Von Julia Koch
Auf dem Heimweg muss Jos de Bruin noch kurz beim Kaninchenzüchter vorbei. In dem Großbetrieb fallen immer mal ein paar Kadaver ab. De Bruin packt sie in einen schwarzen Müllsack, dann geht es nach Hause. Seine Wölfe haben Hunger.
Im vorderen Freilauf vermelden die beiden Saarloos-Wolfhunde Ingo und Thira mit lautem Gebell, dass ein Fremdling naht; hinterm Haus verdämmert Lupi, der uralte Polarwolf, seinen Lebensabend. Nebenan hausen zwei Dingos.
Und dann sind da noch Thor, Tessy und die beiden Namenlosen: Vier Tiere in de Bruins Auffangstation sind Mischlinge - eigentümliche Halbwesen, weder Wolf noch Hund. Der Großvater der Geschwister Thor und Tessy war ein Wolf, sie sind Kreuzungen der ersten Nachkommengeneration, sogenannte F2-Hybriden. Die beiden Tiere ohne Namen sind direkte Wolfsnachkommen (F1), sie kommen aus einem niederländischen Tierheim.
Schöne, scheue Tiere sind das, die anders als die Hunde nicht den Kontakt zu Fremden suchen. "Sie sind ziemlich vorsichtig", erklärt de Bruin. Von ihrem Besitzer aber lassen sich Thor und Tessy den dichten Pelz zausen; sie lecken ihm die Hände, beschnüffeln sein Gesicht. "Thor nehme ich auch im Auto mit und gehe mit ihm spazieren", erzählt de Bruin.
Seit seiner Jugend ist der Niederländer allem verfallen, was nach Wolf aussieht; seinen ersten Mischling schaffte er Mitte der neunziger Jahre an. Seine damalige Frau war nicht begeistert vom Raubtier im Wohnzimmer und setzte das Duo vor die Tür. "Das Leben auf der Straße war nicht einfach", sagt de Bruin schlicht. Nach guter Wolfsmanier verputzte der Halbwolf ein paar Ziegen aus der Nachbarschaft; schließlich musste er eingeschläfert werden. Ein solches Schicksal will de Bruin anderen herrenlosen Halbwölfen ersparen: "Ich bin es meinem ersten Mischling schuldig, mich um diese Tiere zu kümmern", sagt er.
Ein Wolf ist ein mystisches Wesen
Über Jahrtausende mühte sich der Mensch, aus Canis lupus einen familientauglichen Gefährten zu machen, bestens angepasst an das Leben in Haus und Hof - einen Hund, der möglichst keine Schafe reißt und Herrchen als Rudelboss akzeptiert. Echte Wölfe kannten die Deutschen lange Zeit nur noch aus Tierparks und Märchenbüchern. Erst allmählich kehrt der Räuber zurück in die Wälder, in der Lausitz etwa. Rund 60 wilde Exemplare gibt es in Deutschland, nicht unbedingt zur Freude von Schäfern und Bauern. Und da sucht sich einer wie de Bruin ausgerechnet ein paar Halbwölfe als vierbeinige Freunde?
Wahre Wildnis-Fans finden das offenbar faszinierend. Regelmäßig bekommt de Bruin Anfragen von Leuten, die dringend einen Wolfsmix besitzen möchten. Und nicht nur er: Die Verhaltenswissenschaftlerin Dorit Feddersen-Petersen etwa leitete über Jahre ein Wolfsprojekt an der Kieler Uni: "Ständig riefen Halter an, die ihren Hund von einem Wolf decken lassen wollten", erinnert sie sich. Und Matthias Vogelsang, der als einer der wenigen Privatleute in Deutschland ein eigenes Wolfsrudel hält, bekommt 70 bis 80 Anfragen im Jahr.
"Möglichst viel Wolf im Hund finden einige Leute schick", berichtet auch der Hundetrainer Günther Bloch. "Ein Wolf ist ein mystisches Wesen. Mit einem Mischling wollen manche der Domestikation ein Schnippchen schlagen und ein ursprüngliches, einzigartiges Tier besitzen."
In den USA sind die Mischlinge Modetiere, mindestens 100.000 von ihnen leben bei privaten Haltern. Züchter werben mit dem hohen Anteil von Wolfsblut ihrer Tiere. Allerdings: "Oft wird da auch geschummelt", erzählt Monty Sloan vom Wolf Park in Battle Ground im US-Bundesstaat Indiana: Je mehr Wildtier im Welpen, desto mehr Geld können die Züchter verlangen.
Karriere als vierbeiniges Accessoire für Individualisten
Für Wölfe gilt das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. In Deutschland brauchen potentielle Wolfsherrchen eine Genehmigung und müssen zudem ein besonderes Interesse an der Haltung sowie eine artgerechte Unterbringung nachweisen. Das gilt auch für die Nachkommen. Erst wenn die Romanze mit Isegrim fünf Generationen zurückliegt, geht der F5-Mischling rein rechtlich als Hund durch.
Offiziell gibt es hierzulande keine Züchter für Wolfskreuzungen, nur ganz wenige Tiere sind bei den Behörden gemeldet. Doch in der regen Szene der Wolfsenthusiasten ist von etwa 50 bis 60 Exemplaren die Rede. Alle wissen: Wer eine hochprozentige Kreuzung will, holt sie sich aus Holland oder Belgien oder reist gleich in die USA. Die Tiere kommen dann formal als Hundemischlinge ins Land. Einen Test, der zweifelsfrei nachweisen könnte, wie viele Generationen die letzte Einkreuzung zurückliegt, gibt es nicht.
Auch ohne kriminelle Energie indes kann sich in Deutschland jeder einen Hund mit Einkreuzung aus der Wildnis anschaffen: Es genügt ein Ausflug zu einem der Züchter für Saarloos- oder Tschechoslowakische Wolfhunde (TWH). Beide sind anerkannte, wenn auch seltene Hunderassen.
Die eine schuf einst der Niederländer Leendert Saarloos. Er wollte den Deutschen Schäferhund aufpeppen, indem er ihn mit einer Wölfin paarte. Der "Tscheche" dagegen, ursprünglich eine Kreuzung aus Karpatenwolf und Deutschem Schäferhund, sollte den Gehorsam des Hundes mit den feinen Sinnen und der Ausdauer seines Urahnen vereinen und war als Grenzhund vorgesehen.
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