Christen-Sekte "Zwölf Stämme": "Die tanzen den Behörden auf der Nase herum"
Die Polizei in Bayern hat erst kürzlich Kinder aus der Sekte "Zwölf Stämme" befreit - dabei kennen deutsche Behörden die Misshandlungsvorwürfe schon seit 20 Jahren. US-Ermittler sind sogar noch länger im Bilde.
Nur einmal hat er sich von ihnen zum Essen einladen lassen. Neben ihm saßen Männer mit Bärten und Frauen mit wallenden Röcken. Und Kinder, viele Kinder. "Ich dachte", sagt der Mann, "die Kinder seien aus Wachs. Sie rührten sich nicht." Mehrmals am Abend führten Männer Kinder aus dem Raum, so erzählt er es, in der Hand einen kleinen Stock. Danach besuchte er die umstrittene Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" nie wieder. Er hielt es nicht aus, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte.
Über die "Zwölf Stämme" wurde viel geschrieben, seit die bayerischen Behörden in einem Großeinsatz 40 Kinder aus den Gemeinschaften in Klosterzimmern und Wörnitz holten. Es habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung durch die Mitglieder" gegeben, teilte das Landratsamt Donau-Ries damals mit. Was dabei bislang kaum bekannt ist: Die Behörden wissen seit 20 Jahren von den Vorwürfen gegen die Gemeinschaft. In den USA gab es sogar schon vor 30 Jahren Razzien wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung.
Satan schickt seine letzten Bataillone
Die Gemeinschaft entstand in den siebziger Jahren in den USA. Inzwischen leben die Mitglieder nach eigenen Angaben unter anderem in Kanada, Brasilien und England; in Deutschland soll es mehr als hundert Anhänger geben. Sie berufen sich auf das Urchristentum, ihre Maxime: Wer sein Kind liebt, schlägt es. Sie glauben an ihren Führer Gene Spriggs, sie glauben, dass 2026 die Welt untergeht, dass alle vom Satan besessen sind, nur sie nicht. Nach dieser Logik steckt auch hinter dem bayerischen Großeinsatz der Teufel: Er schickt seine letzten Bataillone.
Fast zwei Jahrzehnte liegt das Abendessen zurück, an das sich der anonyme Informant noch heute gut erinnert. Die Gemeinschaft war damals in sein Dorf gezogen, ins niedersächsische Pennigbüttel bei Bremen. Eine junge Mutter aus dem Dorf soll Mitglieder bei einer Neuseelandreise kennengelernt haben, erzählt man sich im Ort. Sie hatte einen großen alten Bauernhof geerbt, dorthin lud sie Anfang der neunziger Jahre mehr und mehr Mitglieder ein. Zuletzt waren 98 Personen unter der Adresse offiziell gemeldet, 49 waren zu der Zeit unter 20 Jahre alt.
Die Gemeinschaft weigerte sich schon damals, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken. Die niedersächsischen Beamten versuchten zu intervenieren. Vergeblich. "Die tanzen den Behörden auf der Nase herum", sagt der Mann.
"Die Kinder werden dressiert"
Der evangelische Pastor Gert Glaser versuchte lange, das zu verhindern. Er arbeitete damals als Sektenbeauftragter im Kirchenkreis, veranstaltete Info-Abende, erstattete Strafanzeige, schrieb an das niedersächsische Kultusministerium. Zu nichts habe das alles geführt, sagt er heute.
Im August 2002 zählte das Ministerium in einem Schreiben auf, was die Behörden versucht haben: 1994 beantragte die Gemeinschaft, ihre Kinder aus religiösen Gründen privat unterrichten zu dürfen, zwei Jahre später lehnte der zuständige Ausschuss ab. Es folgten Bußgeldverfahren, Beugehaft und Unterrichtsbesuche; denn die Mitglieder hatten sich an das Nein der Behörden nicht gehalten. "Bei keinem der Unterrichtsbesuche wurde festgestellt, dass sich der 'spezifische sekteninterne Unterricht' - wie vom Petenten (Gert Glaser - d. Red.) behauptet - im Erteilen und Ausführen von Befehlen erschöpft", heißt es. Das Dokument liegt SPIEGEL ONLINE vor. Glaser bleibt dabei: "Die Kinder werden dressiert", sagt er. So sollten sie früh lernen, sich zu unterwerfen.
