Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Zwölf Stämme": Aus Sicht einer Sekte

Von

Kampagne der "Zwölf Stämme": Kann diese Idylle schaden? Fotos
DPA

Mitglieder der "Zwölf Stämme" sehen sich als Opfer einer Hetzkampagne. Nun wehrt sich die Sekte: Sie veröffentlicht Briefe, Fotos und Videos im Internet - und gewährt so einen seltenen Einblick in ihre verworrene Welt.

Das Leben wäre vielleicht einfacher, wenn es nur Gut und Böse gäbe in der Welt. Es gäbe immer klare Antworten, keine Zweifel, kein Hinterfragen. Die Mitglieder der umstrittenen Sekte "Zwölf Stämme" leben in so einer Welt. Sie sind die Guten, der Rest ist böse.

In dieser Welt kam Satan am 5. September 2013 nach Klosterzimmern und Wörnitz, um ihnen ihre Kinder zu nehmen: An diesem Tag holten die bayerischen Behörden 40 Kinder aus den dortigen Gemeinschaften. Zuvor hatte ein RTL-Reporter mit versteckter Kamera gefilmt, wie Sektenmitglieder Kinder schlagen. Er lieferte damit die Beweise, die jahrelang fehlten: Dass die "Zwölf Stämme" ihre Kinder mit der Rute erziehen.

Die "Zwölf Stämme" bezeichnen die Reportage als Spielfilm und das Eingreifen der Behörden als staatliche Willkür. Sie sagen, dem RTL-Reporter sei es "anhand falscher Zeugenaussagen und illegaler Filmaufnahmen" gelungen, eine "Hetzkampagne" zu starten.

Darauf antworten sie mit ihrer eigenen Kampagne - und zeigen so, wie sehr sie in ihrem Denken gefangen sind. Mit Videos, Fotos, Blog-Einträgen und Briefen klagen sie an. Sie fragen nicht: Was haben wir falsch gemacht?

Die "Zwölf Stämme" gewähren einen Einblick in ihre Welt, die sonst nur jene betreten dürfen, die ihnen wohlgesonnen sind. Darin herrscht in Deutschland ein Klima wie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Auf ihrer Webseite schreiben sie: "Die 'Judenlüge' machte es leicht, Menschenrechte zu ignorieren und bahnte den Weg in die KZ." Und sie fragen: "Hat Sophie Scholl umsonst gekämpft?" Damals wie heute schweige die Mehrheit - "obwohl ihnen ihr Gewissen und ihr gesunder Menschenverstand sagen, dass man Kinder mit Grenzen und Konsequenzen erziehen muss". Anders ausgedrückt: dass man Kinder mit der Rute züchtigen muss.

"Es war viel Frieden und viel Fürsorge und Liebe"

In den Monaten nach dem Großeinsatz lud die Sekte in Deutschland rund 20 Filme bei YouTube hoch. Die recht aufwendig produzierten Videos, unterlegt mit sanfter Klavier- und Geigenmusik, zeigen junge Männer, die Kühe melken, die mit dem Pflug einen Acker bestellen, die Brot im Steinofen backen. Ältere Videos zeigen lachende Kinder und Eltern beim Sackhüpfen und Eierlauf. Sie grillen gemeinsam, singen, spielen Volleyball, essen Vollkornbrötchen mit Salat und tanzen Hand in Hand ums Lagerfeuer. Kindesmisshandlungen passen nicht in diese Idylle, das haben sie auch schon früher betont. Die Botschaft ist klar: Wenn hier Kinder geschlagen werden, dann nur, weil es ihnen guttut. Schließlich steht in der Bibel: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." Und der Bibel folgt die Sekte treu.

