riel Scharon ist nicht zu Hause. Die metallene Haustür öffnet sich zwar, doch der Wachmann am Ende des Treppenaufgangs winkt ab. Nur selten besucht der 72-jährige Likud-Chef, der auf einer Farm in der Negev-Wüste lebt, seine Wohnung im muslimischen Teil der Jerusalemer Altstadt.
"Ich habe ihn ewig nicht gesehen", brummelt die arabische Mieterin, die misstrauisch um die Ecke lugt. Beim letzten Mal, erzählt Umm Eid Kawasmi, habe Scharon sie gefragt, warum sie ihn nicht grüße, und ihr herausfordernd die Hand hingestreckt. Um Ärger zu vermeiden, schlug die Palästinenserin ein aber nur, so stellte sie klar, "weil der Islam Höflichkeit gebietet und du ein alter Mann bist".
Die schlagfertige Muslimin kann nicht aus dem jetzt jüdischen Haus vertrieben werden, weil sie dort schon seit 50 Jahren lebt. Auch eine Familie arabischer Christen darf wohnen bleiben. Doch drei jüdische Familien kamen mit dem General a. D. neu ins Haus. Von multikultureller Hausgemeinschaft kann allerdings keine Rede sein. Die jüdischen Bewohner geben den Ton an; weil sie Anschläge fürchten, werden sie rund um die Uhr bewacht.
Die Wachen sitzen im Innenhof, direkt gegenüber der meist offenen Tür von Umm Eid. Angesichts der jungen Juden mit ihren umgehängten Waffen fühlt sich die alte Muslimin unwohl und hat als Sichtschutz eine Plastikplane an die Wäscheleine vor ihrer Tür gehängt.
Scharon kaufte sich 1987 in dieses Haus ein, in dem schon vor 1900 Juden lebten, um "die jüdische Präsenz in ganz Jerusalem zu stärken". Damit keinem das Anliegen entgeht, prangt an der Hauswand eine israelische Flagge. Auf dem Dach steht ein riesiger siebenarmiger Leuchter, das Symbol des Staates Israel.
Hardliner Scharon, der nach dem 6. Februar Israels nächster Premierminister werden könnte, wäre nie bereit, Jerusalem mit den Palästinensern zu teilen. Noch-Premier Ehud Barak könnte sich dagegen damit abfinden, einen Teil des seit Jahrtausenden umkämpften Stadtkerns den Palästinensern zu überlassen. Einem solchen Teilungsvorschlag des scheidenden US-Präsidenten stimmte er im Prinzip zu und empörte damit viele Israelis. Mehr als 200 000 demonstrierten vergangene Woche mit einer Menschenkette um die Altstadt für ein rein israelisches Jerusalem.
Die historische Altstadt ist das Herz des Nahostkonflikts. Von Jerusalem sprechen Israelis wie Palästinenser mit einer Leidenschaft, als sei die Stadt ihre Geliebte. Beide Seiten haben die übereinander getürmten Häuser, die verwinkelten Gassen, Synagogen und Moscheen hinter der hohen Mauer zu ihrem nationalen Mythos erhoben. Zwei Weltreligionen, das Juden- und das Christentum, haben hier ihren Ursprung. Für den Islam ist sie das drittheiligste Zentrum nach Mekka und Medina.
Alle Herrscher über die fast 3000 Jahre alte Stadt haben blutige Spuren hinterlassen: Juden, Perser, Griechen, Römer, das christliche Byzanz und die Kreuzfahrer, muslimische Mamluken, die Ägypter, Türken, Engländer. Der Schriftsteller Amos Elon nennt Jerusalem deshalb auch eine "grausame und gefährliche Stadt".
Seit 1967 regiert Israel die Altstadt, die nicht mal einen einzigen Quadratkilometer umfasst. Dort leben dicht gedrängt etwa 33 000 Menschen. 73 Prozent sind Muslime, 15 Prozent arabische und armenische Christen, der Rest Juden.
