Herr Heister, was bedeutet Klangökologie? Werden etwa auch Töne vergeudet?
Heister: Schlimmer noch. Sie müssen nur mal U-Bahn fahren: Türen krachen, Räder quietschen, und es zischt aus den Walkmen. Auch die neuen piepsenden Spielzeuge sind klare Umweltsünden.
SPIEGEL: Sie kämpfen also nicht bloß gegen musikalische Berieselung?
Heister: Nein. Am übelsten in der akustischen Umwelt lärmen sicher Verkehr und Maschinen. Aber Musikalisches wirkt doch noch besonders störend.
SPIEGEL: Weshalb?
Heister: Es spricht Gefühle an, transportiert Bedeutung. Beim Autolärm denkt sich niemand viel. Aber Kaufhausmusik ändert Ihre Empfindungen. Ein Techno-Beat aus dem Hintergrund kann sogar die Herzfrequenz heraufsetzen und greift fatal in den Biorhythmus ein. Da wird Ruhe zum Menschenrecht.
SPIEGEL: Was hat Sie zum Lärmbekämpfer gemacht?
Heister: Ich leide natürlich selbst unter dem vielen Krach. Aber ich arbeite auch gerade am Entwurf einer neuen Musik-Anthropologie, also an der Frage, was den Menschen überhaupt musikalisch werden läßt. Natur und Kultur treffen da zusammen. Wir sollten mit unseren Gaben doch pfleglich umgehen weshalb nicht auch mit der Fähigkeit, Geräusche zu machen?
SPIEGEL: Haben Sie Vorschläge parat?
Heister: Vor der Therapie kommt, wie in der Medizin, die Bestandsaufnahme: Woher kommt die Sucht nach Lärm? Und warum sind es eigentlich immer die anderen, die zu laut sind? All das müssen wir erst einmal wissen.
SPIEGEL: Aber dann? Wie wollen Sie den Schall-Müll eindämmen?
Heister: Es gibt viele Möglichkeiten: rechtliche Mittel, Beratung von Architekten, Stadtplanern oder Auto-Designern ...
SPIEGEL: Sie könnten auch eine Partei der Stille gründen.
Heister: Ich bin ja Wissenschaftler. Ein lauter Politiker
möchte ich auf keinen Fall
werden.
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© DER SPIEGEL 50/1998
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