Eine junge Frau sagt im Video: "Ich wusste, dass ich frei hier bin." Niemand habe sie gezwungen, bei den "Zwölf Stämmen" zu bleiben. Ein junger Mann: Die "Zwölf Stämme" seien eine Gemeinschaft, in der "man endlich jemanden finden kann, dem man vertrauen kann, weil er echt ist, weil wir alle lernen, echt zu sein". Eine andere junge Frau: "Es ist meine Überzeugung, dass der Mann das Sagen hat." Ihre Mutter habe zwar über die Kinder "geherrscht", aber als der Vater ins Zimmer kam, hätten alle gemacht, was er wollte. "Und es war viel Frieden und viel Fürsorge und Liebe."

Der Psychologe Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sagt, die Kinder wirkten in diesen Videos sehr isoliert, sehr gefangen in ihrer Weltsicht. Während andere in der Schulzeit lernen zu argumentieren, sich mit Kritik und anderen Meinungen auseinanderzusetzen, leben die Sektenkinder fast nur unter ihresgleichen. Viele besuchten jahrelang eine eigene Schule, inzwischen wurde der Betrieb der Sekte gerichtlich verboten. "Die Kinder argumentieren aus ihrem Käfig heraus", sagt Utsch. Er kenne das Verhalten von anderen Sekten: Mit Fundamentalisten könne man nur schlecht diskutieren, sagt er.

Es zählt das Gesetz, nicht die Bibel

Kritische Fragen beantworten die "Zwölf Stämme" ungern, Interviewanfragen von SPIEGEL ONLINE lehnten sie ab: "Wir glauben ehrlich gesagt nicht, dass Sie positiv berichten werden. Und wenn, dann nur bedingt." Wer nicht positiv berichtet, gehört nicht zu den Guten und damit nicht in ihre Welt.

Dabei ist die Trauer der Eltern um ihre Kinder sicher echt. Welche Mutter, welcher Vater würde nicht um seine Kinder kämpfen? Sicher waren auch die Sektenmitglieder in Klosterzimmern überrascht vom Eifer der Behörden: Jahrelang reagierten sie zögerlich, plötzlich zeigen sie Härte. Einige Familien sind vor Kurzem nach Österreich gezogen - vermutlich, um weiteren Kontrollen in Deutschland zu entgehen.

Ob in Österreich oder Deutschland: Die Sitten und Bräuche der "Zwölf Stämme" werden immer wieder mit Staat und Gesellschaft kollidieren - wenn sie nicht Kritik und Veränderung in ihre Welt lassen. Wenn sie sich nicht fragen: Was haben wir falsch gemacht? Sollten wir nicht aufhören, unsere Jungen und Mädchen mit der Rute zu erziehen? Schließlich haben Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, so steht es seit dem Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch. Und das Grundgesetz will, dass jeder Mensch sich frei entfalten kann. Das zählt in Deutschland, nicht die Bibel.

Nur dürfte die Sekte das wenig beeindrucken, erst kürzlich haben sie wieder betont: "Wir müssen Gottes Wort mehr gehorchen als dem von Menschen."

  • SPIEGEL ONLINE
    Sie wurde in eine Sekte geboren und dort von klein auf geschlagen, mehrmals am Tag. Mit 16 Jahren stieg Amitsa bei den "Zwölf Stämmen" aus. Begegnung mit einer jungen Frau, die ausbrach, um ins Leben zu finden. mehr...

