Unesco-Bericht: 67 Millionen Kinder besuchen keine Schule

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Bildung für alle? Von diesem Ziel ist die Welt weit entfernt, schreibt die Unesco in ihrem aktuellen Bericht. Zwar sinkt die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen - aber nur langsam. Besonders im Krieg leide die Bildung. Das sei bislang missachtet worden.

Junge in Kenia: Viele Kinder müssen arbeiten, statt zur Schule zu gehen Zur Großansicht
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Junge in Kenia: Viele Kinder müssen arbeiten, statt zur Schule zu gehen

Kriege nehmen Kindern ihre Zukunft. Denn in Kriegen leidet auch ihre Bildung. Auf diese Problem weist der Unesco-Weltbildungsbericht 2011 unter dem Titel "The hidden crisis: Armed conflicts and education" hin, der am Dienstag in New York vorgestellt wird. "Bewaffneter Konflikt ist in vielen Weltregionen ein großes Hindernis für gesellschaftliche Entwicklung. Dennoch werden die Auswirkungen von Konflikten für die Bildung weitestgehend ignoriert", sagte die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova.

164 Länder verabschiedeten im April 2000 beim Weltbildungsforum in Dakar den Aktionsplan "Bildung für alle". Sechs Ziele sollten bis 2015 erreicht werden. "Trotz vieler Fortschritte werden die meisten Ziele deutlich verfehlt, insbesondere in den Regionen mit dauerhaften Konflikten", teilte die Deutsche Unesco-Kommission mit.

"In vielen der ärmsten Länder der Welt zerstören bewaffnete Konflikte nicht nur die Schulinfrastruktur, sondern auch die Hoffnungen und Ambitionen von Generationen von Kindern", heißt es in dem Bericht, der jährlich im Auftrag der Unesco von einem unabhängigen Team verfasst wird. Weltweit besuchen 67 Millionen Kinder keine Schule, 28 Millionen davon leben in Ländern mit Konfliktsituationen. Auch Flüchtlinge und Vertriebene haben nur einen eingeschränkten Zugang zur Bildung. Im Krieg würden Lehrer, Kinder und Schulen immer wieder als legitime Ziele betrachtet. Allein in Afghanistan seien im Jahr 2009 mindestens 613 Schulen angegriffen worden, schreiben die Autoren.

Fehlende Bildung macht Gesellschaften anfälliger für Konflikte

Verletzungen, Traumata und Stigmatisierungen verursachten eine andauernde Benachteiligung. Mangelnde Bildung mache Gesellschaften wiederum anfälliger für neue Konflikte: Milizen profitierten von Perspektivlosigkeit und Armut. Durch einen ungleichen Bildungszugang fühlten sich Kinder und Jugendliche ungerecht behandelt. Zudem bestehe die Gefahr, dass Schulen missbraucht würden, um Vorurteile und Intoleranz zu stärken.

Auf dem Weltbildungsforum in Dakar hätten die Staaten zwar bewaffnete Konflikte als Haupthindernis für das Erreichen von "Bildung für alle" erkannt, allerdings sei dieses Hindernis unterschätzt worden, heißt es in dem Bericht.

Derzeit investieren 21 Entwicklungsländer mehr Geld in Militär als in Grundschulbildung, rechneten die Autoren aus. Zudem schätzen sie, dass 2009 nur etwa zwei Prozent der gesamten Entwicklungshilfe für Bildung ausgegeben wurde. Kaum mehr als ein Drittel der Anfragen auf Hilfe für Bildung werde unterstützt. "Der Grund liegt darin, dass teilweise Bildung nicht als lebenswichtig betrachtet wird", erklären sie.

In dem Weltbildungsbericht werden vier zentrale Forderungen aufgestellt, um die Bildung für Menschen in bewaffneten Konflikten zu verbessern:

  • Bildung in der humanitären Hilfe muss eine höhere Priorität bekommen.
  • Es muss mehr Geld zur Verfügung stehen.
  • Die tatsächlichen Bedürfnisse von Flüchtlingen und Vertriebenen müssen besser ermittelt werden.
  • Unicef und UNHCR sollten ein gemeinsames Mandat für Bildung von Flüchtlingen und Vertriebenen bekommen. Außerdem sollen Gastländer ihnen Zugang zu Bildungssystemen verschaffen.

