Bibelfromme Urchristen: Schule der "Zwölf Stämme" droht das Aus

Von Heike Sonnberger

Gut Klosterzimmern bei Deiningen: Hier wohnt die Religionsgemeinschaft "Zwölf Stämme" Zur Großansicht
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Gut Klosterzimmern bei Deiningen: Hier wohnt die Religionsgemeinschaft "Zwölf Stämme"

Die Schule der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Bayern steht wohl vor dem Aus: Die Urchristen haben Probleme, qualifizierte Lehrer zu finden. Außerdem werfen Aussteiger ihnen vor, ihre Kinder mit Stöcken zu züchtigen. Das haben einige Bibelfromme gegenüber den Behörden nun auch zugegeben.

Sexualkunde kommt im Unterricht gar nicht dran, in Deutsch lesen die Kinder keine Jugendbücher, lernen dafür umso mehr über die Bibel: Die Schule der urchristlichen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" ist ein Sonderfall in der bayerischen Bildungslandschaft. Die Behörden genehmigten sie vor knapp sieben Jahren widerstrebend, nachdem sich Eltern der Gemeinschaft jahrelang gegen die staatliche Schulpflicht gewehrt hatten. Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" dürfen ihre Kinder seither auf ihrem nordschwäbischen Gut Klosterzimmern selbst unterrichten. Damit könnte nun aber bald Schluss sein.

Die Schule und die Gemeinschaft sind sehr umstritten. Aussteiger werfen den rund hundert Bewohnern des Gutshofs auf dem Land zwischen Augsburg und Nürnberg vor, ihre Kinder mit der Rute zu misshandeln. Das bayerische Kultusministerium erwägt, die Schule zum kommenden Schuljahr zu schließen. Anlass dafür wäre dann allerdings eine Formalie: Die Gemeinschaft hat Schwierigkeiten, qualifizierte Lehrer aufzutreiben.

Die rund 20 Grund- und Hauptschüler würden derzeit unter anderem von einer Hebamme, einem Rettungssanitäter und einem Germanistikstudenten unterrichtet, sagte Ministeriumssprecher Ludwig Unger. Der einzige fachlich qualifizierte Lehrer sei oft nicht da. Bis zur zweiten Maihälfte habe die Gemeinschaft noch Zeit, einen ausgebildeten Lehrer zu benennen, der ständig an der "privaten Ergänzungsschule" lehrt. Tut sie das nicht, wollen die Behörden die Schule dichtmachen. "Das ist die definitive Deadline", sagte Unger. Eigentlich war die Frist schon Ende März ausgelaufen. Bis dahin hatte die Schule es nicht geschafft, die Auflage zu erfüllen.

"Es ging darum, uns innerlich zu brechen"

Die bibelfromme Gemeinschaft der "Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien auf dem Gutshof Klosterzimmern. Sie bauen Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt auch das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft Augsburg.

Ehemalige Mitglieder der "Zwölf Stämme" hatten dem "Focus" vor einem Jahr berichtet, dass die Fundamentalchristen ihre Kinder regelmäßig schlügen, um sie gefügig zu machen. Ab dem zweiten Lebensjahr, erzählt ein Aussteiger, sei er von den Erwachsenen mindestens dreimal am Tag mit Rutenschlägen auf den nackten Hintern, Rücken, Arme und Beine traktiert worden. "Es ging nicht darum, ob man etwas Schlechtes getan hatte, sondern darum, uns innerlich zu brechen." Ein anderes früheres Mitglied sagte: "Lachte ein Kind im Unterricht oder spielte ein Phantasiespiel, wurden die Motive bis ins kleinste Detail zerpflückt und es bestraft."

Die "Zwölf Stämme" hatten die Vorwürfe damals zurückgewiesen und erklärt: "Wir sind eine offene und transparente Gemeinschaft, die keine Form von Kindesmisshandlung duldet." Bei einem Treffen im Kultusministerium am 5. Februar hätten einige Mitglieder der Gemeinschaft jedoch erstmals zugegeben, ihre Kinder mit einem Stock zu maßregeln, heißt es im Bericht des Ministeriums an den Landtag von Ende März.

"Sie haben sich auf das Alte Testament berufen", sagt Alfred Kanth, Leiter des zuständigen Jugendamts Donau-Ries, der bei dem Treffen dabei war. Die Gemeinschaft deute die Schläge offenbar nicht als Misshandlung, sondern als elterliches Recht und als Zeichen elterlicher Liebe. "Zwölf-Stämme"-Sprecher Holger Röhrs wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht dazu äußern.

Verschlossene Gemeinschaft, keine Beweise

Handfeste Beweise für Züchtigungen gibt es bisher nicht. Eine Amtsärztin habe fast alle 40 bis 50 Kinder im vergangenen Sommer untersucht - und dabei keine Spuren von Misshandlung feststellen können, sagte Jugendamtsleiter Kanth. "Ein paar Kinder haben zwar gefehlt, aber es gab keine Anzeichen dafür, dass sie wegen der Untersuchung weggeschickt worden sein könnten." Alle vier bis sechs Wochen seien Mitarbeiter des Jugendamts auf dem Hof zu Besuch. "Wir erleben dort fröhliche, wohlerzogene und altersgemäß entwickelte Kinder, die an ihren Eltern hängen", sagte Kanth. "Wir haben keine Handhabe, um sie aus den Familien zu nehmen."