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 323 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein Klaps schadet nciht sondern hilft.
Adminaccount 11.06.2014
Man soll Kinder nicht grün und blau schlagen aber ein Klaps ist gut für die Erziehung und stärkt den Charakter. 50.000 Jahre menschliche Evolution können nicht irren nur weil ein paar Alt-68er die Antiautoritäre Erziehung erbrochen haben.
2. Was ich da sehe...
halliburtonium 11.06.2014
erinnert mich sehr stark und mit erheblichem Unwohlsein an einen Aufenthalt in der "Colonia Dignidad". Mag sein, dass der Schein täuscht, aber warum holt man mit "Polizeigewalt" eine große Zahl Kinder aus der Obhut, der so menschenfreundlichen "Eltern und Betreuer"?!
3. Interessant
Emal 11.06.2014
---Zitat--- Kritische Fragen beantworten die "Zwölf Stämme" ungern, Interviewanfragen von SPIEGEL ONLINE lehnten sie ab: "Wir glauben ehrlich gesagt nicht, dass Sie positiv berichten werden. Und wenn, dann nur bedingt." ---Zitatende--- Womit sie amüsanterweise die Wahrheit sagten... "Wer nicht positiv berichtet, gehört nicht zu den Guten und damit nicht in ihre Welt." Und daraus soll man die Verbohrtheit der Leute erfahren, weil spiegelt ihnen Worte in den Mund legt? Die Haltung der Gruppe und auch das züchtigen von Kindern ist für mich Grund genug für die Ablehnung dieser. Diesen Leuten aber Worte in den Mund zulegen ist schlechte Presse und miserabler Journalismus. Auch wenn Spiegelautoren anscheinend eine gewisse Unfähigkeit in der Hinsicht zu haben scheinen: Neutrale Presse. Sachlich. Gut recherchiert. Mitlerweile trifft die Aussage Spiegel leider echt zu: Sie ist nur ein SPIEGEL eines BILDes. Machen sie sich doch zusammen zum Spiegelbild ;)
4.
dreamsleep 11.06.2014
Zitat von sysopDPAMitglieder der "Zwölf Stämme" sehen sich als Opfer einer Hetzkampagne. Nun wehrt sich die Sekte: Sie veröffentlicht Briefe, Fotos und Videos im Internet - und gewährt so einen seltenen Einblick in ihre verworrene Welt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/zwoelf-staemme-sekte-veroeffentlicht-videos-fotos-briefe-a-965821.html
Das Phänomen kann man generell beobachten, versucht man mit religiösen Menschen zu diskutieren. Da wird grundsätzlich IM Denken, IN der Ideologie argumentiert. Eine Betrachtung von außen, neutral, unvoreingenommen und versucht objektiv scheint denen nicht möglich zu sein. Schlimm finde ich, dass immer noch einen Unterschied zwischen Religionen und Sekten gemacht wird! Außer in der Zahl der Anhänger und evtl. Zeitspanne des Bestehens unterscheiden sich beide Systeme in keinerlei Weise. Beide versuchen die Legitimation zur ultimativen Wahrheit durch eigene Schriften und Erfahrungen zu "belegen"..
5. Ja das mutet alles seltsam an
paul-brandenburg 11.06.2014
Ja das mutet alles seltsam an in unserer heutigen Zeit. Denke mal dies ist nur ein Segment in unserer heutigen Zeit. Geht es aber besser zu in unserer vielschichtigen Gesellschaft mit Hieben und Stechen. Obwohl ich nichts am Hut habe mit diesen seltsamen 12 Stämmen scheinen sie ungefährlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Eine Sektenaussteigerin erzählt: Leben auf dem Minenfeld

Fotostrecke
Urchristen "Zwölf Stämme": Kinder verschwunden
"Zwölf Stämme" - Urchristen aus den USA
Die Bewegung der "Zwölf Stämme" entstand in den siebziger Jahren in den USA. Weltweit hat die Glaubensgemeinschaft, die sich auf das Urchristentum beruft, gut 60 Gemeinden, die meisten in den USA unter dem Namen "The Twelve Tribes". Kritiker sehen in der Gemeinschaft eine Sekte, die straff hierarchisch und patriarchalisch organisiert ist. In Deutschland leben drei "Zwölf-Stämme"-Kommunen, außer der auf Gut Klosterzimmern bei Nördlingen (Bayern) gibt es eine weitere im ländlichen Wörnitz bei Ansbach (Bayern). Immer Sommer 2013 zog ein Teil der Gemeinschaft nach Dolchau (Sachsen-Anhalt). Seit mehr als zehn Jahren widersetzen sich die "Zwölf Stämme" immer wieder der Schulpflicht, sie bestehen auf Heimunterricht. Die Genehmigung für eine eigene Schule auf Gut Klosterzimmern wurde ihnen im Sommer 2013 entzogen.

Fotostrecke
Urchristen "Zwölf Stämme": Erziehung unter Schmerzen

Social Networks