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Ausgabe 47/2000
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Stachel im Fleisch

Palästinensische Intifada-Kämpfer nehmen verstärkt jüdische Siedlungen ins Fadenkreuz. Doch die Siedler wollen ausharren ­ selbst um einen hohen Preis.

Der Bildschirm zeigt eine belebte Straße: Schulkinder albern auf dem Weg nach Hause, Frauen mit Einkaufstaschen gehen vorbei. Ein Mann steigt in ein Taxi. Der israelische Soldat, der das digitale Fernrohr bedient, kann jedes Detail deutlich erkennen ­ das Gesicht des Mannes, die Farbe seines Hemdes, das Kennzeichen des Autos, in dem er wegfährt.

Die ausgespähten Passanten sind Bürger des palästinensischen Ramallah. Und der Soldat bewacht die jüdische Siedlung Psagot, die von einem benachbarten Hügel direkt auf Ramallah herabschaut. Zwischen beiden Orten liegen nur einige hundert Meter, doch für jede Seite ist die andere Feindesland.

Psagot, von 250 religiösen Familien bewohnt, gehört zu den besonders exponierten Siedlungen im besetzten Westjordanland und im Gazastreifen, die nach Meinung des israelischen Friedenslagers sofort aufgelöst werden müssten. "Diese Siedlungen inmitten von dicht bevölkertem palästinensischem Gebiet sind eine Provokation", so Irena Steinfeld von "Peace now". Auch Soldatenmütter machen nun mobil. Sie wollen nicht, sagt Yona Rachlin, "dass unsere Söhne für die Ideen von Extremisten sterben".

Seit die palästinensischen Intifada-Kämpfer dazu übergegangen sind, Siedlungen zu attackieren, wächst der Leidensdruck auf israelischer Seite. Denn längst geht es bei der Intifada, die Ende September im Kampf um die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg begann, nicht mehr um Jerusalem allein.

Der Aufstand hat vor allem ein Ziel: endlich die mehr als 30-jährige Besatzung abzuschütteln. "Solange die Siedlungen bestehen, gibt es keinen Frieden", sagt der palästinensische Minister Salah Tamari. Vergangene Woche rief Arafats Fatah erstmals in einem Flugblatt dazu auf, durch "fortgesetzte Zusammenstöße" palästinensisches Land "zu befreien".

Mehrere Siedler starben bereits durch Schüsse, die palästinensische Extremisten auf vorbeifahrende Autos feuerten. Einige Siedler reagierten ihrerseits massiv, griffen zu Steinen und Gewehren ­ dabei wurden Palästinenser getötet. Die ständigen Angriffe heizen den Radikalismus unter den Siedlern an. Die verlangen auf Demonstrationen bereits, die Armee solle mit ganzer Kraft eingreifen. In Beit Jala forderte ein israelischer Vergeltungsangriff in der Nacht zum Donnerstag sogar ein deutsches Opfer. Eine Granate traf den 68-jährigen Harald Fischer, der mit seiner palästinensischen Frau und seinen Kindern seit zwei Jahrzehnten in dem Dorf bei Bethlehem lebte.

Die offiziell 145 jüdischen Siedlungen sind der Stachel im Fleisch der Palästinenser. Im Gazastreifen halten sich hartnäckig 6000 Siedler unter mehr als einer Million Arabern ­ dank eines riesigen Armeeaufgebots.

Der Friedensprozess von Oslo brachte den Palästinensern zwar die Autonomie über etwa 40 Prozent des 1967 von Israel besetzten Westjordanlands sowie den Großteil des Gazastreifens. Doch der Siedlungsbau ging weiter. Fast die Hälfte der heute 200 000 Siedler kam erst nach der Oslo-Vereinbarung, von der Regierung durch niedrige Wohnpreise gelockt.

Barak, klagen dessen israelische Kritiker, habe sogar "schneller und mehr Siedlungen" gebaut als sein Vorgänger Netanjahu. Im nächsten Haushalt sind 666 Millionen Mark für Siedlungen eingeplant. So umstritten die Baupolitik auch ist: Die Mehrzahl der Israelis, so die Meinungsforscherin Tamar Hermann, möchte die großen Siedlungsblöcke nicht aufgeben.

In Ramallah wohnt der Palästinenser Nisar Al-Ghoul, 29, mit seiner Familie so nah an Psagot, dass Schüsse aus der Siedlung das Wohnzimmer trafen. "Meine Mutter sah gerade fern, als die Kugeln einschlugen", erzählt Nisar. Seine Familie hat das Haus in der Schusslinie inzwischen verlassen.

Die Siedler auf der anderen Seite der Front haben sich mit Sandsäcken so verbarrikadiert, als wollten sie noch lange kämpfen ­ trotz des nächtlichen Beschusses von drüben. Drohend haben zwei Panzer ihre Rohre auf Ramallah gerichtet.

"Hier zu leben ist unser angestammtes Recht", verteidigt sich der gebürtige Amerikaner Reuven Pinski, 26, "und wir haben auch vor, hier zu bleiben." Erst letzten Monat seien drei neue Familien angekommen. Ein schlechtes Gewissen, dass er seine drei Kinder der ständigen Gefahr aussetzt, hat der Verwalter einer Religionsschule nicht. "Wir glauben an das, was wir hier tun, und das vermitteln wir auch unseren Kindern."

Nach einem Besuch von Baraks Kulturminister Matan Vilnai vergangene Woche fühlen sich die Siedler von Psagot bestärkt auszuharren. Pinski: "Seine Botschaft war: Psagot wird nicht angetastet." ANNETTE GROßBONGARDT

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