Verzwickte Reform: Rheinland-Pfalz schafft die Hauptschule ein bisschen ab

Von Katrin Schmiedekampf

Das böse "H"-Wort - in Rheinland-Pfalz soll es im Jahr 2013 niemand mehr aussprechen. Dort gibt es bald nur noch Gymnasien, Gesamtschulen und Realschulen. Die Schüler können zwar weiterhin einen Hauptschulabschluss machen. Aber nicht mehr auf der Hauptschule.

Das Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz hat eine Idee. Doch diese Idee zu verstehen, das ist nicht ganz einfach. Ministerin Doris Ahnen (SPD) möchte mit dem "Hauptschulausbildungsgang neue Perspektiven eröffnen". Gemeint ist: Im Bundesland soll es bald keine Hauptschulen mehr geben. Hauptschulabschlüsse aber schon.

Ministerin Ahnen: "Wir dürfen keinen Schüler verloren geben"
DDP

Ministerin Ahnen: "Wir dürfen keinen Schüler verloren geben"

"Leitlinien für die Schulentwicklung im Land" heißt das neue Konzept für die Reformen ab 2009 und bis 2013. Mit dem Konzept soll das "veränderte Bildungswahlverhalten der Eltern" aufgegriffen werden. Und von Hauptschulen halten die Eltern nichts. Ebensowenig wie die Schüler. Und erst recht die Arbeitgeber. Und auch viele Bildungsexperten sehen sie als Auslaufmodell.

Darum will das rheinland-pfälzische Bildungsministerium die Hauptschule abschaffen. Jedenfalls beinahe und ein bisschen. Folgende Schularten soll es künftig im Land geben:

  • wie bisher die Grundschulen
  • eine Orientierungsstufe für Fünft- und Sechstklässler, mit Ausnahme der Gymnasiasten
  • das Gymnasium - daran traut sich auch in anderen Ländern niemand zu rütteln
  • die Integrative Gesamtschule (IGS) - sie ist in Rheinland-Pfalz etabliert und bleibt
  • und, neu: die "Realschule plus"

Diese "Realschule plus" bietet wiederum zwei Schulformen an: die Kooperative Realschule und die Regionale Schule. Beide können bis zum Mittleren Schulabschluss und zum Abschluss der Berufsreife führen. Bei entsprechenden Voraussetzungen bietet die "Realschule plus" zudem die Fachhochschulreife an.

Liebe auf den vierten Blick

Integrativ und teilintegrativ soll unterrichtet werden, aber eben neuerdings aufstiegsorientiert. Und zusätzlich wird das Projekt "Keiner ohne Abschluss" gestartet.

Alles verstanden? Nein? Kein Wunder. Mit den neuen Leitlinien verhält es sich ein wenig wie mit einer technischen Erfindung, die zu viele Knöpfe hat: Damit muss man erst umgehen lernen. Für das neue Schulsystem bräuchten rheinland-pfälzische Lehrer, Eltern und Schüler eine ausführliche Bedienungsanleitung. Doch dann sind die Ideen des Ministeriums gar nicht schlecht.

Die Orientierungsstufe wollen Ahnen und ihre Mitarbeiter stärken, allerdings nicht für alle Schüler einer Klassenstufe einführen, sondern nur für Real- und Hauptschüler gemeinsam in der neuen "Realschule plus". Die besten Schüler gehen nach der vierten Klasse weiter direkt aufs Gymnasium. Viele Bundesländer hatten die Orientierungsstufe vor gut 25 Jahren eingeführt und dann wieder abgeschafft, zuletzt Niedersachsen. Anders als in Rheinland-Pfalz gingen dort allerdings alle Schüler auf die Orientierungsstufe.

Den Verzicht auf das frühe Selektieren nach vier Schuljahren und das längere gemeinsame Lernen, das viele Bildungsexperten fordern, setzt Rheinland-Pfalz also nicht konsequent um. Aber das Land verabschiedet sich von den Hauptschulen: Die soll es ab 2013 nicht mehr geben, jedenfalls nicht unter diesem Namen. Sie haben ein zu schlechtes Image, die Hauptschüler zu wenig Perspektiven; nach einer Analyse des Dortmunder Schulforschers Ernst Rößner steht nur noch jeder zehnte Ausbildungsberuf Hauptschülern offen. In Rheinland-Pfalz sollen die bisherigen Haupt- zusammen mit Realschülern lernen. Einen Hauptschulabschluss können sie weiterhin machen.

