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Die Schulverbesserer, Teil 9: "Man muss nicht jede Flechte kennen"

Von Jan Friedmann und Hauke Goos

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Stundenplan (Archiv): Welche Fächer könnte man streichen?

Angeblich sind die Lehr- und Stundenpläne überfrachtet - auch mit viel unnützem Wissen. In der Serie "Wie werden unsere Schulen besser" diskutieren Schüler, Lehrer und Bildungsexperten die Frage: Welche Fächer könnte man streichen?

In der Diskussion um G8 oder G9 fällt immer ein Schlagwort: Entschlackung. Ganz so, als hätten sich bei den Schulinhalten zu viele Ablagerungen oder sogar Schadstoffe angesammelt, die mit einer ordentlichen Kur ausgespült werden könnten.

Dabei haben deutsche Schüler im internationalen Vergleich in ihrer Schulzeit vergleichsweise wenige Stunden zu absolvieren. Zwar ist im achtjährigen Gymnasium die Zahl der Wochenstunden höher als früher. Der Kanon der Schulfächer hat sich in den vergangenen Jahren hingegen kaum verändert.

Doch was sollten Schüler wirklich lernen? Verbände und Fachgesellschaften kommen mit immer neuen Vorschlägen, welche Themen in den Stand des Schulfaches erhoben werden könnten: Wirtschaft oder Informatik, und dazu bitte noch ausreichende Unterrichtsblöcke in Erster Hilfe oder in interkultureller Kommunikation.

Und kürzlich sorgte die 17-jährige Gymnasiastin Naina aus Köln für eine Debatte, weil sie sich via Twitter darüber beschwert hatte, dass sie in der Schule Sprachen und Gedichtsanalysen lernt - aber keine Ahnung hat von Miete, Versicherungen und Steuern.

Lesen Sie die Argumente von Bildungsministern, Wissenschaftlern, Lehrern und Schülern aus der großen SPIEGEL-Schulumfrage zur Frage: Welche Schulfächer oder Unterrichtsinhalte sind verzichtbar? Stimmen Sie in unserem Vote mit ab, welche Inhalte Sie für überflüssig halten.


Nichts ist verzichtbar, sagen:

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Kerstin Gleine, Friedrich-Ebert-Gymnasium Hamburg, Lehrerin des Jahres 2013 beim Klaus-von-Klitzing-Preis:
"Kein Schulfach ist wirklich verzichtbar. Schulbildung sollte ausgewogen sein. Zurzeit wird von Seiten der Industrie eine deutlich intensivere Schulausbildung in den MINT-Fächern gewünscht, was sicher wichtig und vorteilhaft für unsere Volkswirtschaft ist. Ich bin aber auch der Meinung, dass andere Fächer dafür nicht gestrichen oder gekürzt werden sollten."

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Mathias Brodkorb (SPD), Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern:
"Das ist eine ewig geführte, aber aus meiner Sicht sinnlose Debatte. Unser Fächerkanon zielt ab auf eine breite Allgemeinbildung und dabei sollte es auch bleiben."

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Stephan Dorgerloh (SPD), Kultusminister von Sachsen-Anhalt:
"Die gegenwärtige Fächerstruktur ist ausgewogen."

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Andreas Stoch (SPD), Kultusminister von Baden-Württemberg:
"Der Unterrichtsstoff in unseren Schulen baut seit der Einführung des Bildungsplans von 2004 nicht mehr auf einzelnen Inhalten auf, sondern auf den Kompetenzen, die die Schüler in einem jeweiligen Jahrgang beherrschen sollten. Insofern liegt es an den jeweiligen Lehrern, die konkreten Themen auszusuchen, die sie ihren Schülern vermitteln wollen."

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Eva Quante-Brandt (SPD), Schulsenatorin von Bremen:
"Keine."


Keine Fächer abschaffen, aber übers Lernen diskutieren, sagen diese Experten:

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Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung:
"Wichtiger als die Diskussion über einzelne Fächer und Inhalte ist ein Nachdenken über das Lernen selbst. Die Bedeutung von abfragbarem Wissen mit geringer Halbwertzeit hat abgenommen. Steigende Bedeutung hat die Fähigkeit, Informationen im Zusammenhang zu sehen, einzuordnen und zu bewerten."