Trotz der klaren Aufteilung in vier Viertel (muslimisch, jüdisch, christlich, armenisch) wuchern die Kulturen in der Altstadt wild durcheinander. Erweitert ein muslimischer Händler im Basar seinen Laden, stürzt schon mal im christlichen Hospiz darüber der Garten ein. In Läden des jüdischen Viertels kann man Kreuzfahrer-Gewölbe entdecken, Reste römischer Zisternen, arabische Bögen.
Diese bunte Mixtur nahöstlicher Geschichte auf engstem Raum zieht jährlich zwei Millionen Touristen an. Doch der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern entzündet sich immer wieder genau an dieser religiös aufgeladenen Geschichte. Im Land kann man streitende Parteien mit Zäunen voneinander trennen, in der engen Jerusalemer Altstadt ist das nicht möglich. "Politisch brauchen wir die Trennung voneinander dringender denn je", sagt der israelische Rechtsanwalt Daniel Seideman vom Friedenslager, "doch die Altstadt mitten durchzuschneiden ist unmöglich."
19 Jahre lang hatte Israel keinen Zugang zu der bis 1967 jordanisch verwalteten Altstadt. Zu denen, die nach dem Sieg im Sechstagekrieg in das jüdische Viertel zurückkehrten, gehört auch Chaim Zelniker, 72. Der Fremdenführer war 1948 einer jener Kämpfer, die das jüdische Viertel gegen die Araber verteidigten. Dabei wurde der 19-Jährige schwer verwundet. Noch heute steckt sein Körper voller Kugeln.
Obwohl er selbst nicht religiös ist, empfindet der Urenkel eines Frankfurter Rabbiners den Tempelberg als "Teil des jüdischen Körpers". Jüdische Nationalisten erheben diesen Anspruch auf ganz Jerusalem.
Bereits 900 jüdische Siedler zogen deshalb selbst ins muslimische Viertel, das mit 24 000 Bewohnern am dichtesten besiedelte und ärmste der Altstadt. Geführt von radikalen Organisationen wie "Ateret Kohanim" (Priesterkrone) kaufen sich die Siedler ein. Mitunter lebten dort früher schon Juden. Umgekehrt dürfen palästinensische Flüchtlinge aber nicht in ihre Häuser zurückkehren.
Der Palästinenser Fathi Taha, der bei der Via Dolorosa ein für sein Kichererbsenmus berühmtes Restaurant betreibt, sieht sich von jüdischen Neusiedlern geradezu umzingelt. "Sie beten und tanzen auf der Straße, um uns zu provozieren." Anfangs hätten sie von oben sogar Steine und Abfall in sein Restaurant geworfen. Die Provokation ließ zwar nach, und bisweilen hört er jetzt sogar, dass die Siedler freundlich über ihn sprechen. Doch das besänftigt den muslimischen Wirt kaum: "Sie haben kein Recht, hier zu sein." Auch der israelische Anwalt Seideman hält die Siedler im muslimischen Viertel für eine "tickende Zeitbombe".
Ginge es nach Clintons Teilungsplan, bliebe einzig das jüdische Viertel voll in israelischer Hand. Auch die insgesamt 5000 Christen der Altstadt kämen unter palästinensische Hoheit. Sie bilden eine weit verzweigte, häufig heftig zerstrittene Kirchenfamilie: Griechisch-Orthodoxe und griechische Katholiken, Armenier, Syrisch-Orthodoxe, Kopten aus Ägypten, Äthiopier, katholische und evangelische Christen. Ihre Gemeinden bestehen überwiegend aus christlichen Palästinensern, die in der Altstadt leben.
