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Verdutzte Wissenschaftler: Kinder publizieren in Medizin-Fachjournal

Von Jochen Schönmann

Hannah ist 12, Philipp 14. Die Mannheimer Geschwister sind die jüngsten Autoren in der langen Geschichte eines renommierten medizinischen Fachmagazins - und vermutlich auch weltweit die jüngsten. Für ihre Studie gab es "keinen Kinderbonus", beteuert die Redaktion.

Wer sich gut ernährt, viel Sport treibt und wenig Zeit vor dem Fernseher verbringt, hat auch in der Schule die besseren Noten. Stimmt das überhaupt? Und wenn ja, warum? Das fragten sich Hannah Neumann, 12 und ihr Bruder Philip, 14 - sie hatten davon in der Zeitung gelesen. Kurzerhand starteten sie selbst eine Studie. Sie gestalteten einen Fragebogen und verteilten ihn an ihre Mitschüler am Mannheimer Lessing-Gymnasium.

Das allein ist schon besonders. Es kommt aber noch besser: Die Ergebnisse der Studie von Hannah und Phillip werden heute im Medizin-Fachmagazin "Deutsche Medizinische Wochenschrift" (DMW) veröffentlicht. Hier zu publizieren ist selbst für renommierte Mediziner eine Ehre.

"Das macht die beiden Kinder zu den jüngsten Autoren in der 132-jährigen Geschichte unserer Zeitschrift", sagt Chefredakteur Martin Middeke. Und "möglicherweise auch weltweit" zu den jüngsten Autoren in einer medizinischen Fachzeitschrift überhaupt.

Dabei wollten die beiden ursprünglich nur herausfinden, wie ihre eigenen Mitschüler sich ernähren und wieviel Sport sie treiben - "wir haben nach einem Projekt für 'Jugend forscht' gesucht. Dann haben wir die Artikel über Schüler und schlechte Ernährungsgewohnheiten gefunden", erzählt Phillip.

"Kein Kinderbonus"

Schnell wurde daraus ein wissenschaftliches Projekt. Die Ergebnisse waren so spannend, dass die beiden Kinder zu einer Präsentation auf einem Diabetes-Kongress in Hamburg eingeladen wurden. Im Programm standen nur die Namen "H. und P. Neumann" und das Thema. Unter vielen anderen Medizinprofessoren saß im Publikum auch Martin Middeke: "Ich war sprachlos, als zwei Jugendliche das Podium betraten. Mit sowas rechnet ja niemand."

Aber die Qualität, mit der die Geschwister ihre Studie aufgebaut hatten, habe keine Wünsche offen gelassen, so Middeke. "Das war sehr professionell. Die beiden wussten ganz genau, wovon sie sprechen." Der Mediziner beteuert, es habe "keinen Kinderbonus" gegeben. Die Studie sei absolut valide und belastbar, "sie durchlief das übliche Gutachterverfahren".

Hannah erklärt das so: "Wir haben insgesamt fast eineinhalb Jahre an unsere Studie gearbeitet. Und wir hatten die Gelegenheit, unsere Ergebnisse schon einmal bei den 'Heidelberger Stoffwechseltagen' an der Krehlklinik vorzutragen."

729 Fragebögen hatten Hannah und Phillip 2006 an ihrer Schule verteilt, 84 Prozent kamen ausgefüllt zurück. Eine höchst erstaunliche Rücklaufquote, die gleichzeitig zeigt, dass das Thema bei den Jugendlichen auf großes Interesse stößt.

Hannah und Philip fragten nach den Ernährungsgewohnheiten der Mitschüler, ihrem Freizeitverhalten, Medienkonsum oder der Zeit, die sie mit Sport oder vor dem Fernseher verbringen. Ausgewertet haben sie das alles mit einem ausgeklügelten Punktesystem. Ein bisschen half ihre Mutter mit. Sie ist Ärztin und hat das Mediziner-Gen offenbar an ihre Kinder vererbt. Bei der Auswertung der Datenflut half dann Mathematikerin Christel Weiß. Sie leitet die Abteilung für medizinische Statistik an der Universität Heidelberg und ist eine Bekannte der Mutter.

Wer sich gut ernährt, hat bessere Noten

Die Ergebnisse von Hannah und Philip zeigen: Besonders bei Mädchen besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen guter Ernährung und guten Schulnoten. Und bei Jungs wie Mädchen wirken sich viel Sport, wenig TV-Konsum und das Spielen eines Musikinstruments eindeutig positiv auf die schulischen Leistungen aus.

Mathematikerin Weiß sagt aber: "Wenn ein Mädchen mehr Salat isst, werden dadurch nicht automatisch die Noten besser." Vielmehr sei anzunehmen, dass ein Mädchen, das sich gut ernährt, im Ganzen eine andere Lebenseinstellung hat als ein Mädchen, das sich ungesund ernährt. "Diese Lebenseinstellung ist es vermutlich, die mit den schulischen Leistungen zusammenhängt." Man müsse mit der Interpretation der Ergebnisse deshalb vorsichtig umgehen. Die Studie selbst sei aber ganz ohne Zweifel eine hervorragende Arbeit.

"Eine erstaunliche Leistung für zwei so junge Leute", findet auch Professor Middeke. Deshalb sprach er die beiden auf dem Kongress in Hamburg kurzerhand an und fragte sie, ob sie Lust hätten, mit einem Artikel in der DMW an die Fachwelt zu gehen.

Die Studie passte dem Professor perfekt ins Konzept. Denn die beiden Kinder bewegten sich auf einem Feld, auf dem es in Deutschland noch schwer hapert: die "primordiale Prävention" bei der Gesundheit von jungen Menschen. Man versucht, schlechte Angewohnheiten, die bei Jugendlichen zu Krankheiten führen, gar nicht erst entstehen zu lassen. "Es geht darum, bereits die Bildung von Risikofaktoren zu verhindern", sagt Middeke, der sich schon lange ernsthaft um die Gesundheit von Jugendlichen sorgt.

Die Berufswünsche sind schon klar

Ungesunde Ernährung, viele Süßigkeiten, eklatanter Mangel - dies werde dazu führen, dass erstmals in einer Generation die Kinder vor den Eltern sterben, prophezeit Middeke in bewusster Zuspitzung. Denn Diabetes oder Herzkrankheiten seien die unmittelbare Folge eines solchen Lebenswandels. "Wenn eine 14-Jährige bereits 15 Kilogramm Übergewicht hat, dann führt das häufig zu einem späteren Diabetes mellitus. Damit ist das Risiko groß, dass sie nicht besonders alt wird."

Auch deshalb, sagt der Chefredakteur, habe er die Studie ganz bewusst mit in die Zeitschrift genommen: "Die Jugendlichen haben sich hier selbst mit ihrer eigenen Gesundheit befasst."

Der statistische Durchschnittsschüler im malerisch am Neckarufer gelegenen Lessing-Gymnasium ist übrigens ziemlich gut in Form. Im Schnitt treibt er drei bis vier Stunden Sport pro Woche, bekommt zu Hause sechsmal pro Woche frisch gekochtes Essen und musiziert ein bis eineinhalb Stunden. Klingt paradiesisch. Allerdings treiben die Kinder der Unterstufe weniger Sport als ihre älteren Mitschüler.

An einer neuen Untersuchung basteln die Geschwister im Moment nicht. "Das, was wir bisher gemacht haben, ist ja fast nicht mehr zu toppen", sagt Philipp begeistert. Er will Tierarzt werden. Und auch bei seiner Schwester steht der Berufswunsch schon fest: Hannah will Ärztin werden.

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