TV-Initiative Endlich Alltag!

Das deutsche Fernsehen sollte mehr Filme und Serien entwickeln, die in der Arbeitswelt spielen.


Nicht immer nur Architekten und Event-Designer: Damit auch Industriearbeiter ihre Lebenswirklichkeit wiederfinden, ist in einem ZDF-Film demnächst ein Serienkiller mit einem Schweißbrenner unterwegs.
DPA

Nicht immer nur Architekten und Event-Designer: Damit auch Industriearbeiter ihre Lebenswirklichkeit wiederfinden, ist in einem ZDF-Film demnächst ein Serienkiller mit einem Schweißbrenner unterwegs.

Statt immer neuer Krimis mit Mord und Totschlag wünscht sich der Deutsche Gewerkschaftsbund häufiger Geschichten aus dem Alltag der werktätigen Menschen, "von Teamgeist, über Unternehmerwillkür, von Lohnkämpfen bis zum Flirt". Die Sender haben auf diese Bitte bereits reagiert. Hier ihre ersten Ideen:

- In einem "Event-Mehrteiler" plant ein berüchtigter Kahlschlagsanierer aus heiterem Himmel Massenentlassungen bei einem oberfränkischen Traditionshersteller von Spulentonbandgeräten. Doch Betriebsrat Klaus-Dieter Schulze (Til Schweiger) lässt seine Kollegen nicht im Stich. Er setzt einen Sozialplan durch, indem er eine "Heuschrecke" nach der anderen "abwickelt". Mit der Panzerfaust! Zum Schluss sprengt er die ganze Firma. Happy end: Niemandem wird hier gekündigt.

- Ein "Fernsehfilm der Woche" zeigt sensibel und präzise die Beziehungen zwischen einem Gewerkschaftsfunktionär (Hulk Hogan) und den Sexarbeiterinnen Nadeshda, Gloria, Tiffany, Victoria, Cindy, Ophelia und Roxanne. Der Mann informiert die Frauen über die Beschlüsse des 20. Ordentlichen DGB-Bundeskongresses, verheddert sich dabei aber unglücklich mit seiner Krawatte an einer Türklinke. Den Ermittlern Thiel und Boerne bietet sich ein grausiges Bild.

- Ein einfühlsames Sozialdrama erzählt von menschlicher Wärme und Solidarität im vermeintlich so eisigen Auftragskillermilieu. Ein älterer Freiberufler (Götz George) ist an grauem Star erkrankt, trifft deshalb bei seinen Jobs oft nur noch in Beine oder Schultern und findet bald keine Arbeit mehr. Als die Berufsgenossenschaft ihn fallen lässt, finanzieren ihm seine Kollegen die nötige Augenoperation. Danach trifft er wieder. Und wieder. Und noch einmal. Eineinhalb Stunden lang. Anrührend.

- Die ARD verfolgt in einer Dokusoap minutiös die Einhaltung der Pausenzeiten in der Wüppersbach Bürstenwaren GmbH Braunschweig. Eine faszinierende Langzeitbeobachtung mit Brause und Bratwurst. Kleine Konzession an die Sehgewohnheiten des Publikums: Statt des Originaltons ertönen aus dem Off Schüsse und Schreie.



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