Kommentar Ja, Angst!

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Fußballsport hat ein Gewaltproblem.


Es kommentiert unser Kommentator Jens-Karl Bochtler
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Es kommentiert unser Kommentator Jens-Karl Bochtler

Tausende Unschuldiger werden jährlich in den Stadien, diesen Tollhäusern der Gewaltbereitschaft, verletzt: Rutschen aus und stauchen ihre Knöchel. Zerren sich den Arm beim sportiven Handschlag. Halten ihre Schals hoch in die kalte Luft und ziehen sich schwerste Erkältungen zu. Wann wird der DFB diesem Treiben endlich Einhalt gebieten? Man muss es aussprechen dürfen: Die Gewaltexzesse des Publikums folgen dabei nur dem Treiben auf dem Rasen: Torhüter springen, Kopf voran, gegen Aluminiumgestänge. Verteidiger knicken bei der Landung um, dass man das Abreißen der Bänder noch im Oberring hört. Zur Einschüchterung der Öffentlichkeit wird mit dem Ball auf Fotografen geschossen. Und an den Ständen schenken sie Leichtbier aus, das die Menschen unzufrieden und aggressiv macht. Wer sich hier nicht ausagieren wollte...!

Und wofür das alles? Erst schießen die einen ein Tor, dann schießen die anderen ein Tor. Ich habe es neulich mit eigenen Augen gesehen, Berlin spielte gegen Köln mit unentschiedenem Ausgang, und selbst ich spürte eine immense Wut, überhaupt hergekommen zu sein. Ja, hätte denn nicht das preußische Team die welschen Rheinländer vernichtend schlagen müssen?! Ich sah das Meer der Fanatiker: Synchron sprangen sie, als ob sie das altehrwürdige Stadion zum Einsturz bringen wollten, ihren lauten Gesängen merkte man die latente Aggressionsbereitschaft unschwer an, das Fahnenschwenken ließ an mittelalterliche Landsknechtszüge denken. In der Halbzeitpause wurde, soweit ich das mit beschlagener Brille erkennen konnte, zur weiteren Aufpeitschung des Mobs ein blau-weiß gekleideter Bär ins Stadion gelassen!

Fußball, das bedeutet Gewalt. Fußball, das ist Anschreierei durch Kameraden, das sind muskelbepackte Gegner, die auf einen zugestampft kommen; manchmal gar prall aufgepumpte Bälle, die beunruhigend nah vorbeizischen. Das ist kein Spaß! Das macht Angst. Angst macht gewaltbereit. Und ich weiß, liebe Leser, wovon ich spreche: Vom Kindergarten bis zum Abitur (1,7) habe ich durchgängig die rechte Verteidigerposition bekleidet.



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