Streit um verkürztes Gymnasium: Turbo-Abi in der Reifeprüfung

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Mehr Schulstress, viele Hausaufgaben, wenig Freizeit: Das Turbo-Abitur hat einen katastrophalen Ruf bei Schülern, Eltern, Lehrern. Einige Bundesländer rücken von der G-8-Reform schon wieder ab. Aber warum wurde ausgerechnet das angesehene Gymnasium zum Experimentierfeld?

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Abiturprüfung in Baden-Württemberg: Wie stressig ist das Turbo-Abi?

Was passiert, wenn man für das Abitur ein Jahr weniger Zeit hat, sieht Udo Kromer an seiner Musical-AG. Der Schulleiter aus Pforzheim ist mit seinen Schülern gerade unterwegs nach Stuttgart, um sich ein Musiktheater-Stück anzuschauen. Der Ausflug findet allerdings in kleiner Runde statt. "Seit G8 haben wir in der AG ein Nachwuchsproblem", sagt Kromer.

G8 steht für eine der am heftigsten umstrittenen Schulreformen der vergangenen Jahre: das achtjährige Gymnasium, das Abitur nach Klasse 12. Viele Schüler hätten für Aktivitäten außerhalb des Unterrichts keine Zeit mehr, sagt Kromer. Auch deshalb ist das Theodor-Heuss-Gymnasium wieder zum Abitur in neun Jahren zurückgekehrt. Es ist eines von 22 Gymnasien in Baden-Württemberg, das seit September an einem Modellversuch teilnimmt.

Auf der Homepage des Gymnasiums sind einige Probleme des G-8-Modells aufgelistet: die vielen Wochenstunden zum Beispiel oder der erschwerte Übergang von der Realschule zum Gymnasium. "Kinder brauchen Muße zum Lernen. Sie sollen sich entwickeln und nicht funktionieren", sagt Kromer. Er glaubt an die Kraft der Entschleunigung. Kein Feind des G8, aber ein großer Freund des G9.

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Studie zum Turbo-Abitur: Kürzer ist besser
Gegen diese Philosophie stehen nun allerdings die Zahlen einer neuen Studie, die der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) verkündet hat: Demnach haben Turbo-Abiturienten aus der Hansestadt einen Vorsprung in Englisch, Mathe und Naturwissenschaften - sie schneiden bei Leistungstests besser ab als frühere Abiturienten, die ein Jahr mehr Zeit hatten. Ein klarer Erfolg der Schulzeitverkürzung, findet Rabe.

Das Wissen in der Breite fehlt, kritisieren Schulleiter

Weniger Zeit, mehr Leistung, so argumentieren die Verfechter des Turbo-Abiturs. Allerdings haben viele Eltern, Lehrer und Schüler eine ganz andere Meinung. Selbst an G-8-Vorzeigeschulen gibt es vorsichtige Kritik. In einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks sagt etwa der Schulleiter des traditionsreichen Wilhelm-Gymnasiums in München, Michael Hotz: "Das G8 haben wir uns nicht gewünscht." Die Schulen mussten viele zusätzliche Belastungen schultern. Zwar zieht er eine eher positive Bilanz. Aber er sagt auch: Das Wissen lasse sich nicht mehr in der selben Breite vermitteln wie früher.

Mittlerweile rudern einige Bundesländer zurück. In Bayern soll ein freiwilliges Zusatzjahr, das sogenannte Flexibilisierungsjahr, eingeführt werden. Auch Hessen will mehr Wahlfreiheit erlauben. In beiden Bundesländern stehen im kommenden Jahr schließlich Landtagswahlen an.

Beim Turbo-Abitur sind die Bildungspolitiker auf einem Zickzackkurs - und das bereits seit Jahren. Der deutsche Flickenteppich der verschiedenen Schulsysteme wird dadurch nur noch größer - und das Gymnasium, so empfinden es viele, wird zum Reform-Labor. Kaum sind die ersten Turbo-Abiturienten an die Unis geströmt, wird bereits zurückreformiert.

