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Zehntklässler-Pisa: Jeder dritte Schüler lernt nichts hinzu

Nach einer neuen Pisa-Sonderstudie verbessern sich viele deutsche Schüler zwischen der neunten und zehnten Klasse nicht oder rutschen sogar ab. Auch die Lehrer erhalten keine guten Noten: zu passiv, zu viel Frontalunterricht, urteilen die Forscher.

Frankfurt/Main - Laut einer neuen Pisa-Untersuchung lernt ein großer Teil der deutschen Schüler zwischen der neunten und der zehnten Klasse nichts dazu. Die Defizite im Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht seien so groß, dass ein erheblicher Teil der Zehntklässler in einem Jahr keine Fortschritte in diesen Fächern mache oder sich sogar verschlechtere, so die Studie.

Büffeln nach Pisa: Bleibt von der zehnten Klasse nichts hängen?
DPA

Büffeln nach Pisa: Bleibt von der zehnten Klasse nichts hängen?

Die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder stellt am Freitag in Berlin die Ergebnisse der deutschen Sonderstudie "Pisa-I-Plus" zu Pisa 2003 vor. Sie soll Aufschluss darüber geben, wie sich die zuvor getesteten Neuntklässler innerhalb eines Jahres entwickelt haben. Dafür wurden 2004 jene Klassen erneut in Mathematik, Naturwissenschaften und Problemlösen geprüft, die ein Jahr zuvor als ganzer Klassenverband bei Pisa mitgemacht hatten. Damals wurden an 220 Schulen verschiedener Schulformen extra jeweils zwei komplette neunte Klassen getestet.

Die Befunde der neuen Auswertung zeigen zwar einerseits, dass in Mathematik etwa 60 Prozent der Schüler ihre Leistungen deutlich verbessern konnten. Andererseits stagnierte etwa ein Drittel, acht Prozent rutschten mit ihren Leistungen sogar ab. Der Bericht bringt es auf eine griffige Formel: "Auf die Frage, was sie in einem Jahr Mathematikunterricht gelernt haben, müssen etwa 40 Prozent der 16-Jährigen mit 'nichts' antworten."

Auch Fähigkeit der Lehrer getestet

In den Naturwissenschaften - ohne Differenzierung nach Einzelfachern - verbesserten sich nur 44 Prozent der Schüler, 19 Prozent schnitten schlechter ab als noch in der neunten Klasse. Diese Ergebnisse erstaunen vor allem deshalb, weil die deutschen Schüler bei Pisa 2003 überdurchschnittliche Ergebnisse bei der allgemeinen Problemlösekompetenz erzielten, die stark mit den mathematischen und auch naturwissenschaftlichen Fähigkeiten zusammenhängt.

Vermutlich sind die Lernfortschritte eines Querschnitts deutscher Schüler gar noch niedriger anzusetzen, denn für die neue Untersuchungswelle wurden nur Gymnasien und Realschulen ein zweites Mal getestet. Hauptschulen klammerte die OECD aus dem Test aus, weil es nicht in allen Bundesländern eine verpflichtende zehnte Hauptschulklasse gibt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte diese Entscheidung. "Es ist eine unglaubliche Gedankenlosigkeit, Hauptschulklassen nicht einzubeziehen, wenn es denn nicht Absicht war", sagte Schulexpertin Marianne Demmer. Möglicherweise habe man sich eine erneute Debatte über die Probleme der Hauptschule und ihre miserablen Lernbedingungen ersparen wollen. Schon der Vergleich der Pisa-Studien 2000 und 2003 hatte ergeben, dass die Lernzuwächse an Gymnasien am stärksten waren. Dagegen waren die Lernzuwächse an den Hauptschulen gering und statistisch kaum erkennbar.

Zu viel Frontalunterricht und Stillarbeit

Die Studie rückt die Leistungen allerdings in einen Gesamtzusammenhang mit anderen Variablen - die Schulen wurden auch nach ihrer Wahrnehmung des Unterrichts befragt. Zudem wurden auch die Mathematiklehrer interviewt und ihre professionellen Kompetenzen untersucht.

Die Lehrer fuhren ähnlich schlechte Noten wie die Schüler ein: Der deutsche Mathematikunterricht in der Sekundarstufe I sei nach wie vor "in einem hohen Maße lehrergeleitet und variationsarm", urteilten die Forscher. "Das Wechselspiel von lehrergesteuertem Unterrichtsgespräch und anschließender Stillarbeit scheint den Alltag zu prägen." Erweiterte Lehrformen, individuelle Arbeitspläne oder neue didaktische Ansätze seien eher die Ausnahme als die Regel. Die Ergebnisse ließen annehmen, "dass ein kognitiv anregender und effektiv strukturierter Unterricht und die Anpassung des Unterrichts an das Leistungsniveau die Kompetenzentwicklung unterstützen".

Bei den Naturwissenschaften sehen die Pisa-Forscher das Problem, dass kein kontinuierlicher, aufeinander aufbauender Fachunterricht gewährleistet sei. An vielen Schulen stehen Physik, Chemie und Biologie immer nur für einzelne Jahre auf dem Lehrplan.

Erziehungswissenschaftler Peter Struck von der Universität Hamburg warnte davor, die Folgestudie überzuinterpretieren. Man sollte lieber die nächsten Studien abwarten, statt auf Ergebnisse aus dem Jahr 2003 zu blicken. "Seit dem ersten Pisa-Schock 2001 hat sich in Deutschland viel getan", betont Struck. Nach einer Einschätzung holt Deutschland schneller auf als erwartet.

cpa/dpa/AP

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