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Wahnwitziges Buchprojekt

"Ist bestimmt was Psychologisches"

Für ihr neues Buch hat SPAM-Redakteurin Susanne Berkenheger einen waghalsigen Selbstversuch unternommen: Ein Leben ohne Psychologie! Oder jedenfalls fast ohne. Wenn das mal gut ging! Hier ein Auszug.

Vor der Tür stand der Hausmeister, ein Buch in der Hand. Darauf war geschrieben: "Alle Kinder können Regeln lernen".

Abgebildet war ein Kind, das lachte, wahrscheinlich über den Buchtitel.

"Dit ha' ick ausm Altpapier. Wat die Leute allet weschwerfen! Is do' no' jut. Vleisch könnse dit ja jebrauchn."

Mein Mann und ich hatten viel Spaß mit dem Buch. Wir malten uns aus, wie bei Anwendung der dort empfohlenen Regeln das Kind alsbald lustige Ich-Botschaften versenden würde, zum Beispiel: "Ich will, dass ihr beide jetzt sofort mein Zimmer aufräumt." Haha!

Schlimm nur, dass es so Situationen gab, so gewisse laute und dramatische Höhepunkte des Lebens. Situationen, in welchen noch meinen Großeltern die Hand ausgerutscht wäre, meinen Eltern nur noch die Stimme. In diesen Situationen rutschte mir jetzt die Psychologie raus.

Mit von Psychologen predesignten Redewendungen beschieße ich dann das eigene Kind, welches daraufhin wehrlos zu Boden sinkt:

"Ich bin so wahnsinnig traurig darüber, dass du immer noch nicht aufgeräumt hast! Es ist für mich überlebenswichtig, dass ich mich auf dich verlassen kann."

Das hält aber nie lange vor. Schnell steht das Kind wieder auf und spielt mit neuer Immunität im Kinderzimmerchaos weiter. Schon bald helfen nicht mal mehr verstärkte Drohungen:

"Ich mache mir solche wahnsinnigen Sorgen um dich und habe richtig Angst, dass du vielleicht niemals lernst aufzuräumen und später in einer total vermüllten Wohnung lebst und dich die Ratten annagen. Ich weiß gar nicht, wie ich mit dieser Aussicht jetzt noch weiterleben soll!"

In dieser vertrackten Situation müssen neue Psychowaffen her, aus anderen Büchern, die gegenteilige Methoden vertreten: Kurze knackige Sätze benutzen! Ruhig auch mal rumbrüllen! (Also alles Methoden, die eher in Richtung uralte Menschheitstechniken gehen.) Denn wenn es sich nicht bald besserte mit den ständigen Wutausbrüchen, dann - so gab das Internet zu bedenken - könnte sich das Ganze möglicherweise auch zu einer psychischen Störung auswachsen: ADHS! DMDD! usw.! An wirklich übel klingenden Buchstabenkombinationen herrschte kein Mangel.

Und was die Sache noch schlimmer machte: Psychologischen Erkenntnissen zufolge war das Kind natürlich nur ein Symptomträger, und die eigentliche Störung lag bei einem der beiden Elternteile (meinem Mann!) oder einer womöglich komplett dysfunktionalen Familie...

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Susanne Berkenheger, Ist bestimmt was Psychologisches (Goldmann)

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