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26. Mai 2012, 12:47 Uhr

Studie aus Neuseeland

Waldorfschüler lesen besser

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Sie lernen Buchstaben zwei Jahre später als an staatlichen Schulen, trotzdem schneiden Waldorfschüler laut einer neuseeländischen Studie beim Lesen besser ab. Das könnte am privilegierten Elternhaus liegen. Aber auch an der Waldorf-Methode.

Wann sollten Kinder beginnen, lesen zu lernen? Diese Frage treibt Sebastian Suggate von der Universität Regensburg schon länger um. 2009 hatte er erstmals eine Studie dazu publiziert. Das Ergebnis: Neuseeländische Kinder, die bereits mit fünf Jahren mit Buchstaben arbeiten, haben keinen Vorteil gegenüber Schülern, die später damit beginnen. Im Alter von elf Jahren seien die Lesefähigkeiten beider Gruppen gleich gut.

Nun hat Suggate gemeinsam mit zwei Kolleginnen von der University of Otago (Neusseland) eine neue Untersuchung vorgelegt, die aufhorchen lässt. Wieder haben die Bildungsforscher Schüler verglichen, die mit fünf und mit sieben lesen gelernt haben. Und diesmal erreichten die Spätbuchstabenlerner im Alter von elf Jahren sogar etwas bessere Lesefähigkeiten als normale Schüler.

Es wäre allerdings voreilig, aus der Studie zu folgern, dass frühes Lesenlernen Kindern schadet. Denn die Forscher haben zwei Schülergruppen miteinander verglichen, die nicht zwingend vergleichbar sind. Die Kinder, die mit fünf Jahren zu lesen begannen, stammen von herkömmlichen staatlichen, neuseeländischen Schulen. Der Lesestart mit fünf ist dort die Regel. Die Spätlerner hingegen gingen auf Waldorfschulen, die nur teilweise staatlich unterstützt werden.

Ist die Waldorf-Didaktik effektiver?

Die Forscher verfolgten die Entwicklung der insgesamt 370 Schüler über mehrere Jahre und führten immer wieder Tests zu Sprachkenntnissen und Lesefähigkeiten durch. Es war keine große Überraschung, dass die normalen Schüler zunächst besser abschnitten als ihre Altersgenossen von den Waldorfschulen. Der Vorsprung hielt jedoch nur einige Jahre. Mit 10,5 Jahren hatten die Waldorfkinder denselben Lesefluss erreicht wie normale Schüler. Mit elf Jahren lasen sie dann sogar etwas besser.

Suggate und seine Kolleginnen können keine klare Ursache für dieses Phänomen benennen. Sie diskutieren jedoch verschiedene Faktoren. Vor allem die mögliche Privilegierung der Waldorfschüler durch das Elternhaus könnte die Unterschiede erklären. Diese Eltern hätten eine bewusste Entscheidung über den Bildungsweg ihrer Kinder getroffen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Early Childhood Research Quarterly". Das lege nahe, dass sie auch generell anders mit dem Thema Lernen umgingen.

Aber die Wissenschaftler können sich auch vorstellen, dass die Waldorfschüler von der besonderen Art der Wissensvermittlung profitieren, die womöglich effektiver sei als an normalen Schulen. Frühere Studien hätten zudem gezeigt, dass Waldorf-Kindergärten ein gutes Umfeld zum Erlernen der Sprache böten. Diese anfängliche Fokussierung auf gesprochene Sprache und der Verzicht auf das frühe Erlernen von Buchstaben könne sich später beim Lesenlernen als Vorteil erweisen. Die Befragung der Eltern hätte außerdem ergeben, dass die Besucher herkömmlicher Schulen im Schnitt etwas mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht hätten.

"Wir interpretieren die Ergebnisse nicht als Beweis dafür, dass der Leseunterricht erst mit sieben beginnen sollte", betonen die Forscher. Suggate und seine Kolleginnen sehen aber zumindest Indizien dafür. Sie schlagen vor, das Phänomen Lesen in weiteren Studien genauer zu untersuchen.

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