Windeln, Welt und Wissen: "Jedes Kind ist begabt"

Kinder sind neugierig und wollen lernen - alle Kinder, sagt Donata Elschenbroich. Mit dem SPIEGEL sprach die Frankfurter Forscherin und Bestseller-Autorin über das Weltwissen der Kinder, über Muße durch Entschleunigung und die Bildungskonkurrenz ängstlicher Eltern.

SPIEGEL: Frau Elschenbroich, vor einigen Jahren haben Sie mit einem umfangreichen Kanon, was Siebenjährige gelernt und erfahren haben sollten, lebhafte Zustimmung, aber auch Proteste ausgelöst. Fühlen Sie sich nach drei Pisa-Debatten bestärkt, oder ist Ihre Aufstellung heute überholt?

Mutter und Kind: "Zeit für Kinder wäre das beste Elterngeschenk"
DPA

Mutter und Kind: "Zeit für Kinder wäre das beste Elterngeschenk"

Donata Elschenbroich: Es ist ein offener Kanon, der ständig erweitert werden sollte. Dazu gehören Dinge wie: mal in einen Bach gefallen sein, etwas reparieren, Sinfonien mitdirigieren, Sahne schlagen, eine Batterie auswechseln, bei einer fremden Familie übernachten, über einen Friedhof spazieren, Kochrezepte umsetzen, Lieder in fremder Sprache singen können, Sternbilder erkennen. Ich habe den Kanon als Selbstverpflichtung verstanden. Eltern sollten wissen: Es gibt einen Grundbestand an Erfahrungen, der Kindern zusteht. Nicht alle Kinder müssen alle Erfahrungen gemacht haben, aber keine sollte von vornherein ausgeschlossen sein. Ein Streichholz anzünden sollte jedes sechsjährige Kind können.

SPIEGEL: Viele dieser Lernziele betreffen die soziale Kompetenz: Baby wickeln, Betten beziehen, eine Wunde versorgen. Derzeit debattieren Lehrer, Politiker und Eltern aber noch mehr darüber, dass Kinder möglichst früh möglichst viel kognitives Wissen erwerben sollen.

Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob man das so trennen kann. Gerade in der Kindergartenzeit ist Lernen stark sozial vermittelt. In altersgemischten Gruppen, die ja in Deutschland inzwischen zum Glück die Regel sind, lernen Kinder voneinander und erwerben nebenbei Fähigkeiten wie, hier als Beispiel, mit Stäbchen zu essen.

SPIEGEL: Damals spielten Naturwissenschaften im Kanon noch nicht die Rolle, die sie in der heutigen Diskussion haben.

Elschenbroich: Bei der Erforschung der Natur, die uns damals schon wichtig war, ergibt sich ein idealer Lernzusammenhang, weil gleich die Erwachsenen mitlernen können. Bei Fragen wie: "Woher kommt der Donner?" stößt man selbst an seine Grenzen. Das lieben Kinder. Gesprächspausen und Wissenslücken sind ja nur uns Großen peinlich. Sie finden es toll, wenn sie die Erwachsenen an der Angel haben. Kinder lieben die Bewegung des Suchens und Fragens, so baut sich Tag für Tag ihr Wissen auf, viel mehr als durch Instruktion oder das Nachschlagen von Fakten.

SPIEGEL: Die 68er wollten ihre Kinder möglichst frei aufwachsen lassen. Nach dem Pisa-Schock fragen Eltern heute ängstlich, ob ihre Kinder leistungsbereit und globalisierungstauglich sind.

Elschenbroich: Ich weiß nicht, ob die Pisa-Ergebnisse so eindeutig zu werten sind. Die Studien zeigen doch, dass die Pisa-Gewinner nicht nur auf Schulleistung gedrillt sind, sondern in Alternativen denken und Probleme kreativ lösen können. Gerade die Japaner, die ja immer gut abschneiden, legen im Mathematikunterricht großen Wert auf alternative Lösungswege.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, Ihr Appell für ein reichhaltiges Wissen und mehr Phantasie im Umgang mit Kindern ist bei Eltern und Erziehern angekommen?