Ziele und Realität im Vergleich

Der aktuelle Weltbildungsbericht zeigt auch, dass einige Entwicklungsländer in den vergangenen Jahren Fortschritte in der Bildung gemacht haben. Dennoch klaffe eine große Lücke zwischen den Zielen von Dakar und der Realität. "Es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass diese Lücke größer wird", heißt es in einer Zusammenfassung des Berichts. Angesichtes des gegenwärtigen Trends bestehe die Gefahr, dass in vier Jahren weniger Kinder als heute eine Schule besuchen.

Der Bericht gleicht die Ziele mit der Realität ab:

Ziel 1: Frühkindliche Bildung und Erziehung

Die Kindersterblichkeit gehe insgesamt zurück: 2008 starben weltweit 8,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren, 1990 waren es noch 12,5 Millionen. Allerdings seien von den 68 Ländern mit hohen Kindersterblichkeitsraten nur 19 auf dem richtigen Weg. Mangelhaft ernährte Kinder würden ihr physisches und geistiges Potential häufig nicht verwirklichen. Deswegen dürfe die Auswirkung von Mangelernährung auf die Bildungschancen nicht unterschätzt werden.

Ziel 2: Universelle Grundschulbildung

Bei Verabschiedung des Aktionsplans besuchten ungefähr 106 Millionen Kinder keine Schule. Bis 2008 sei die Zahl auf 67 Millionen zurückgegangen. "Trotz ermutigender Erfolge ist die Welt nicht auf dem Weg, universelle Grundschulbildung bis 2015 zu erreichen", heißt es in dem Bericht. Es bestehe sogar die Gefahr, dass die Zahl der Kinder ohne Schulbildung wieder ansteigen werde.

Ziel 3: Lernchancen für Jugendliche und Erwachsene

Die Zahl der Jugendlichen, die keine Schule besuchen, gehe zwar zurück, sei aber immer noch zu hoch: 2008 seien es immer noch 74 Millionen Jugendliche gewesen.

Ziel 4: Alphabetisierung Erwachsener

Die Analphabetenrate sollte bis 2015 halbiert werden. Dieses Ziel sei längst nicht erreicht. 2008 hätten immer noch 796 Millionen Erwachsene keine grundlegende Lese- und Schreibkompetenz gehabt.

Ziel 5: Geschlechterparität und Gleichberechtigung

Bis 2015 sollten Jungen und Mädchen im Bildungssystem gleichberechtigt sein. Zwar seien Fortschritte zu verzeichnen, aber um Gleichberechtigung herzustellen müssten 3,6 Millionen mehr Mädchen eine Schule besuchen.

Ziel 6: Bildungsqualität

Insgesamt sollte die Qualität der Bildung deutlich verbessert werden. In wohlhabenden Länder erzielten Schüler beim Iglu-Test durchschnittliche bis überdurchschnittliche Leistungen. In vielen Entwicklungsländern aber seien die Lernerfolge sehr niedrig.

Insgesamt habe sich die internationale Hilfe für Bildung seit 2002 fast verdoppelt. Dadurch seien wichtige Fortschritte erzielt worden, heißt es im Bericht. Allerdings stagnierten die Hilfsleistungen seit 2008. Der Bericht schätzt die Finanzierungslücke derzeit auf 16 Milliarden US-Dollar jährlich, um das Ziel "Bildung für alle" zu erreichen.

"Mehr finanzielle Mittel garantieren noch keinen Erfolg in der Bildung", schlussfolgern die Verfasser, "doch chronische Unterfinanzierung ist ein sicherer Weg zum Scheitern."

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1. *67 millionen* ?
frank_lloyd_right 01.03.2011
das doch ist laecherlich wenig - das schreit nach einer quote ! ein hochgebildeter planet, warum bloss nuetzt das alles nichts ?
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