SPIEGEL ONLINE

Mona Steininger, Preisträgerin beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb:
"Sobald ich anfange, hier konkret Dinge zu nennen, werden wahrscheinlich unzählige Pädagogen die Finger heben und mir erklären, wofür man das alles später doch braucht. Ich fände es gut, wenn man den Schülern immerhin mehr Wahlmöglichkeiten lässt, zum Beispiel für die Oberstufe und fürs Abitur."

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Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW):
"Wir müssen enge Fächergrenzen überwinden. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, Zusammenhänge zu erkennen, vernetzt und fächerübergreifend zu denken, arbeiten und zu handeln."


Bitte keine neuen Fächer, sagt:

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Brunhild Kurth (CDU), Kultusministerin von Sachsen:
"Gegenfrage: Sind die Forderungen nach zusätzlichen Unterrichtsfächern wie Wirtschaft, Ernährung, mehr Sport- und Schwimmunterricht angesichts zunehmend übergewichtiger Kinder usw. gerechtfertigt? So verständlich die Forderungen im Einzelnen sein mögen, so unrealistisch sind diese in der Umsetzung."


Bitte nicht zu viel Spezialwissen, sagt:

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Richard David Precht, Bestsellerautor:
"Zu viele Spezialkenntnisse für alle. Man muss nicht jede Flechte kennen und wissen, mit wem Otto III. verheiratet war - aber die Interessierten sollten die Chance bekommen, es zu lernen. Überflüssig ist die deklarative Grammatik. Man muss nicht wissen, was ein Konsekutivsatz ist, um ihn zu bilden. Sprachen lernt man so kaum."


Und was sagen Sie?

In Teil 1 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 2 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 3 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 4 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 5 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 6 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 7 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 8 fragten wir die Schulverbesserer:

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insgesamt 128 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was genau ...
gumbofroehn 09.02.2015
... macht eigentlich den "Richard Clayderman der Philosophie" zum Bildungsexperten? Das erinnert mich so ein bisschen an einen Achtziger-Jahre-Werbespot für Zahnpasta, in dem "Zahnarztfrau" plötzlich eine Qualifikation darstellte.
2. voll in unserem Sinn!
Luna-lucia 09.02.2015
denn die Analyse und Interpretation von Gedichten, sogar im Abi! (Prüfungsfach Deutsch), halten wir aber sowas von gestern und überflüssig! Schade um jede Minute, in der wir hätten Besseres vermittelt bekommen können!
3.
harryholdenwagen 09.02.2015
Während meiner Schulzeit habe ich mich öfter gefragt warum ich das jetzt wissen muss oder wozu ich das später brauche. Dies war vor allem in Mathe so. Aber hey ich kann eine Tangentialebene an einer Kugel berechnen. In Geschichte war die Thematik des Zweiten Weltkriegs überrepräsentiert. Wichtiges Thema, aber ich habe es in 3 unterschiedlichen Klassenstufen behandelt. Den WK1 haben wir kaum behandelt und die Nachkriegszeit und DDR überhaupt nicht. Ich hätte mir mehr Wirtschaft gewünscht.
4. Wissen...
salamicus 09.02.2015
...ist niemals "unnütz". Dass die Regelschule nicht alles anbieten kann, ist doch klar. Vieles muss sich der Wissensdurstige und Lernbegierige außerhalb der Schule aneignen, sei es Instrumental- oder Tanzunterricht, seien es bestimmte Sportarten oder Fächer, die noch nie in einer Schule unterrichtet wurden. Die Frage nach dem "Nutzen" von Wissen zeigt schon einen banausischen Fragesteller.
5. Als ehemaliger Nachhilfegeber weis ich was Noten anrichten.
knaake 09.02.2015
Die Schüler werden in den Bereichen in denen sie gut sind belohnt und in den Bereichen wo sie schlecht sind abgestraft. Eigentlich sollte man die Dinge lernen in denen man sich nicht(!) so gut auskennt; aber das ist in diesem System niemandem möglich der ein "gutes" Zeugins haben möchte. Ergebnis: Eine Generation von Fachidioten die sich am liebsten nur noch mit den Dingen beschäftigen mit denen sie sich auskennen. Das ist kein Lernen, das ist seine Perversion!
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