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Deutschlandmeise

3. Teil: ...durch ein...

Was man, zum erstenmal auf Baltrum, jedenfalls nicht wollen sollte, ist ein herzliches Willkommen. Die Fähre setzt einen ab, und dann muß man zusehen. Einen Taxistand gibt es naturgemäß nicht (Autoverbot), einen Wegweiser auch nicht, nur ein paar Dutzend Handwagen auf Vollgummireifen, die, mit dem Namen ihrer Mutterpension gekennzeichnet, am Hafen herumstehen und den Gepäcktransport erleichtern sollen, die man aber, wenn man sie hinter sich herzieht, dauernd in den Hacken hat. Das ist aber nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist, daß man keine Ahnung hat, wo es langgeht.

Straßenbezeichnungen gibt es bei Dornröschen nicht, es gibt bloß Hausnummern, die aber nicht auf topo-, sondern auf chronologische Gegebenheiten verweisen: Das Haus Nummer eins liegt also nicht näher an Haus Nummer vier als an Haus Nummer hundert, es ist bloß älter; eine Information, deren Nutzwert überschaubar ist. So klein ist die Insel nämlich nicht, daß man die Nummern einfach abklappern könnte, schon gar nicht, wenn man sechs Stunden im Zug und auf der Fähre gesessen hat, es dämmert und regnet, man Hunger hat und mal muß.

Ich bin in Fragen der Gesellschaftskritik nicht unbewandert, ich weiß, zumindest im groben, welche Einwände gegen das westliche Gesellschaftsmodell von kritischen Geistern formuliert werden; die Idee, Wohnquartiere durch eine Kombination von Straßenbezeichnung und fortlaufender Häusernumerierung auffindbar zu machen, gehört jedenfalls nicht dazu, sondern wird, da bin ich sicher, einhellig als zivilisatorischer Fortschritt empfunden. Nicht so vom Baltrumer, der schließlich weiß, wo er wohnt, und der überhaupt Stammgäste bevorzugt. Der Insulaner mag Fremde nämlich gar nicht so gern, ihm sind bekannte Gesichter lieber. Aus denen fallen auch nicht immer diese dummen Fragen:

"Wo kriegt man hier denn heute abend, bitte sehr, noch was zu essen?"

Nordseeinsel
DPA

Nordseeinsel

Der Insulaner versteht das überhaupt nicht, daß man um halb neun noch auswärts essen wollen kann, wie er auch nicht versteht, warum man zwei Stunden gebraucht hat, das Haus Nummer 171 zu finden. Es steht ordnungsgemäß zwischen Haus 324 und Haus 18, und schließlich hätte man auch anrufen können. Wie, man hat? Mehrfach? Im strömenden Regen? Na, da wird der Fernseher wohl 'n büschen zu laut gewesen sein! Hahaha! (Inselhumor.)

Im Strandcafé darf man dann noch essen, es ist nach 20 Uhr der einzige Ort, der dieses Freizeitvergnügen anbietet. Hier trifft sich die Jugend, das ist auf Baltrum alles, was auch nach 20 Uhr noch vegetative Regungen verspürt. Der Rest sitzt zu Hause bei einer Kanne Ostfriesentee und denkt sich Vorschriften aus.

Es ist nämlich das Vorschriftenwesen, das der Insel Baltrum ihren Platz auf unserer Landkarte des mental Devianten (oder, was u.U. das gleiche ist, Landestypischen) einträgt und das in perfidem Gegensatz zur Anarchie bei der Hausnummernvergabe steht; oder, je nach Perspektive, das haargenau selbe Willkürregiment abbildet. Das, wie es für Erziehungsdiktaturen kennzeichnend ist, die zahlreichen Verbote noch in gutgemeinte Ratschläge umflunkert: "Gehen Sie doch einmal wieder zu Fuß! Genießen Sie die Entschleunigung. Entdecken Sie die winzigen Kleinigkeiten am Wegesrand. Finden Sie Ihren eigenen Rhythmus. Laufen Sie bewußt! Alle Wege sind auf Baltrum kurz, ein Fahrrad braucht man hier deshalb nicht. Lassen Sie Ihr Fahrrad am besten gleich zu Hause."

Das empfiehlt sich, denn Fahrradfahren dürfen auf Baltrum nur die Einheimischen, wodurch man sie problemlos von den Gästen unterscheiden kann. Denn so kurz sind die Wege auf Baltrum dann wieder nicht, daß die Baltrumer auf den Komfort und die Zeitersparnis, die so ein Fahrrad mit sich bringt, verzichten würden. Die Kleinigkeiten am Wegesrand, seien sie auch noch so winzig, sind den Baltrumern ganz egal. Sollen doch die Touristentrottel sich die Hälse verrenken und bewußt herumlatschen und sich wie Minderjährige bei der Drogenberatung vorkommen ("Alkohol brauchst du doch gar nicht! Leb' doch lieber bewußt!"), sie sind ja freiwillig hier und selber schuld. Die Kurverwaltung will schließlich für alle nur das Beste.

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