Elschenbroich: Die meisten deutschen Kindergärten sind für die Kinder heute anregender als früher. Derzeit erarbeiten wir beispielsweise in vielen Kindergärten gemeinsam mit Erziehern sogenannte Portfolios. Das sind individuelle Bildungstagebücher, in denen gesammelt und dokumentiert wird, was jedes einzelne Kind während seiner Kindergartenzeit gelernt und erfahren hat. Die Erzieher schauen das Kind genauer an, um seinem Temperament gerecht zu werden. Welche Möglichkeiten bringt dieses Kind mit, welche Angebote machen wir ihm? Ich finde es wichtig, dass das erste Buch, das man hat, eines über einen selbst ist. Und da wir ja alle ziemlich eitel sind, kommt dieses Projekt gut an. Die Kinder mögen ihre Portfolios.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass es neben vielen guten Kitas so viele schlechte gibt? Haben die guten einfach mehr Personal?

Elschenbroich: Das fragen wir uns immer wieder beim Filmen, Otto Schweitzer und ich: Wieso ist es in diesem Kindergarten so lebendig, und woher haben die Kinder und Erwachsenen diese ansteckende Bildungslust? Und im Nachbarkindergarten bleibt die Zeit stehen, obwohl es dort nicht weniger Personal gibt! Manche Erzieher möchte man so richtig schütteln. Und andere beeindrucken immer wieder durch ihre Selbstlosigkeit. Die Fortbildungsbereitschaft in dieser Berufsgruppe ist einfach unglaublich. Obwohl Fortbildung keine Karriere- oder Aufstiegsvorteile bringt, strömen viele Erzieher am Wochenende in solche Veranstaltungen.

SPIEGEL: Wie müsste die Ausbildung reformiert werden?

Elschenbroich: Sie muss auf demselben Niveau angesiedelt sein wie die Lehrerausbildung und denselben professionellen Status verleihen. In den Ländern, in denen auf Hochschulstudium umgestellt wurde, bewerben sich übrigens prompt mehr Männer für den Beruf. In Japan werden Krippen- und Kindergartenerzieher seit 20 Jahren an Colleges oder Universitäten ausgebildet. Die Pädagogen im Kindergarten haben dasselbe Anfangsgehalt und den gleichen ehrenvollen Titel wie ein Universitätsprofessor.

SPIEGEL: Wie kann ein Kind, das Stunden vor dem Fernseher verbringt, sich einen Kanon des Weltwissens erobern?

Elschenbroich: Es gibt ja derzeit die Diskussion um die Kindergartenpflicht. Ich finde die Haltung der Kirche vernünftig, die zunächst die Kitas beitragsfrei machen will, um danach die Diskussion über eine Kita-Pflicht neu zu führen. Was die bildungsfernen Schichten betrifft, tut sich wirklich eine Kluft auf. Man kann die sogenannten bildungsfernen Familien nicht alle über einen Kamm scheren, etwa weil sie beispielsweise einen Migrationshintergrund haben. Die meisten dieser Familien haben hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder. Aber sie erwarten alles von den öffentlichen Institutionen, von Kindergärten und Schulen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie man zu Hause Bildungserlebnisse anstoßen kann. Diese Eltern müssen erst erfahren, was informelles Lernen ist, müssen verstehen, dass sie auch Bildungsbegleiter ihrer Kinder sind, ob sie nun Fernsehen gucken oder Wäsche legen. Niemand hat ihnen gesagt, dass das Sortieren von Socken am Wäscheständer etwas mit Mathematik zu tun hat. Oder dass man die Kinder beim Kochen am Pfefferminzbüschel riechen lassen kann und darüber ins Gespräch kommt.

