"Zwölf Stämme": Sieben Väter widerstandslos verhaftet

Seit Jahren boykottiert die Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" staatliche Schulen. Heute hat die Polizei sieben Familienväter festgenommen, die sich geweigert hatten, zur Erzwingungshaft in Augsburg anzutreten. Dabei spielten sich seltsame Szenen ab.

Pressekonferenz der "Zwölf Stämme": "Kinder vor schlechten Einflüssen schützen"
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Pressekonferenz der "Zwölf Stämme": "Kinder vor schlechten Einflüssen schützen"

Die Religionsgemeinschaft hat ihr Domizil auf dem nordschwäbischen Gut Klosterzimmern und lehnt es aus "religiösen Gewissensgründen" ab, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Mehrfach hatten Gerichte gegen die "Zwölf Stämme" Buß- und Zwangsgelder verhängt, die sich inzwischen auf rund 150.000 Euro summieren, aber nie bezahlt wurden.

Zuletzt versuchte Bayern, die Erfüllung der Schulpflicht mit Erzwingungshaft durchzusetzen: Ab Freitag sollten sieben Familienväter der "Zwölf Stämme" zwischen 6 und 16 Tage in der Justivollzugsanstalt Augsburg verbringen, doch sie erschienen nicht. Am Montag nahm die Polizei die Väter auf dem Gut Klosterzimmern fest und brachte sie ins Augsburger Gefängnis. Die sieben Väter leisteten keinen Widerstand.

Der Streit um die Schulpflicht findet kein Ende

Bei der Polizeiaktion spielten sich eigenartige Szenen ab. Die "Zwölf Stämme" hatten mit dem Besuch schon gerechnet und Wachposten auf den Kirchturm des Klostergeländes geschickt. Die Wachen verkündeten mit Hörnern das Anrücken der Polizeiwagen; alle Gemeindemitglieder versammelten sich vor der Kirche und erwarteten singend die Polizisten. Die sieben Väter hatten bereits Köfferchen gepackt und bestiegen friedlich die Busse, die anderen Mitglieder folgten winkend. "Wir fügen uns, haben aber keinerlei Unrechtsbewusstsein", sagte ein Sprecher.

Heimunterricht: Auf keinen Fall in eine öffentliche Schule
DPA

Heimunterricht: Auf keinen Fall in eine öffentliche Schule

Bei einer ersten Polizeiaktion vor zwei Jahren war es weit weniger friedlich zugegangen, als Polizisten 23 Kinder zwangsweise zu einer öffentlichen Schule brachten. Geändert hat die Glaubensgemeinschaft, die sich auf die Tradition der Ur-Christen beruft und seit dem Sommer 2000 biologische Landwirtschaft auf dem ehemaligen Klostergelände betreibt, ihre Ansicht zur Schulpflicht seitdem nicht. Die Eltern setzen auf Heimunterricht, um ihre Kinder von Gewalt, Drogen und Sexualität fernzuhalten.

Wegen des anhaltenden Schulboykotts hatte das Amtsgericht Nördlingen die Erzwingungshaft gegen insgesamt 18 Väter und Mütter beschlossen. Eine Beschwerde dagegen wurde zurückgewiesen und zunächst der Vollzug gegen die sieben Väter angeordnet, damit die Eltern nicht alle gleichzeitig in Haft müssen.

Keine Evolutionslehre, keine Sexualkunde

Bereits am Freitag erklärten die "Zwölf Stämme" ihren Standpunkt bei einer Pressekonferenz: Die Mitglieder lehnen staatliche Schulen vor allem wegen des Sexualkundeunterrichts und der Evolutionslehre ab. "Wir wollen unsere Kinder nur vor schlechten Einflüssen schützen", so Sprecher Holger Röhrs.

Gut Klosterzimmern: Hartnäckiger Schulboykott
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Gut Klosterzimmern: Hartnäckiger Schulboykott

Die bibeltreuen Christen erhoben zudem Vorwürfe gegen das bayerische Kultusministerium, das auf Konfrontation gesetzt habe, statt auf Gesprächsangebote zu reagieren. Ministerin Monika Hohlmeier (CSU) fehle das "Fingerspitzengefühl" und fahre die "harte Linie", sagte Röhrs.

Das Kultusministerium konterte, den Eltern sei immer wieder aufgezeigt worden, welche Unterrichtsmöglichkeiten auch außerhalb des staatlichen Schulwesens bestünden. Die "Zwölf Stämme" hätten sich aber nie auf einen echten Dialog eingelassen. Der Staat müsse Kindern das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit gewähren und auch die Chance geben, sich in der Schule mit anderen Werthaltungen auseinanderzusetzen.

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