Von Birger Menke
Mehr als jeder Zehnte verlässt die Schule ohne Abschluss, fast die Hälfte geht auf die Hauptschule, nur sehr wenige streben das Abitur an - vergleicht man die Schulkarrieren von Kindern aus Zuwandererfamilien mit Kindern von deutschstämmigen Eltern, wird deutlich: Von Chancengerechtigkeit kann keine Rede sein.
Bisher wurde die Bildungsmisere unter anderem darauf zurückgeführt, dass es Schülern in Migrantenfamilien an Unterstützung fehle. Dazu gehöre, dass Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule für ihre Kinder das Gymnasium eher meiden, auch wenn Lehrer eine entsprechende Empfehlung aussprechen. Vor allem aber würden sie sich im Zweifel eher für die Haupt- als für die Realschule entscheiden.
Eine neue Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, räumt mit diesem Vorurteil auf.
Der Soziologe Jörg Dollmann kommt in seiner Doktorarbeit "Türkischstämmige Kinder am ersten Bildungsübergang" zum Ergebnis: Es mangelt in türkischstämmigen Familien nicht an Bildungsmotivation - im Gegenteil: Bei gleicher Leistung und ähnlichem sozialem Hintergrund wechseln demnach türkische Kinder häufiger auf die Realschule oder das Gymnasium als deutsche Kinder. Der Bildungsanspruch in türkischen Familien sei höher als in deutschen, so Dollmann, der am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung arbeitet.
Mehr Migrantenkinder wechseln auf die Real- statt auf die Hauptschule
Es ist ein überraschender Befund, beachtet man die mit zahlreichen Studien belegte Bildungsmisere der Einwandererkinder. Was schon die Pisa-Studien zeigten, bestätigte im Juni etwa eine Untersuchung des Paritätischen Wohlfahrtverbands: Kinder ausländischer Herkunft erreichen zwar zunehmend höhere Bildungsabschlüsse, ihr Rückstand auf Kinder mit deutschen Eltern bleibt aber nahezu unverändert. Während jeder dritte deutsche Schüler das Abitur absolviert, schafft das nur jeder zehnte Ausländer. 15 Prozent der Ausländerkinder verließen die Schule ohne Abschluss, jedoch nur sechs Prozent der Deutschen.
Dollmann wollte wissen, ob daran auch eine mögliche Zurückhaltung der Eltern verantwortlich ist, wenn es um Weichenstellungen für die Schulkarriere ihrer Kinder geht. Er befragte für seine Studie in den Jahren 2005 bis 2007 rund 1400 türkischstämmige Schüler und Kinder ohne Migrationshintergrund sowie deren Eltern. Bis 2006 entschieden die Eltern in Nordrhein-Westfalen, auf welche weiterführende Schule ihre Kinder nach Klasse vier wechseln. Die Lehrer gaben lediglich eine Empfehlung ab. Vor vier Jahren wurde dies geändert: Seither sind Eltern an die Empfehlung stärker gebunden, können sich aber nach Angaben des Kultusministeriums oftmals zwischen zwei Schulformen entscheiden.
Die Schüler gingen auf 98 Kölner Grundschulen. Sie machten zudem einen Kompetenztest, bei dem sie im Lesen, bei der Rechtschreibung und im Rechnen geprüft wurden.
Ergebnis: Die Chance von Migrantenkindern, auf die Real- statt auf die Hauptschule zu gehen, ist etwa drei Mal höher als für Grundschulabgänger ohne Migrationshintergrund, die vergleichbare Leistungen und einen ähnlichen sozialen Hintergrund haben.
Bei den Gymnasien sei die Tendenz ähnlich, der Unterschied zwischen Deutschstämmigen und Türken sei allerdings statistisch nicht signifikant, sagte Dollmann SPIEGEL ONLINE.
Keine Diskriminierung durch Lehrer
Allgemein würden sich die Bildungsentscheidungen der Eltern nicht negativ auswirken, "ganz im Gegenteil: Der Bildungsanspruch ist höher, dies wirkt bestehenden Defiziten entgehen". Dass türkischstämmige Kinder an Haupt- und Sonderschulen überrepräsentiert sind führt Dollmann unter anderem auf das durchschnittlich niedrigere Bildungsniveau und die schwierigere soziale Situation der Eltern zurück.
Die Defizite von Kindern mit Migrationshintergrund bestehen vor allem bei der Sprachkompetenz. Erst im Juni hatte ein nationaler Bildungstest unter Neuntklässlern gezeigt: Jugendliche aus Einwandererfamilien hängen mitunter zwei Jahre im Fach Deutsch hinterher. Bei der Vorstellung der Ergebnisse hatte Schulforscher Olaf Köller ergänzt: Betroffen seien vor allem Kinder aus türkischstämmigen Familien.
Dollmann fand dies bestätigt: Während die Leistungen der Kinder in den Kompetenztests beim Rechnen und bei der Rechtschreibung kaum unterschiedlich waren, hatten Kinder aus türkischstämmigen Familien eine niedrigere Lesekompetenz. Er wies jedoch auch daraufhin, dass die Leistungen der Schüler allgemein vor allem von ihrer sozialen Herkunft abhängen - und nicht von der ethnischen.
Der Soziologe untersuchte zudem, ob Lehrer türkische Kinder bei ihrer Empfehlung für die weiterführende Schule benachteiligen. In Ländern wie Bayern, wo allein die Lehrer entscheiden, wohin die Schüler nach der Grundschule wechseln, hat dies eine weitreichende Bedeutung.
Der Grund für die höhere Bildungsmotivation bleibt vorerst offen
Dollmanns Ergebnis: Eine Diskriminierung findet in Köln nicht statt. Die Empfehlungen hängen bei allen Kindern gleichermaßen von der Leistung und der sozialen Situation der Eltern ab.
Dass Lehrer sich bei Schülern aus sozial schwachen Familien im Zweifel oftmals für die niedrigere Schulform entscheiden, sei keine Diskriminierung, sagte Dollmann. "Ein Argument ist, dass sie in Betracht ziehen, welche Förderung die Kinder in der Schule erhalten werden. Wenn sie davon ausgehen müssen, dass die Schüler zu Hause nur wenig gefördert werden und mehr Unterstützung brauchen, kann die Entscheidung gegen das Gymnasium aus ihrer Sicht einfach besser sein."
"Die Ergebnisse decken sich mit entsprechenden Studien aus dem Ausland", sagte Dollmann. Er fand auch bestätigt, dass sich die Situation der Kinder mit ausländischen Wurzeln verbessert, je länger die Familie in Deutschland lebt: "Kinder aus Familien, die in der dritten Generation in Deutschland leben, schneiden besser ab als Kinder der ersten Generation".
Dollmann lässt die Frage offen, warum türkischstämmige Familien stärker danach streben, dass ihre Kinder einen höheren Bildungsabschluss erreichen, als deutschstämmige. Für eine Erklärung brauche es eine eigene Studie.
Mit Material von dpa
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