Kampfplatz Schule: Lehrer verzweifeln an Eltern

Von

Streitende Eltern: Wie sollen Lehrer mit ihnen umgehen? Zur Großansicht
Corbis

Streitende Eltern: Wie sollen Lehrer mit ihnen umgehen?

Beflissene Eltern fordern musische Früherziehung und Yoga-Kurse. Teilnahmslose Eltern schicken ihre Kinder im T-Shirt zur Schule, wenn es schneit. Lehrer verzweifeln oft an ihrem Job zwischen Elite-Anspruch und Sozialarbeit - denn sie werden kaum darauf vorbereitet. Eine Studie zeigt jetzt, wie Elternarbeit funktionieren könnte.

Dauernd rufen die Eltern an bei der Grundschullehrerin, zwei- bis dreimal in der Woche, immer wegen derselben Sache: Was denn da los sei? Ob sie ihren Laden nicht im Griff habe? So jedenfalls gehe es nicht weiter!

Sie sind empört, ängstlich, ratlos. Und eigentlich geht es ihnen damit genauso wie der Pädagogin. Ein Junge aus ihrer Klasse verprügelt in der Pause immer wieder seine Mitschülerinnen, fasst ihnen an die Brust, zwischen die Beine. Niemand will mehr neben ihm sitzen oder mit ihm spielen. Er riecht nach Zigaretten, manchmal nach Urin. Mühsam recherchiert die Lehrerin, wie es zugeht bei dem Jungen zu Hause. Er durfte am Wochenende nicht mit seiner X-Box spielen, erzählt er, sondern musste in der Küche hocken. Denn die Konsole steht im Wohnzimmer, und da hat der Vater Sex mit seiner Geliebten. Da darf nur die Mutter rein, um ihm neues Bier zu bringen.

Was Fred Ziebarth da erzählt, mag sich nach einem extremen Beispiel anhören, aber solche und ähnliche Fälle kennen viele Erzieher und Lehrer aus ihrem Alltag. "Mit Pädagogik allein kommt man da kaum weiter", sagt Ziebarth, "da wird therapeutisches Wissen gebraucht." Und zwar nicht nur, wenn es darum geht, dem Jungen zu helfen, sondern auch beim Umgang mit den Sorgen der anderen Eltern.

Wie Elternarbeit gelingen kann

Ziebarth arbeitet seit 38 Jahren als Schulpsychologe in Berlin und erlebt immer wieder, wie hilflos und überfordert Lehrer mit all den Ansprüchen, Sorgen und Problemen der Eltern sind. Sie fühlten sich schnell angegriffen und versuchten dann, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen. Er will das ausdrücklich nicht als Vorwurf an die Lehrer verstanden wissen, sondern als Kritik an der Aus- und Weiterbildung: Der richtige Umgang mit Eltern sei das am meisten vernachlässigte Thema des Bildungswesens. "Da wird unheimlich viel kaputtgemacht."

Viele Lehrer und Erzieher erleben einen Praxisschock, wenn sie in Kindergärten und Schulen zum ersten Mal mit den Eltern zu tun haben. Da sind die besorgten Mütter und Väter, die sich vor jedem Wandertag mehrfach erkundigen, ob auch unterwegs sichergestellt sei, dass die Kinder nur Bioessen bekommen. Da sind die Beflissenen, die darauf drängen, dass bitte im Spielzimmer klassische Musik zu laufen hat. Und da sind die Teilnahmslosen, deren Kinder im Winter im T-Shirt kommen. Vor allem das Personal in Kindertagesstätten und Grundschulen ist konfrontiert mit den Wünschen und Gedankenlosigkeiten aller gesellschaftlicher Schichten. Sie treffen auf fürsorgliche Widerständler, die jeden pädagogischen Fortschritt für gefährlich halten. Sie treffen auf Eltern, die kaum Deutsch können. Und sie treffen auf Mütter und Väter, die über Faulheit und Lustlosigkeit der Lehrer lästern.

Doch während des Studiums oder der Ausbildung haben Erzieher und Lehrer das Wort "Elternarbeit" meist nur mal gehört. Lehrveranstaltungen, Seminare oder gar Rollenspiele haben sie allerdings meist nicht absolviert. Erst im Job erleben sie dann, wie wichtig nicht nur Elternabende und halbjährliche Termine sind, sondern vor allem die Gespräche zwischen Tür und Angel. Die Bildungsforschung kennt das Problem, doch breit debattiert wird es kaum - auch nicht seit dem Pisa-Schock.