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Forum - Bildung oder Bindung - Was will ich, was das Kind soll?
insgesamt 115 Beiträge
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1.
Rainer Helmbrecht 18.11.2008
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich kenne diesen Wunsch aus der Hundeerziehung, da wird ein Superhund gekauft, der bekommt dann die Erziehung aufgedrückt, die von allen "Sachverständigen" anempfohlen wird. Da wird die Intelligenz des Hundes kontrolliert, ohne die Grundlagen von Vertrauen und Familienstrich zu bedenken. Bei Kindern ist das genau so, Kinder werden zum Statussymbol, spielen nur noch mit Lernspielzeug, sollen nur noch Wunderkinder sein und wenn sie die Eltern enttäuschen, weil sie noch nicht dem Standard entsprechen, werden sie verlassen. Zeit wird nicht investiert, besonders nicht, wenn der "Erfolg" ausbleibt. Das ist ein Rollenspiel, bei dem von Außen die Ansprüche festgelegt werden. Eltern sind Laien, die die Talente ihrer Kinder gar nicht beurteilen können. Selbst Fachleute haben Schwierigkeiten Talente zu erkennen. Eltern, die auch eigene Wünsche haben, sind damit überfordert, sie sollten ihre Kinder lieben, dass ist das, worauf sich Kinder und Eltern stützen können, auf Wünsche kann man nicht aufbauen. MfG. Rainer
2.
Reziprozität 18.11.2008
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin da ganz bei den Experten. Wenn Eltern, aus womöglich hehren Motiven ihren Kindern die unbeschwerte Kindheit rauben, dann sollte es Mittel geben ihnen in den Arm zu fallen. Früheinschulungen verhindern, die Fünfjährigen können ja vielfach noch nicht einmal den Füllfederhalter richtig halten. Aufgeräumt gehört vielmehr das "Kuschelbiotop Grundschule", da werden doch in der Regel die Weichen falsch gestellt.
3. Kindheitsdiebstahl
MonaM 18.11.2008
Zitat von sysopImmer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern möglichst früh möglichst viel Bildung angedeihen zu lassen. Dabei warnen Experten vor Überforderung - Kindern müsse auch eine Kindheit zugestanden werden, damit sie sich vielfältig entwickeln können. Was meinen Sie?
Ich bin der - auch aus Erfahrung genährten - Überzeugung, dass Kleinkinder vor allem zwei Dinge brauchen: Viel liebevolle Zuwendung und viel zeitlichen Freiraum für das freie, unreglementierte Spiel. Die besten Spielkameraden sind natürlich die Eltern (Mutter _und_ Vater), andere vertraute Betreuungspersonen und Gleichaltrige. Spielen ist für Kinder sowieso eine ernste und lehrreiche Sache. Bis mindestens zum 5. Lebensjahr sollte es keine "Beschulung" der Kleinen geben, je nachdem auch bis zum tatsächlichen Schuleintritt nicht. Wer Kleinkinder zu Schülern macht, stiehlt ihnen die Kindheit.
4.
DJ Doena 18.11.2008
Auf der einen Seite kann man Kindern nicht zu früh zu viel zumuten, auf der anderen Seite finde ich es verschwendete Lebenszeit, wenn Kinder nach der dritten Klasse immer noch Probleme mit dem Alphabet haben, geschweigen denn mit diesen Problemen von der Hauptschule abgehen. Eltern dürfen ihren Kindern nicht zu viel abverlangen, sonst endet das in Selbstmordraten á la Japan. Aber endlos schleifen kann man es auch nicht lassen. Man versucht ja seinen Kindern nicht etwas beizubringen, damit diese dann für die Rente der Eltern sorgen können, sondern damit sie auf eigenen Beinen im Leben stehen können. Was hab ich davon Kindern 18 Jahre Kindheit zu gönnen, nur um sie dann in 55 Jahre Elend zu stürzen, weil sie nicht auf eine wissensbasierte Arbeitswelt vorbereitet sind?
5.
DJ Doena 18.11.2008
PS: Was für mich jenseits aller Diskussionswürdigkeit dazugehört, ist, dass die Kinder die Sprache altersgemäß beherrschen müssen, mit der sie in der Schule konfrontiert werden. Und zwar müssen sie diese (wieder: altersgemäß) beherrschen, _bevor_ sie die erste Klasse erreichen. Wenn man diese Vorraussetzung nicht als notwendig einsieht, kann man sich die Einschulung auch gleich sparen, denn viel sinnvolles wird dann eh nicht bei rauskommen.
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