Wie kam es dazu? Es lohnt sich ein Rückblick auf die Geschichte der Institution Gymnasium:

  • Die Anfänge - G9 in Preußen, Abitur nach zwölf Jahren: Preußische Bildungsreformer, allen voran Wilhelm von Humboldt, hatten vor gut 200 Jahren ein ganz großes Ziel - die "allgemeine Menschenbildung". Das Gymnasium entwarf Humboldt als "gelehrte Schule" für die talentiertesten Kinder aus dem Bürgertum. Nur hier durfte man das Abitur machen, nach neun Jahren. Mit drei Jahren Vorbereitungsschule kam man so auf eine Schulzeit von zwölf Jahren.
  • Die ersten Reformen - Wie das 13. Schuljahr entstand: Kaum ein Land in Europa schickte seine Kinder und Jugendliche für 13 Jahre in die Schule. Auch in Deutschland kam das Zusatzjahr als Kompromiss zustande. Die Sozialdemokraten der Weimarer Republik wollten Arbeiterkindern mehr Bildung ermöglichen - die Grundschulzeit wurde 1920 auf vier Jahre verlängert. Die Lehrer an den Gymnasien wollten aber ihre Wirkungszeit nicht beschnitten sehen, so verlängerte sich die Schulzeit für Abiturienten insgesamt auf 13 Jahre.
  • Die Spaltung - Wie Bundesrepublik und DDR unterschiedliche Wege beschritten: Die Bundesrepublik setzte - gegen den Wunsch der Alliierten - weiter auf das dreigliedrige Schulsystem aus Haupt- und Realschule sowie dem neunjährigen Gymnasium. In der DDR hingegen wurde die Oberschule, später die Erweiterte Oberschule oder Polytechnische Oberschule eingeführt, an der man nach der zwölften Klasse die Hochschulreife erlangen konnte.
  • Der ideologische Streit - Wie das West-Gymnasium zur Baustelle wurde: Die Bundesrepublik diskutierte über Chancengleichheit, in vielen europäischen Ländern wurden die alten mehrgliedrigen Schulsysteme aufgelöst. Am deutschen Gymnasium wurde die Oberstufe reformiert, das Kurs-System eingeführt. Bildungsreformer und vor allem die SPD kritisierten das Gymnasium zunehmend als elitär, sie stritten für die Einführung der Gesamtschule.
  • Die Wende - Warum manche Schüler zwölf Jahre, manche 13 Jahre zur Schule gehen: Nach der Wiedervereinigung bauten die neuen Bundesländer ihre Schullandschaft um. Sachsen und Thüringen blieben beim Abitur nach der zwölften Klasse - und schneiden heute in Bildungsstudien meist ziemlich gut ab. Die anderen Ost-Länder führten zunächst ein 13. Schuljahr ein, ruderten dann aber wieder zurück.
  • Die Geburt des G8 - Wie fast alle Länder auf Tempo setzten: Nach dem Pisa-Schock sollte fast alles besser werden an den Schulen. Die Kinder sollten früher in die Schule, schneller ins Studium und auf den Arbeitsmarkt. Die Kultusminister strichen in vielen Bundesländern das 13. Schuljahr, ohne jedoch Stoff und Stundenzahl wirklich zu reduzieren.

Wie es mit den Modellversuchen und Reformen der Reform jetzt weitergehen soll, ist offen. Schulleiter Kromer aus Pforzheim jedenfalls ist froh über die zusätzliche Unterrichtszeit, die er nun in die Kernfächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen stecken kann. Sollten sich für das nächste Schuljahr 30 Eltern finden, die ihre Kinder wieder in einer G-8-Klasse unterrichten lassen wollen, dann werde das Theodor-Heuss-Gymnasium diesem Wunsch folgen. "Aber sagen wir es mal so: Ich werde diese Eltern nicht suchen", sagt Kromer.