Laut Gesetz hätten die Behörden die Kinder zum Schulbesuch zwingen können. Sie entschieden sich dagegen, der personelle Aufwand, 20 Kinder zur Schule zu bringen und dort zu bewachen, sei zu groß und "insbesondere aus pädagogischer Sicht ausgesprochen zweifelhaft". Der Leiter des Rechtsreferats im Kultusministeriums, Wilhelm Habermalz, sagte damals dem "Kurier am Sonntag", sie seien der Gemeinschaft weit entgegengekommen. "Doch jetzt ist uns klar, dass sie die Brücke, die wir ihnen gebaut haben, gar nicht betreten wollten."
Auch das Sorgerecht konnte den Eltern nicht entzogen werden - es fehlten Beweise für die Misshandlungsvorwürfe. Dabei berichtete der "Kurier am Sonntag" schon 1995, dass Mitglieder ihre Kinder mit einem Stock schlagen. Frauen, die damals vorübergehend bei den "Zwölf Stämmen" lebten, hatten der Zeitung davon erzählt. Jene gaben die Schläge auch zu - zum Teil vor Zeugen. Deswegen zeigte Glaser die Gemeinschaft 1998 an. Die Züchtigung habe nicht im Affekt zu geschehen, sagten ihm Sektenmitglieder damals, sondern sei in Liebe zu vollziehen.
Von dem einen Land zum andern
Ein halbes Jahr später stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Glaser erhob zweimal Einspruch, benannte neue Zeugen, fragte die Staatsanwaltschaft in seinem Schreiben: "Können Sie sich vorstellen, wie man ein sechs oder zwölf Monate altes Kind mit einem stockähnlichen Gegenstand schlagen kann, ohne es damit zu misshandeln?" Vergebens. Denn die Mitglieder wissen, wann sie reden dürfen und wann nicht. Vor der Staatsanwaltschaft beriefen sie sich auf ihr Recht, zu schweigen. Auch in öffentlichen Stellungnahmen erklärten sie schon früher: "Wir sind eine offene und transparente Gemeinschaft, die keine Form von Kindesmisshandlung duldet." Jetzt, nach dem Großeinsatz, schreiben sie auf ihrer Webseite: Eine "Korrektur in Liebe und aus Liebe" sei immer zum Wohle des Kindes.
"Bevor weitere Maßnahmen von Seiten der Schulbehörden ergriffen werden konnten", sagt die heutige Sprecherin des Kultusministeriums zu der Situation von damals, "verzog die Glaubensgemeinschaft nach Bayern." In ein anderes Bundesland, mit neuen Behörden. Die Maßnahmen wiederholten sich.
Ein ähnliches Muster zeigte sich lange zuvor schon in den USA: Die "New York Times" berichtete im Sommer 1984 von einem Treffen der "Zwölf Stämme", die sich damals noch "Northeast Kingdom Community Church" nannten. Zwei Wochen zuvor hatte der Staat angeordnet, 112 Kinder der Gemeinschaft zu untersuchen. Nur ein paar Stunden später waren sie wieder in der Sekte. Es habe nicht genug Beweise gegeben, die diese Aktion rechtfertigten, urteilte ein Richter.
Bei diesem Treffen fragte ein Teilnehmer, ab welchem Alter sie ihre Kinder disziplinieren würden. "Wenn du wartest, bis das Kind in der Lage ist, etwas zu begründen, dann hast du zu lang gewartet", antwortete ein Sektenmitglied. "Auch kleine Babys haben eine verdorbene Seite und müssen diszipliniert werden." Die Kinder seien verloren, wenn man sie nicht "angemessen schlagen" würde.
In Deutschland lieferte ein RTL-Reporter vor wenigen Wochen die Beweise, die den deutschen Behörden so lange fehlten. Er zeichnete mit einer versteckten Kamera verstörende Szenen aus sogenannten Bestrafungsräumen auf; sie zeigen weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den nackten Po schlägt. Erst danach holten Polizei und Jugendamt die Kinder aus der Gemeinschaft.
Dabei haben sie offenbar nicht alle deutschen Kinder erwischt. Nach SPIEGEL-Informationen wechselte ein Teil der Sekte schon wieder das Bundesland: Seit Juli leben einige Mitglieder auf einem Hof in Sachsen-Anhalt. Zu der Zeit, als die bayerischen Behörden den Druck erhöhten, verschwanden dort rund zehn Kinder, beobachteten Nachbarn. Aussteiger berichten, dass sie nach Tschechien gebracht worden seien, auf einen Bauernhof mit Obstgarten, Weinberg, Schafherde und Fischteichen. In ein neues Land, mit neuen Behörden.
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