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Deutschlandmeise

SPAM-Autor Stefan Gärtner hat einen etwas zu lang geratenen SPAM-Text stark gekürzt und als Buch herausgebracht: "Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land" Lesen Sie hier einen exklusiven Auszug:

Erste Station: Baltrum, Ostfriesland

Ordnungszwang: Es wird versucht, in der Umgebung immerzu Symmetrie, Ordnung oder ein Gleichgewicht herzustellen, indem Dinge wie Bücher oder Nahrungsmittel nach strengen Regeln perfekt geordnet sind.

Die schönste Ehefrau von allen war urlaubsreif. "Ich muß mal raus aus dem Wahnsinn", beschied sie mich.

"Du wirst lachen", sagte ich. "Ich muß rein in den Wahnsinn."

"Ein andermal, ja?" sagte die schönste Ehefrau von allen und lächelte bloß. "Wahnsinn ist Wahnsinn, und Urlaub ist Urlaub. Außer vielleicht am Ballermann. Laß uns doch sehen, wo man ohne viel Aufwand für ein paar Tage hinkommt. Meer wäre doch schön."

Wir wohnten in Bielefeld, und meistens punktet Provinz ja mit ihrer schönen Umgebung. Ich will die Reize des Teutoburger Waldes nicht in Zweifel ziehen, es gibt sie bestimmt, und wem es im Sommer zu heiß ist und Regen eh lieber als Sonnenschein, der war bei uns gut aufgehoben. Aber im Urlaub will ich, wie alle anderen auch, mal raus aus dem Trott, und das heißt: Meer oder Berge.

Cuxhavener Umgebung
DPA

Cuxhavener Umgebung

Vor Jahren, als ich noch nicht verheiratet war, entwickelte die deutsche Nordsee plötzlich einen frivolen Reiz, so wie es ein alter Opel Kadett tut, wenn er nur alt genug ist, daß der Großvater damit gefahren sein könnte. Nordsee war plötzlich retro, und aus purem Jux fuhr ich mit einem Freund Mitte Dezember nach Juist, wo wir praktisch die einzigen waren und uns eine knappe Woche lang den Hintern abfroren. Unser Pensionszimmer war seit Oktober nicht geheizt worden, und die Bemühungen, den Rückstand aufzuholen, waren bis zum Ende unseres Aufenthaltes noch längst nicht abgeschlossen; es war so kalt, daß ich mich morgens nicht traute aufzustehen. Auf der ganzen Insel hatten nur zwei Lokale geöffnet, und in dem etwas weniger zugigen durfte man sogar kiffen, weil es auf der Insel keinen Polizisten gab, schon gar nicht nachts. Nach vier Tagen, die uns soviel Geld gekostet hatten wie zwei Wochen Tunesien, setzten wir uns dann wieder ins Flugzeug - die Fähre war schon auf dem Hinweg wegen wasserstandsbedingter Komplikationen nicht gefahren, da waren gleich 150 Euro fürs Flugticket futsch - und hatten eine Geschichte fürs Leben. Ich friere noch, wenn ich bloß dran denke.

Das nächste Mal Nordsee war dann schon mit meiner Frau, eine Woche Cuxhaven. Das war nun gar nicht retro noch überhaupt so gedacht, sondern schlicht der Strand, der von Bielefeld aus am schnellsten zu erreichen ist. Außerdem war ich da mal mit meiner Großmutter gewesen, und ich bin nun in dem Alter, wo man anfängt, sich für die Orte der Kindheit zu interessieren; traurig, ist aber so. Cuxhaven war prima, auch wenn es, gezeitenbedingt, bessere Orte gibt, um einen Badeurlaub zu verbringen, und man lernen muß, daß der ortsübliche "Cappuccino" für 3,20 Euro ziemlich genau dem löslichen Trashgetränk entspricht, das in der Pfunddose keine zwei Euro kostet. Und auch genau so schmeckt.

Abgesehen davon war es schön in Cuxhaven, außer an dem Abend, als wir nach einem langen Tag im Strandkorb völlig ausgehungert durch den ziemlich peripheren Ortsteil Sahlenburg wankten, weil um 20 Uhr (im Sommer!) alle Eßlokale bereits geschlossen hatten. Ich weiß nicht mehr, was wir dann gegessen haben, wahrscheinlich das bißchen Prinzenrolle, das noch da war; ich werde aber nie die Blicke des Sahlenburger Gastro-Personals vergessen, als wir, um kurz vor acht, scheu nach Abendbrot fragten - so wird man in Kabul angeschaut, wenn man Schweinskotelett bestellt. Es empfiehlt sich also, rechtzeitig ans Nachtmahl zu denken, wenn man in einem Nordseebad urlaubt; und zwar, wie wir gleich sehen werden, unabhängig davon, welches man bevorzugt.

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