Ein Aufstieg soll leichter werden

Und wer den nicht auf Anhieb schafft, bekommt eine zweite Chance. In einem speziellen 10. Schuljahr kann er versuchen, die Berufsreife doch noch zu erreichen. "Keiner ohne Abschluss", lautet die Parole. Damit möchte Ministerin Ahnen die Abbrecherquote deutlich senken. Diese liegt in Rheinland-Pfalz mit 7,7 Prozent (im Jahr 2006) zwar unter dem Bundesdurchschnitt. Doch "wir dürfen keinen Schüler verloren geben", sagt Ahnen in Anlehnung an das US-Schulmotto "No child left behind".

Möchte ein Schüler nach dem Hauptschulabschluss weiter lernen, soll das einfacher werden. Durchlässigkeit gibt es an deutschen Schulen bisher vor allem in eine Richtung - von oben nach unten. Vom Gymnasium auf die Realschule, von dort auf die Hauptschule kann man leicht wechseln, sogar mitten im Schuljahr. Aber die umgekehrte Richtung einzuschlagen, ist viel schwieriger und immer nur mit einem Abschluss möglich.

Hier kommen die beiden Varianten der "Realschule plus" ins Spiel: DieKooperative Schule bietet einen Real- und einen Hauptschul-Ausbildungsgang angeboten. Auf der Regionalen Schule gibt es Kurse auf Haupt- und Realschulniveau. Der Vorteil: Wer in Englisch super und in Mathe schlecht ist, wird weder auf der Hauptschule unterfordert noch auf der Realschule überfordert. Er bekommt für beide Fächer die richtige Förderung, weil er in Englisch den schwereren und in Mathe den leichteren Kurs belegen kann - ähnlich wie auch in den neuen Orientierungsstufen.

GEW und Lehrerverbände üben Kritik

Lehrerverbände kritisierten den Reformplan. Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes und Gymnasiallehrer, erklärte, mit der Abschaffung der Hauptschule ließen sich nicht die Hauptschüler und deren individuelle Bedürfnisse auf Förderung abschaffen. "Im Endeffekt werden die Verlierer die bisherigen Hauptschüler, aber auch die bisherigen Realschüler sein", menetekelt Kraus.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist vom neuen Konzept nicht überzeugt. Es ändere nichts daran, dass Schülerinnen und Schüler viel zu früh auf unterschiedliche Schularten aufgeteilt würden. Die FDP bezeichnete die "Realschule plus" als Etikettenschwindel: "Die SPD-Regierung geht mit ihrem Konzept einen großen Schritt in Richtung Gemeinschaftsschule", sagte die bildungspolitische Sprecherin Nicole Morsblech.

Dagegen bezeichnete der CDU-Bildungspolitiker Josef Keller die Vorschläge Ahnens als diskussionswürdig. Mit dem Erhalt eines eigenständigen Hauptschulabschlusses sei die Ministerin einer wichtigen Forderung der Union gefolgt.

Ganz Deutschland grübelt über die Hauptschule

Nicht nur in Rheinland-Pfalz soll es bald keine Hauptschulen mehr geben. Auch in anderen Bundesländern, etwa im CDU-geführten Hamburg und in Schleswig-Holstein, ist ein Ende dieser längst umstrittenen Schulform absehbar. In Baden-Württemberg probten Leiter von Grund- und Hauptschulen kürzlich den Aufstand und forderten das Ende des dreigliedrigen Schulsystems.

Auch Schleswig-Holstein arbeitet an der Abschaffung. Als erstes Bundesland verankerte es die "Gemeinschaftsschule" als neue Schulform und wandelte Haupt- und Realschulen in "Regionalschulen" um. Allein das Gymnasium blieb, wie es war - für manche war das eine kleine Revolution, andere ärgerten sich.

In Bremen und fast im gesamten Ostdeutschland gibt es keine eigenständigen Hauptschulen mehr. In Großstädten wie Berlin und in Teilen des Ruhrgebiets besuchen weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule.

Mit Material von AP und dpa

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