Auch die Staatsanwaltschaft Augsburg hat Schwierigkeiten, den Bibelfrommen konkrete Taten nachzuweisen. "Die Ermittlungen gestalten sich nicht einfach", sagte Sprecher Matthias Nickolai. Das liege auch daran, dass es sich um eine sehr verschlossene Gemeinschaft handele. Wann und ob je Anklage erhoben werden könne, sei derzeit nicht absehbar.

Der Schulaufsicht sind ebenso die Hände gebunden. Denn niemand von den "Zwölf Stämmen" habe bisher zugegeben, dass Züchtigungen auch in der Schule stattfänden, sagte Ludwig Unger. Seit 2010 habe zwar kein Schüler mehr einen externen Hauptschulabschluss abgelegt. Das liege aber im Ermessen der Eltern. Ansonsten seien die Schüler in den letzten Jahren auf einem guten Leistungsniveau gewesen.

Und so ist der Mangel an qualifizierten Lehrern die einzige Möglichkeit der Behörden, gegen die Gemeinschaft vorzugehen und die Schule zu schließen. Damit stünden sie aber wieder vor einem alten Problem: Wo sollen die Kinder der "Zwölf Stämme" ab September unterrichtet werden?

Vor einigen Jahren hatte die Polizei bereits versucht, die Kinder zwangsweise an einer staatlichen Schule einzuschulen. Sieben Väter saßen mehrere Tage in Beugehaft. Eingelenkt hatte die Gemeinschaft trotzdem nicht. "Wir wollen unsere Kinder nur vor schlechten Einflüssen schützen", sagte Sprecher Röhrs damals. Nun wird dieser Streit wohl wieder von neuem losbrechen.


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insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1. Religion?
gaiusbonus 18.04.2013
Bei dem Wort Religion entsichere ich meine Walther ...! Im Ernst, wie können offensichtliche Wirrköpfe, die in gekonter manier die Realität völlig ausblenden, überhaupt eine Schule eröffnen? Darf ich auch eine spezielle Atheistenschule eröffnen? Und wenn nein, warum denn bitte nicht ? Irgendwas stimmt da nicht!
2.
hansmaus 18.04.2013
schwieriges Thema, sicher die toleranten und weltoffenen Gutmenschen werden sagen, "richtig so kann ja nicht angehen das hier jeder lebt wie er will" Ich persönlich denke ja andere die anders leben wollen als man selbst einfach mal machen lassen solange sie keinem 3. schaden. Diese doch recht einfach Grundhaltung ist meilen von dem entfernt was hierzulande Gesetz ist. Ein Blick in die Usa genügt um zu sehen das dies dort recht schön funktioniert. Eine Gemeinschaft wie die Amisch wäre hier undenkbar. Schade das wir uns auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht daran gewöhnt haben was Freiheit eigentlich bedeutet. "Freiheit ist immer die Freiheit der andersdenkenden" gerade wenn diese "Andersdenkenden" eine Einstelung haben die weh tut sieht man welche Gesellschaft wirklich frei und tolerant ist und welche nicht.....wir sind es definitif nicht, weder die Gesellschaft noch die Politik und schon garnicht die Medien.
3.
exterminate 18.04.2013
Inwiefern muss man denn "qualifiziert" sein, um die Evolution zu leugnen und wehrlosen Kindern stattdessen Schöpfungsmärchen aufzutischen? Dass sowas im 21. Jahrhundert in Deutschland legal ist, ist ein Skandal. Dichtmachen, den Laden, und zwar zackig und die Kindesmisshandlungen mit den entsprechenden Höchststrafen für vorsätzliche schwere Körperverletzung ahnden und den Rabeneltern selbstverständlich das Sorgerecht entziehen.
4.
blasphemiker 18.04.2013
Zitat von sysopDPADie Schule der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Bayern steht wohl vor dem Aus: Die Urchristen haben Probleme, qualifizierte Lehrer zu finden. Außerdem werfen Aussteiger ihnen vor, ihre Kinder mit Stöcken zu züchtigen. Das haben einige Bibelfromme gegenüber den Behörden nun auch zugegeben. http://www.spiegel.de/schulspiegel/zuechtigung-und-lehrermangel-schule-der-zwoelf-staemme-droht-aus-a-895160.html
Naja, das man seine Kinder züchtigen soll ist ja schließlich biblisch gefodert. Wenn man des den Gottesfürchtigen verbieten wollte, wäre des ja eine Diskriminierung ihrer Religion Und so etwas geht ja nun mal gar nicht. *Achtung: Dieser Post könnte Sarkasmus enthalten*
5.
kugelsicher99 18.04.2013
Zitat von sysopDPADie Schule der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Bayern steht wohl vor dem Aus: Die Urchristen haben Probleme, qualifizierte Lehrer zu finden. Außerdem werfen Aussteiger ihnen vor, ihre Kinder mit Stöcken zu züchtigen. Das haben einige Bibelfromme gegenüber den Behörden nun auch zugegeben. http://www.spiegel.de/schulspiegel/zuechtigung-und-lehrermangel-schule-der-zwoelf-staemme-droht-aus-a-895160.html
Ich erinnere mich dunkel, dass wir in D. die Trennung von Kirche und Statt haben. Aber Bayern bekommt es natürlich nicht gebacken, die Schule dieses obskuren Vereins dicht zu machen. Wenn ich schon lese: zähneknischend genehmigt. Einfach konsequent sein und erst gar nicht genehmigen, fertig aus.
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