Imad Mussa Abdallah, 37, kellnert an einem Platz, der den schönsten Blick über die Altstadt bietet auf Papa Andreas Dachterrasse. Wie die Mehrzahl der arabischen Christen gehört Imad den Griechisch-Orthodoxen an. Mussa, der mit seiner Frau und vier kleinen Söhnen eine winzige Einzimmerwohnung im Christenviertel bewohnt, ist für palästinensische Souveränität über Ost-Jerusalem. "Es ist gut, wenn wir endlich unseren eigenen Staat haben."
Die patriotische Haltung hat ihn jedoch nicht gehindert, aus dem palästinensischen Ramallah zu seiner Frau in die von Israel regierte Altstadt zu ziehen. Denn Georgette Mussa, 28, besitzt einen israelischen Ausweis, der ihr immerhin pro Kind etwa 620 Mark Geburtsgeld vom israelischen Staat beschert. Auch die Söhne sollen mit Hilfe israelischer Ausweise versichert werden und freie Schulbildung erhalten. Georgette sieht das ganz pragmatisch: "In Palästina bekommen wir gar nichts vom Staat."
Würde der amerikanische Teilungsplan verwirklicht, schnitte das christlich-armenische Viertel besonders schlecht ab. Eine Schneise durch den Stadtteil soll den Juden sicheren Zugang zur Klagemauer verschaffen.
Schon seit dem 5. Jahrhundert kamen fromme Armenier ins Heilige Land, um hier Klöster und Kirchen zu bauen. Heute leben in dem kleinsten der vier Altstadtviertel etwa 2000 zumeist arabisierte Armenier. Viele ihrer Vorväter flohen im Ersten Weltkrieg vor dem Völkermord der Türken an den Armeniern. Die Bewohner sind gegen eine Spaltung ihres Viertels, doch wehren können sie sich kaum. Die Christen sind im Heiligen Land zur einflusslosen Minderheit geschrumpft.
So könnte es etwa sein, dass die "Armenische Taverne" an der Hauptstraße des Viertels künftig in Palästina liegt, der Hauseingang jedoch in Israel. Tavernenwirt Hanud Aslanian würde lieber ganz in Israel bleiben, sein Stammgast Albert Aghasarian ist dagegen überzeugter Palästinenser: "Ich kann den Tag nicht mehr abwarten, an dem die verdammte Okkupation beendet ist", so der Historiker.
Als der Spross einer armenischen Familie 1950 in der Altstadt geboren wurde, gab es dort keine Juden. Die ersten Israelis, die Aghasarian kennen lernte, waren die Soldaten, die 1967 die Altstadt eroberten. Zunächst, so Aghasarian, habe er den Einzug der Besatzer sogar als Befreiung empfunden: "Zum ersten Mal öffneten sich die Altstadtmauern."
Doch die Euphorie verflog schnell, als der junge Palästinenser mit Freunden auf dem Nachhauseweg vom Kino in West-Jerusalem von einem Israeli attackiert wurde. Nicht den, sondern die arabischen Jugendlichen hielt die Polizei stundenlang fest. "Damals begriff ich, dass Jerusalem nicht mir gehört."
Im Auftrag von Premier Barak tüftelt eine israelische Expertenkommission derzeit Pläne aus, wie eine Teilung genau aussehen könnte. "Es wird zwei Stadtverwaltungen geben, eine israelische und eine palästinensische", sagt der Vorsitzende Mosche Amiraw, "aber in der Altstadt müssen sie besonders eng zusammenarbeiten." Als Beispiel nennt er eine mögliche gemeinsame Altstadt-Polizei nach dem Vorbild der Schweizer Garden im Vatikan.
Für den Tempelberg (arabisch: Haram al-scharif), den beide Seiten zum unverzichtbaren Nationalheiligtum erklärt haben, schlägt Amiraw eine gemeinsame Hoheit von elf Ländern vor neben Israel und Palästina weitere arabische Staaten und Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates.
"Wie auch immer die Lösung aussieht, wir müssen sie bald finden", warnt der Experte, "sonst brennt Jerusalem."
ANNETTE GROßBONGARDT
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