Von Jonas Leppin und Oliver Trenkamp
Was passiert, wenn man für das Abitur ein Jahr weniger Zeit hat, sieht Udo Kromer an seiner Musical-AG. Der Schulleiter aus Pforzheim ist mit seinen Schülern gerade unterwegs nach Stuttgart, um sich ein Musiktheater-Stück anzuschauen. Der Ausflug findet allerdings in kleiner Runde statt. "Seit G8 haben wir in der AG ein Nachwuchsproblem", sagt Kromer.
G8 steht für eine der am heftigsten umstrittenen Schulreformen der vergangenen Jahre: das achtjährige Gymnasium, das Abitur nach Klasse 12. Viele Schüler hätten für Aktivitäten außerhalb des Unterrichts keine Zeit mehr, sagt Kromer. Auch deshalb ist das Theodor-Heuss-Gymnasium wieder zum Abitur in neun Jahren zurückgekehrt. Es ist eines von 22 Gymnasien in Baden-Württemberg, das seit September an einem Modellversuch teilnimmt.
Auf der Homepage des Gymnasiums sind einige Probleme des G-8-Modells aufgelistet: die vielen Wochenstunden zum Beispiel oder der erschwerte Übergang von der Realschule zum Gymnasium. "Kinder brauchen Muße zum Lernen. Sie sollen sich entwickeln und nicht funktionieren", sagt Kromer. Er glaubt an die Kraft der Entschleunigung. Kein Feind des G8, aber ein großer Freund des G9.
Das Wissen in der Breite fehlt, kritisieren Schulleiter
Weniger Zeit, mehr Leistung, so argumentieren die Verfechter des Turbo-Abiturs. Allerdings haben viele Eltern, Lehrer und Schüler eine ganz andere Meinung. Selbst an G-8-Vorzeigeschulen gibt es vorsichtige Kritik. In einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks sagt etwa der Schulleiter des traditionsreichen Wilhelm-Gymnasiums in München, Michael Hotz: "Das G8 haben wir uns nicht gewünscht." Die Schulen mussten viele zusätzliche Belastungen schultern. Zwar zieht er eine eher positive Bilanz. Aber er sagt auch: Das Wissen lasse sich nicht mehr in der selben Breite vermitteln wie früher.
Mittlerweile rudern einige Bundesländer zurück. In Bayern soll ein freiwilliges Zusatzjahr, das sogenannte Flexibilisierungsjahr, eingeführt werden. Auch Hessen will mehr Wahlfreiheit erlauben. In beiden Bundesländern stehen im kommenden Jahr schließlich Landtagswahlen an.
Beim Turbo-Abitur sind die Bildungspolitiker auf einem Zickzackkurs - und das bereits seit Jahren. Der deutsche Flickenteppich der verschiedenen Schulsysteme wird dadurch nur noch größer - und das Gymnasium, so empfinden es viele, wird zum Reform-Labor. Kaum sind die ersten Turbo-Abiturienten an die Unis geströmt, wird bereits zurückreformiert.
Wie kam es dazu? Es lohnt sich ein Rückblick auf die Geschichte der Institution Gymnasium:
Wie es mit den Modellversuchen und Reformen der Reform jetzt weitergehen soll, ist offen. Schulleiter Kromer aus Pforzheim jedenfalls ist froh über die zusätzliche Unterrichtszeit, die er nun in die Kernfächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen stecken kann. Sollten sich für das nächste Schuljahr 30 Eltern finden, die ihre Kinder wieder in einer G-8-Klasse unterrichten lassen wollen, dann werde das Theodor-Heuss-Gymnasium diesem Wunsch folgen. "Aber sagen wir es mal so: Ich werde diese Eltern nicht suchen", sagt Kromer.
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