Digitaler Journalismus
Weltgeschehen muss sich am Leser orientieren
Die Katastrophen, Intrigen und Sensationen der Welt sollen in Zukunft weniger stören - dank Smartphones und Smarthomes.
Neulich erst passiert: Gerade will man seine smarten Geräte ausschalten, da kommen in einer konzertierten Aktion Generäle und Redakteure auf die Idee, es stehe einem ausgerechnet jetzt der Sinn nach einem Militärputsch. Dabei wollte man schlafen und nicht die ganze Nacht zitternd die Liveticker verfolgen. Total nervig. Das von Google gesponserte Projekt xMinutes der renommierten Hamburger Datenfreunde macht endlich Schluss mit solchem Unsinn. Mithilfe von Smartphones und Smarthomes erforscht xMinutes, was die Leser gerade machen, um ihnen dazu passende Texte anzubieten. Guckt eine Leserin gerade aus dem Fenster, könnte sie bereit für neue Zukunftsvisionen sein, öffnet eine andere gerade den Mülleimer könnten Katastrophenmeldungen passen, schaut ein Smarthome-Besitzer in den Spiegel, könnte er sich über Beautytipps freuen. Verhaltensforscher gehen davon aus, dass die Leute schnell rauskriegen, durch welche Aktionen in ihrem smarten Home sie welche Nachrichtenrubriken aufrufen können. Der Vorteil gegenüber der derzeitigen Auswahl über den Touchscreen ist vor allem die zusätzliche Bewegung. Gerüchten zufolge sei auch eine Kooperation mit Pokémon Go geplant, journalistische Inhalte müssten dann aktiv draußen gesucht werden.
Damit die smarten Nachrichten, die sich perfekt in den Alltag ihrer Leser integrieren, zudem auch noch aktuell sind, muss das Weltgeschehen entsprechend koordiniert werden. Dazu gibt es eine zweite, bislang noch geheime Projektstufe. Diese sieht unter anderem vor, endlich eine einheitliche Weltzeit einzuführen. Strittig ist noch, welche Regionen dann die Nacht zum Tag machen werden. Ebenfalls debattiert wird, ob Leser in Zukunft etwa anlaufende Militärputsche oder andere Katastrophen durch gezielte Schlafaktionen dann einfach stoppen können. Bislang ist das natürlich noch Zukunftsmusik. Erst in circa zwei Jahren will xMinutes ein funktionierendes Geschäftsmodell entwickelt haben.
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