Ayfer Sever, 44, schüttelt den Kopf. "Vielleicht sollte Herr Erdogan uns mal besuchen kommen!" Seit fünf Jahren unterrichtet sie an der Spreewaldschule in Berlin-Schöneberg. Die Grundschule hat pro Jahrgang eine deutsch-türkische Klasse, in der die Kinder in beiden Sprachen unterrichtet werden. Das Konzept gilt hier als Erfolg, auch wenn viele andere Berliner Schulen es längst wieder aufgegeben haben.
Von rein türkischen Schulen, wie sie der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan fordert, hält die Lehrerin gar nichts. "Das ist eine furchtbare Debatte. Einerseits wird Integration gefordert, anderseits Abschottung", sagt Sever, eine von fünf türkischen Muttersprachlern unter den 42 Lehrern. Die Schule, deren Kinder zu 80 Prozent aus Migrantenfamilien stammen und die lange als Brennpunktschule verrufen war, geht konsequent einen anderen Weg.
Sie bietet seit vielen Jahren die zweisprachige Alphabetisierung von deutschen und türkischen Kindern in gemeinsamen Klassen an. In diesen Klassen lernen Kinder aus türkischen Familien Lesen und Schreiben in beiden Sprachen, die deutschen Kinder hingegen nur in Deutsch. Die Kinder haben dabei nicht nur mehr Unterricht, sondern auch mehr Lehrer und kleinere Klassen.
So gibt es bis zur fünften Klasse fünf zusätzliche Wochenstunden muttersprachlichen Unterricht; für die deutschen Kinder kommen zwei Stunden "Türkisch als Begegnungssprache" dazu. Der größte Vorteil: In sieben "Kooperationsstunden" sind eine deutsche und eine türkische Lehrkraft gleichzeitig in der Klasse.
"Der Leistungsstand ist sehr hoch"
Der Zulauf ist groß, auch aus deutschen Familien. Oft können gar nicht alle Kinder genommen werden, die sich für diese Klassen anmelden. Die meisten Schüler stammen aus bildungsbewussten Familien, die bereit sind, das anspruchsvolle Konzept mitzutragen. Die Rechnung scheint aufzugehen: Bei Vergleichsarbeiten schneiden die deutsch-türkischen Klassen immer wieder besser ab als andere.
"Der Leistungsstand ist sehr hoch", bestätigt Ayfer Sever, die in ihrer vierten Klasse neun türkische und acht deutsche Kinder unterrichtet. "Das ist ja auch logisch, wenn meistens zwei Lehrer in der Klasse sind." Zentrales Ziel ist die Integration. Auch die deutschen Kinder sollen die Schlüsselbegriffe der türkischen Sprache und Kultur lernen. Im Morgenkreis begrüßt man sich auf Türkisch, die Schule hat einen Theaterschwerpunkt, auch auf der Bühne wird in beiden Sprachen gesprochen.
"Ich halte nichts von monokulturellen Schulen. Zweisprachige Erziehung bedeutet auch interkulturelle Erziehung", sagt Sever. So werden alle Feiertage gemeinsam gefeiert, beim Klassenfrühstück besucht die ganze Klasse eine Familie zu Hause und lernt so die unterschiedlichen Kulturen kennen.
Viele Schulen haben Modellversuch aufgegeben
Das Problem, dass türkische Eltern ihren Töchtern die Teilnahme am Schwimmunterricht oder an Klassenausflügen verbieten, ist in ihrer Klasse noch nicht aufgetaucht. "Ich leiste sehr viel Überzeugungsarbeit, spreche die Probleme von Anfang an offen an", sagt die Lehrerin. Sie weiß, dass die Familien viel offener reagieren, wenn die zentralen Argumente von einer Türkin kommen, die aus dem selben Kulturkreis stammt - auch wenn sie schon fast 40 Jahre in Deutschland lebt.
Und Sever weiß, dass sie für viele Kinder ein Vorbild ist. "Du bist Lehrerin? Echt?" wurde sie einmal von einer Erstklässlerin bestaunt. "Ich war die erste türkische Frau, die sie kannte, die das geschafft hat", sagt Sever, die im Alter von sieben Jahren aus Anatolien nach Berlin kam.
Mit Sorge beobachtet sie, dass in Berlin immer weniger Schulen die deutsch-türkische Alphabetisierung anbieten. Von den 19 Schulen, die das 1990 als Schulversuch begonnene Konzept vor zehn Jahren noch anboten, sind gerade einmal fünf übriggeblieben. Es ist viel Zeit, Kraft und Geld nötig, damit es funktioniert. Außerdem gibt es nach wie vor nur wenige Lehrkräfte und wenig Unterrichtsmaterial.
Das ist für Sever eines der größten Probleme: Für die wichtige Schuleingangsphase gebe es überhaupt keine türkischsprachigen Materialien, klagt sie: "Das müssen wir uns alles stundenlang selbst erarbeiten. Da wünsche ich mir mehr Unterstützung."
Von Uta Winkhaus, APN
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