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insgesamt 73 Beiträge
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1.
labertasche2011 28.11.2012
Zitat von sysopIn der DDR hingegen wurde die Oberschule, später die Erweiterte Oberschule oder Polytechnische Oberschule eingeführt, an der man nach der 12. Klasse die Hochschulreife erlangen konnte.
Es muss heißen 'und' nicht 'oder'. Abitur hat man auf der EOS gemacht. Aber vorher war man zehn Jahre auf der POS. Wenn man, wie zu POS - Zeiten, eine Sechstagewoche hat, dann schafft man das Abi locker in zwölf Jahren...
2. 12 Jahre zum Abi reichen
Gipsel 28.11.2012
Zitat von labertasche2011Es muss heißen 'und' nicht 'oder'. Abitur hat man auf der EOS gemacht. Aber vorher war man zehn Jahre auf der POS. Wenn man, wie zu POS - Zeiten, eine Sechstagewoche hat, dann schafft man das Abi locker in zwölf Jahren...
Das war nur später so. Anfangs gab es 8 Jahre POS + 4 Jahre EOS. Ich habe übrigens noch in 12 Jahren mein (bundesdeutsches) Abi gemacht (vor der Umstellung auf 13 Jahre). Also das ist wirklich locker drin (auch ohne 6-Tage-Woche, die wurde in der DDR 1985 abgeschafft). Ich weiß gar nicht, womit man uns ein 13. Jahr hätte langweilen wollen. Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist heute, daß die Kinder in den unteren Klassen chronisch unterfordert werden. Die Eltern jammern immer von Überforderung und wollen ihre Kleinen beschützen, aber das genaue Gegenteil ist normalerweise der Fall. Wenn man bis zur fünften, sechsten Klasse schon zwei Jahre Rückstand aufbaut, muß man sich dann über gelegentlichen Streß in den höheren Klassen nicht mehr wundern, wenn das in den letzten 2 Jahren aufgeholt werden soll.
3. Unverständnis
ivanogor 28.11.2012
Ich habe mein Abitur in Sachsen abgelegt nach 12 Jahren. Ich verstehe das Rumgejammer in keinster Weise. Freizeit gabs auch mehr als genug.
4. Schulleiter Kromer hat Recht
politischerbeobachter2012 28.11.2012
mit seiner Beobachtung, dass G 8 die AGs und das zusätzliche Engagement für andere Aktivitäten schwächt. Dass seit der G-8-Einführung viele Orchester, Chöre, Schülerzeitungen, AGs unter Mitgliederschwund leiden oder eingegangen sind, kann jeder bestätigen, der sich mit Schule auskennt. Für die Bildung der Schüler ist das ein Verlust - wenn auch einer, der schwer zu messen ist.
5. Murks
mathmag 28.11.2012
Zitat von GipselDas Hauptproblem aus meiner Sicht ist heute, daß die Kinder in den unteren Klassen chronisch unterfordert werden. Die Eltern jammern immer von Überforderung und wollen ihre Kleinen beschützen, aber das genaue Gegenteil ist normalerweise der Fall. Wenn man bis zur fünften, sechsten Klasse schon zwei Jahre Rückstand aufbaut, muß man sich dann über gelegentlichen Streß in den höheren Klassen nicht mehr wundern, wenn das in den letzten 2 Jahren aufgeholt werden soll.
Das Problem ist, dass man genau mit dem "woanders klappt's doch auch" rangegangen ist ohne Stoff neu zu sortieren und zu kürzen. Die ruhige Phase war doch traditionell eher in den oberen Klassen, statt das zu ändern, hat man den Druck in die "chronisch unterforderten" Klassen 5 und 6 gepackt. Also genau dahin, wo die Schüler es am wenigsten gebrauchen können. Aber es hat ja vorher halbwegs funktioniert, da musste es man ja kaputt machen. Paranoia? Mag sein, aber die Eliminierung des Diploms und der Bologna-Unfug sind ja dann wenigstens konsistent.
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Das Turbo-Abitur hat einen miesen Ruf: Es gilt als Ursache für Schüler-Stress und mangelnde Freizeit. Viele Eltern und Bildungspolitiker sagen, Schüler würden nach zwölf Schuljahren zentrale Fähigkeiten noch gar nicht richtig beherrschen. Jetzt zeigt eine neue Studie: Hamburger Schüler schaffen nach acht Jahren Gymnasium bessere Leistungen als nach neun. Was ist ihre Meinung: Wie lange sollte das Gymnasium dauern?


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