Verharmlosung von Pinochet: Ende der Diktatur - in Schulbüchern

Tausende Chilenen ließ Augusto Pinochet foltern und umbringen, doch der jetzige Bildungsminister findet: Diktatur ist ein zu hartes Wort für die Jahre unter dem Gewaltherrscher. Künftig soll in den Schulbüchern des Landes lediglich von einem "Militär-Regime" die Rede sein.

Pinochet in Schulbüchern: Nur ein Militärmachthaber? Fotos
REUTERS

Chiles konservative Regierung will die Bezeichnung "Diktatur" für die Regierungszeit Augusto Pinochets aus den Schulbüchern tilgen lassen. Stattdessen soll dort jetzt von "Militär-Regime" die Rede sein. Bildungsminister Harald Beyer bezeichnete den umstrittenen Regierungsbeschluss als eine "Einladung zur Debatte".

Beyer ist erst wenige Tage im Amt, er ist bereits der dritte Bildungsminister der Regierung von Präsident Sebastián Piñera. Beyers Amtsvorgänger war über die seit Monaten andauernden Studentenprosteste gestürzt. Sein Rücktritt soll auch damit zu tun gehabt haben, dass er zu wenig Spielraum bei den Verhandlungen mit den Studenten bekam.

Der neue Minister Beyer ist Wirtschaftswissenschaftler und politischer Quereinsteiger. Kritiker werfen ihm politische Unerfahrenheit vor. Bei Amtsantritt versprach er, er werde gesprächsbereit sein. Allerdings provoziert er jetzt mit seinen Schulbuch-Plänen heftigen Widerspruch: "Man kann nicht die Geschichte per Dekret ändern, die Geschichte ist klar, es war eine Diktatur", kritisierte der ehemalige christdemokratische Staatschef Eduardo Frei (1994-2000) die Entscheidung. Der Abgeordnete Alberto Cardemil von der Regierungspartei Renovación Nacional meinte dagegen, man müsse im Laufe der Zeit einer ausgeglichenen Version der Geschichte Platz einräumen.

Während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) wurden nach offiziellen Untersuchungen Tausende verhaftet und gefoltert und über 3000 Menschen ermordet. Rund 700 ehemalige Militärs wurden danach wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht gebracht. 250 von ihnen wurden bisher verurteilt.

otr/dpa

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