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Web 0.0: US-Schulen schwören Computern ab

Seit Jahren rüsten deutsche Schulen digital auf. Das Ziel: ein Computer für jeden Schüler. Ausgerechnet in den USA beginnt eine Kehrtwende: Erste Schulen nehmen Teenagern die teuren Laptops wieder weg - auch weil Schüler die Geräte gern für Pornos statt für Mathe nutzen.

Sie sollten das Bildungswesen verändern, den Unterricht moderner machen und die Teenager auf das digitale Zeitalter vorbereiten: Viel haben sich Bildungspolitiker von neuen Medien an Schulen erhofft, Klassenzimmer haben sie in Hightech-Labore umgebaut, und die Industrie trommelt emsig für "Laptops für alle".

"Laptops für alle": Die Lehrer sind ernüchtert
DPA

"Laptops für alle": Die Lehrer sind ernüchtert

Doch langsam macht sich die Erkenntnis breit, einer Illusion aufgesessen zu sein. Ausgerechnet in den USA, dem Weltzentrum des technischen Fortschritts, vollziehen einige Schulen eine Kehrtwende: Sie schaffen ihre Schullaptops wieder ab.

"Nach sieben Jahren gibt es keinen Beleg dafür, dass der Einsatz von Computern im Unterricht die Leistung der Schüler auch nur ansatzweise verbessert hätte", sagte Mark Lawson der "New York Times". Lawson ist Chef der Schulbehörde in Liverpool im US-Bundesstaat New York. Sein Bezirk hatte als einer der ersten im Land flächendeckend Laptops für alle Schüler eingeführt - ein Schritt, den Lawson mittlerweile bereut.

Geschichte statt Super Mario

Die digitalen Lernprogramme hätten sich als nutzlos erwiesen, schlimmer noch: als schädlich, so Lawson. Die Teenager nutzen ihre Schulcomputer nicht, um Mathe zu pauken oder mit Lehrern zu kommunizieren. Sie hacken sich stattdessen auf den Seiten regionaler Unternehmen ein und laden Pornos aus dem Internet auf ihre Rechner.

Alle Versuche der Schulen, das zu vermeiden, sind gescheitert. Neue Sicherheitssperren auf den Computern umgehen die Jugendlichen kurzerhand. "Die Lehrer berichten, dass Laptops den Unterricht nicht einfacher gemacht hätten, sondern schwieriger", sagt Lawson.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine vom amerikanischen Bildungsministerium in Auftrag gegebene Studie: Demnach macht es für die Leistung der Schülern keinen Unterschied, ob im Unterricht neue Medien eingesetzt werden oder nicht. Eltern reagieren enttäuscht: "Ich will, dass mein Sohn etwas über Geschichte lernt, nicht über Super Mario", sagte der Vater eines Sohnes in Liverpool.

US-Schulen rüsten seit Jahren gewaltig digital auf. Einer Untersuchung zufolge besitzt jeder vierte amerikanische Teenager einen eigenen Schulcomputer, bis 2011 soll es jeder zweite sein. Das alles kostet den Staat Milliarden - Geld, das man sich offenbar hätte sparen können. Denn nicht nur in Liverpool, auch anderswo schwören nordamerikanische High-Schools plötzlich Schulcomputern ab.

Nur eine teure Fehlinvestition?

So hatte die Matoaca High-School in Richmond, Virginia, bereits vor fünf Jahren Laptops für alle eingeführt. Nun nimmt sie den Teenagern die Geräte wieder weg. Eine Umfrage hatte ergeben, dass jeder fünfte Schüler seinen Laptop grundsätzlich nie zum Lernen benutzt. Die Fortsetzung des Programms aber hätte jährlich 1,5 Millionen Dollar gekostet. "Wir wollten uns eine solche Fehlinvestition nicht länger leisten", sagte ein Sprecher der Bezirksregierung.

Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangten die Verantwortlichen der Northfield Mount Hermon School, einer Privatschule in Massachusetts. Auch sie stoppten ihr Millionen Dollar teures Computerprogramm, nachdem sie feststellten, dass die ständigen Reparaturen der Laptops mehr Zeit in Anspruch nahmen als die Computer-Schulung für die Lehrer.

"Neue Medien verhelfen Schülern nicht zu besseren Noten", sagt auch Mark Warschauer, Pädagogik-Professor an der University of California in Irvine. Allerdings weist der Autor des Buches "Laptops and Literacy - Learning in the Wireless Classroom" auf einen anderen Punkt hin: Die Arbeit mit Computern fördere die Kreativität und Selbstständigkeit der Jugendlichen.

Warschauer ist sich daher sicher: "Wenn es um kurzfristige Lernerfolge geht, sind Laptops das falsche Mittel. Aber wenn wir weiterhin Leute wie Steve Jobs und Bill Gates hervorbringen wollen, sind sie extrem nützlich."

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