Wie es besser laufen könnte, zeigt jetzt ein Papier der Vodafone-Stiftung, das an diesem Mittwoch vorgestellt wurde. Zusammen mit Wissenschaftlern, Bildungspolitikern und Praktikern, also vor allem Lehrern, hat die Stiftung Empfehlungen erarbeitet, wie gute Elternarbeit in der Praxis funktionieren kann. Dazu gehören:

  • Bessere Kommunikation: Die Autoren des Papiers betonen, wie wichtig ein "regelmäßiger und anlassunabhängiger Informationsaustausch" sei. Lehrer sollten also nicht nur bei Problemen mit den Eltern sprechen, sondern auch sonst über ihre Arbeit und die Klasse informieren, auch per Mail, Newsletter oder auf der Internetseite der Schule. Die Experten schlagen vor, dass alle grundlegenden Informationen und Kontaktdaten für Eltern in einem Ordner oder einer Broschüre verteilt werden. Man müsse sich gezielt nach Helfern umsehen, die einen unterstützen können, etwa Stadtteilmütter oder Elternlotsen. Nicht zuletzt sollten Lehrer professionell trainiert werden, um ihre Kommunikationskompetenz zu stärken.
  • Teilhabe der Eltern: Mindestens so wichtig wie bei Stuttgart 21 die Bürgerbeteiligung ist in der Bildung das Einbinden der Eltern. Hier schlagen die Autoren des Papiers vor, dass Mütter und Väter zu Beginn des Schuljahres über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten informiert und dazu ermutigt werden, dass man gemeinsam Pläne für den Unterricht und das Schuljahr bespricht. Die Eltern sollten die Bibliothek, Computerräume und Sporthallen der Schule mitnutzen dürfen.
  • Willkommenskultur: Eltern sollten sich willkommen fühlen an der Schule - und Lehrer sollten alles dafür tun. Mit wenig Aufwand könnten etwa alle Schilder und Hinweise der Schule in andere Sprachen übersetzt werden, damit auch ausländische Eltern sich einbezogen fühlen.

Die Vodafone-Stiftung und die Bildungsexperten sprechen ausdrücklich von "Qualitätsmerkmalen", nicht von "Standards" oder "Vorschriften" - zu groß ist die Angst, das im zerfaserten Bildungssystem sich irgendjemand kontrolliert und gegängelt fühlen könnte. Manch ein Vorschlag in dem Papier mag banal klingen, doch sie alle haben den Vorteil, dass sie sich relativ leicht umsetzen lassen. Und vor allem wird Elternarbeit damit zum Thema.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warum
MPeter 10.04.2013
werden Erzieher und Lehrer immer in einen Topf geworfen? Erzieher HABEN eine pädagogische Ausbildung, Lehrer haben im Normalfall KEINE.
2.
der M 10.04.2013
Zitat von sysopCorbisJa, das ist Bio-Essen! Nein, ich spreche kein Arabisch! Zwischen Elite-Denken und Sozialarbeit: Erzieher und Lehrer verzweifeln oft an den Ansprüchen der Eltern - denn sie werden kaum darauf vorbereitet. Eine neue Studie zeigt jetzt, wie Elternarbeit funktionieren könnte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/warum-viele-lehrer-bei-der-elternarbeit-versagen-a-893421.html
Ich frage mich, wie bei der Personaldecke auch die Kommunikation verbessert werden soll, ohne das der kleine Kacker auf der Strecke bleibt?
3. Selbst Schuld ...
westerwäller 10.04.2013
... Hier hilft nur die Methode; "Ich Boss - Ihr Nix..." Gegenüber Eltern und Schülern ... Wer glaibt, sich zwischen widerstrebenden Interessen kaputtreiben zu müssen, wird zwangsläufig versagen .... Hiermit gebe ich mich selbst zum Zerreißen frei!
4. damals..
lenaddorf 10.04.2013
...und das kann ich selbst mit 28 schon sagen, war schule einfach nur schule. man ist dort hingegangen, hat mitgemacht, freunde getroffen und ist wieder heimgegangen. 13 jahre schule, selten mehr als 6 schulstunden. weder ganztagsschule noch schulsozialarbeiter. die vereinzelten migranten waren gezwungen deutsch zu sprechen, weil sie oft allein auf weiter flur waren. und aus mir ist auch was geworden. man kann das schulsystem nennen wie man will, die gebäude, die schüler, die eltern und die lehrer werden dieselben bleiben. es müssen anreize geschaffen werden, damit endlich wieder bildungsnahe schichten den meisten nachwuchs stellen!
5. Auch von Vodafone nichts Neues!
katzkater 10.04.2013
Mein Gott, was glaubt der Telefonkonzern eigentlich? Das vorgeschlagene Konzept ist ein alter, verstaubter Hut! Das gibt es doch alles schon seit mehreren Jahren. Der aktuelle Trend der Elternschaft geht weg von der Beschwerde beim Lehrer selbst und der Suche nach dem persönlichen Gespräch. Die Praxis zeigt, dass es modern und "IN" ist, gleich die Landesbehörde und den Rechtsanwalt zu bemühen, auch wenn es "nur" um Bio- Essen beim Wandertag geht. Damit kann sich beim nächsten Elternabend gebrüstet werden, da man es den "faulen" Lehrern mal so richtig gezeigt hat. Fragt jemand auf die Auswirkungen auf die betroffene Lehrkraft, die das standhaft jeden Tag aufs Neue bewältigen soll? Nein, denn die bekommt ja genug Geld vom Staat und hat ja 3 Monate im Jahr frei. Wenn Vodafone schon solche Vorschläge unterbreitet, dann muss die Anzahl der Schulpsychologen erhöht werden- und zwar für Schüler UND Lehrer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Wissen
RSS
alles zum Thema Arbeitsplatz Schule
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 163 Kommentare
Fotostrecke
Studie: Schulleiter mobben am häufigsten


Social Networks