenbob, 23.08.2010
Ich brauche an einigen Stellen mal Hilfe. ---Zitat--- Ergebnis: Die Chance von Migrantenkindern, auf die Real- statt auf die Hauptschule zu gehen, ist etwa drei Mal höher als für Grundschulabgänger ohne Migrationshintergrund, die vergleichbare Leistungen und einen ähnlichen sozialen Hintergrund haben. ---Zitatende--- Was genau heisst denn jetzt "Chance"? Die Chance, dass die Eltern die Kinder auf eine höhere Schule schicken wollen, unabhängig von den Empfehlungen der Lehrer? Das Wort "Chance" ist ziemlich schlecht gewählt. Und das Ergebnis sieht dann wie aus? Die bildungshungrigen Türken schaffen die Realschule dann aber nicht und werden ganz fix in die Hauptschulen gesteckt oder wie? dann das hier: ---Zitat--- Bei den Gymnasien sei die Tendenz ähnlich, der Unterschied zwischen Deutschstämmigen und Türken sei allerdings statistisch nicht signifikant, sagte Dollmann SPIEGEL ONLINE. ---Zitatende--- Beim Beispiel Haupt-/ Realschule dreimal höher, wenn es um die Frage Realschule/ Gymnasium geht aber statistisch nicht signifikant. Wie kann man dann bitte von einem ähnlichen Trend sprechen? ---Zitat--- Dollmann lässt die Frage offen, warum türkischstämmige Familien stärker danach streben, dass ihre Kinder einen höheren Bildungsabschluss erreichen, als deutschstämmige. ---Zitatende--- Comedy.
4. ...
phboerker 23.08.2010
Was lernen wir denn nun aus dieser Studie? Mir scheint, die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Bildungssituation und der von der Studie angeblich festgestellten Tendenz bei der Wahl des Bildungsweges *bei ähnlicher Leistung und Familiensituation* ist nur dadurch aufzuklären, dass die schulischen Leistungen oder die Familiensituationen eben mehrheitlich nicht ähnlich sind?
5. Was sind dann die Gründe für das türkische Bildungsdisatser?
Oliver Resch, 23.08.2010
"Es mangelt in türkischstämmigen Familien nicht an Bildungsmotivation" Glaubt man dieser Studie, dann haben die Türken eine höhere Bildungsmotivation als die Deutschen. Was sind dann aber die Gründe für das desaströse Abschneiden der türkischen Schüler bei allen PISA-Vergleichen (selbst unter allen Ausländergruppen mit ähnlichem sozialen Hintergrund haben sie das mit Abstand schlechteste Ergebnis)? Mangelnde Intelligenz?
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