Von Oliver Trenkamp
Dauernd rufen die Eltern an bei der Grundschullehrerin, zwei- bis dreimal in der Woche, immer wegen derselben Sache: Was denn da los sei? Ob sie ihren Laden nicht im Griff habe? So jedenfalls gehe es nicht weiter!
Sie sind empört, ängstlich, ratlos. Und eigentlich geht es ihnen damit genauso wie der Pädagogin. Ein Junge aus ihrer Klasse verprügelt in der Pause immer wieder seine Mitschülerinnen, fasst ihnen an die Brust, zwischen die Beine. Niemand will mehr neben ihm sitzen oder mit ihm spielen. Er riecht nach Zigaretten, manchmal nach Urin. Mühsam recherchiert die Lehrerin, wie es zugeht bei dem Jungen zu Hause. Er durfte am Wochenende nicht mit seiner X-Box spielen, erzählt er, sondern musste in der Küche hocken. Denn die Konsole steht im Wohnzimmer, und da hat der Vater Sex mit seiner Geliebten. Da darf nur die Mutter rein, um ihm neues Bier zu bringen.
Was Fred Ziebarth da erzählt, mag sich nach einem extremen Beispiel anhören, aber solche und ähnliche Fälle kennen viele Erzieher und Lehrer aus ihrem Alltag. "Mit Pädagogik allein kommt man da kaum weiter", sagt Ziebarth, "da wird therapeutisches Wissen gebraucht." Und zwar nicht nur, wenn es darum geht, dem Jungen zu helfen, sondern auch beim Umgang mit den Sorgen der anderen Eltern.
Wie Elternarbeit gelingen kann
Ziebarth arbeitet seit 38 Jahren als Schulpsychologe in Berlin und erlebt immer wieder, wie hilflos und überfordert Lehrer mit all den Ansprüchen, Sorgen und Problemen der Eltern sind. Sie fühlten sich schnell angegriffen und versuchten dann, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen. Er will das ausdrücklich nicht als Vorwurf an die Lehrer verstanden wissen, sondern als Kritik an der Aus- und Weiterbildung: Der richtige Umgang mit Eltern sei das am meisten vernachlässigte Thema des Bildungswesens. "Da wird unheimlich viel kaputtgemacht."
Viele Lehrer und Erzieher erleben einen Praxisschock, wenn sie in Kindergärten und Schulen zum ersten Mal mit den Eltern zu tun haben. Da sind die besorgten Mütter und Väter, die sich vor jedem Wandertag mehrfach erkundigen, ob auch unterwegs sichergestellt sei, dass die Kinder nur Bioessen bekommen. Da sind die Beflissenen, die darauf drängen, dass bitte im Spielzimmer klassische Musik zu laufen hat. Und da sind die Teilnahmslosen, deren Kinder im Winter im T-Shirt kommen. Vor allem das Personal in Kindertagesstätten und Grundschulen ist konfrontiert mit den Wünschen und Gedankenlosigkeiten aller gesellschaftlicher Schichten. Sie treffen auf fürsorgliche Widerständler, die jeden pädagogischen Fortschritt für gefährlich halten. Sie treffen auf Eltern, die kaum Deutsch können. Und sie treffen auf Mütter und Väter, die über Faulheit und Lustlosigkeit der Lehrer lästern.
Doch während des Studiums oder der Ausbildung haben Erzieher und Lehrer das Wort "Elternarbeit" meist nur mal gehört. Lehrveranstaltungen, Seminare oder gar Rollenspiele haben sie allerdings meist nicht absolviert. Erst im Job erleben sie dann, wie wichtig nicht nur Elternabende und halbjährliche Termine sind, sondern vor allem die Gespräche zwischen Tür und Angel. Die Bildungsforschung kennt das Problem, doch breit debattiert wird es kaum - auch nicht seit dem Pisa-Schock.
Wie es besser laufen könnte, zeigt jetzt ein Papier der Vodafone-Stiftung, das an diesem Mittwoch vorgestellt wurde. Zusammen mit Wissenschaftlern, Bildungspolitikern und Praktikern, also vor allem Lehrern, hat die Stiftung Empfehlungen erarbeitet, wie gute Elternarbeit in der Praxis funktionieren kann. Dazu gehören:
Die Vodafone-Stiftung und die Bildungsexperten sprechen ausdrücklich von "Qualitätsmerkmalen", nicht von "Standards" oder "Vorschriften" - zu groß ist die Angst, das im zerfaserten Bildungssystem sich irgendjemand kontrolliert und gegängelt fühlen könnte. Manch ein Vorschlag in dem Papier mag banal klingen, doch sie alle haben den Vorteil, dass sie sich relativ leicht umsetzen lassen. Und vor allem wird Elternarbeit damit zum Thema.
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