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Ausgabe 39/1997
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22.09.1997
 

Verbrechen

"Pokerpartie mit dem Teufel"

Rund 20 Jahre lang hat er geschwiegen, nun packt der Oetker-Entführer und Millionenerpresser Dieter Zlof in einem Buch aus: Er erzählt erstmals detailliert, wie er das perfekte Verbrechen begehen wollte - ein Lehrstück für Kriminalisten und Kriminelle.

Es war die "schlimmste Arbeit meines Lebens", sagt die Münchner Fernsehreporterin Nicole Amelung, und sie begann an einem Januarabend vergangenen Jahres: Der legendäre Millionenerpresser Dieter Zlof besuchte sie und ihren Mann, seinen Anwalt Martin Amelung.

Zlof ließ sich in einen Wohnzimmersessel plumpsen und sagte trocken: "Jetzt ist es auch schon Wurscht - ja, ich war's." Kurz zuvor hatten Fahnder einen Freund Zlofs verhaftet - mit registrierten Tausendmarkscheinen. Sie stammten aus dem damals noch größtenteils verschwundenen Lösegeld von 21 Millionen Mark, das der Oetker-Konzern 1976 für die Freilassung des entführten Erben Richard Oetker gezahlt hatte.

15 Jahre saß Zlof für die Entführung im Gefängnis - unschuldig, wie er stets beteuerte. Drei der besten Strafverteidiger Münchens schlugen sich immer wieder für ihn, unter ihnen Amelung. "Mein Gott, was haben wir gekämpft", sagt der Anwalt heute. "Er hat uns alle 20 Jahre lang an der Nase herumgeführt."

Doch Jurist Amelung fing sich an jenem Winterabend schnell, die beiden Männer brüteten eine Idee aus: Amelungs Frau Nicole, 40, solle die Geschichte dieser spektakulären Entführung aufschreiben, mit all den Hintergründen, die niemand außer Zlof selbst wissen konnte. Über Monate hinweg interviewte die ehemalige Gerichtsreporterin den Mandanten ihres Mannes. 127 Tonbandkassetten à 90 Minuten kamen zusammen.

Ergebnis ihrer Plackerei ist das über 800 Seiten starke Buch "Die Oetker-Entführung", es erscheint zur Frankfurter Buchmesse im Oktober.

Zlof selbst wird dort freilich kaum signieren können: Er sitzt derzeit wieder ein, diesmal in England. Scotland Yard packte im Mai zu, als er offenbar versuchte, in London Oetker-Millionen zu waschen.

Amelungs Buch, spannend wie ein Krimi, durchleuchtet nicht nur den fast perfekten Konstruktionsplan eines Verbrechens. Es zeigt auch, daß die Justiz zwar den richtigen Mann verurteilte - jedoch aufgrund einer falschen Beweislage. Nur Zlof wußte, daß sich die meisten Zeugen in einem der aufsehenerregendsten Prozesse der deutschen Justizgeschichte irrten, sich wichtig machten oder logen. Er hätte die meisten erledigen können. Aber eben nur mit der Wahrheit. Und die rückt er erst jetzt heraus.

Das Buch hat schon vor Erscheinen einigen Wirbel ausgelöst. Ende vergangenen Jahres rückte ein Fahndertrupp bei den Amelungs an, unangemeldet, um halb acht in der Früh. Die Ermittler beschlagnahmten Kassetten und Manuskript, durchflöhten das Werk nach Hinweisen auf mögliche Mittäter Zlofs, denen sie immer noch auf der Fährte waren - vergebens.

Nicht nur die Fahnder halten Zlofs spätes Geständnis für brisant. Drei Großverlage lehnten Amelungs Manuskript ab - auch aus Respekt vor der einflußreichen Familie Oetker. Daß die Zlof nicht leichten Herzens vergeben mag, ist allzu verständlich. Schließlich hat der Entführer sein Opfer mit einem Stromschlag schwer verletzt. Richard Oetker, damals 25, kann bis heute nicht wieder richtig gehen.

Der kleine Neusser Lesani-Verlag traute sich gleichwohl an den Text heran, freilich nicht ohne rechtfertigendes Vorwort - ziemlich "unüblich", so Verleger Rolf Hilchner. Lange habe er überlegt, "ob es zu verantworten sei, einem Straftäter ein Forum zu eröffnen". Der Text, so das Ergebnis seiner Gedanken, sei "ein Zeitdokument der Kriminalgeschichte". Hilchner ließ die Druckmaschinen anlaufen, mit Bauchschmerzen allerdings, schließlich wisse niemand, "ob alles, was Zlof erzählt, tatsächlich der Wahrheit entspricht".

Die ehemalige Gerichtsreporterin Amelung stützt sich zwar nicht nur auf den notorischen Lügner Zlof, 54, sie hat auch Prozeßakten ausgewertet und mit seinen Aussagen verglichen. Außerdem nutzte sie die Gerichtsaufzeichnungen ihres Mannes, des Zlof-Anwalts. Aber: Jene vielen "Begebenheiten, bei denen es keine Zeugen gab und geben konnte, sind nicht beweisbar", so Verleger Hilchner.

"Warum sollte er in den Details lügen, wenn er jetzt das Verbrechen gesteht?" kontert Autorin Amelung. Zudem sei seine Geschichte stimmig; die Schilderung löse schlüssig all die Rätsel, die bis heute ungelöst sind.

Zlofs Erzählung beginnt 1974, zwei Jahre vor dem Verbrechen: Es ist die Zeit der Entführungen, den Großkaufmann Theo Albrecht hat es ebenso erwischt wie später den Reiter Hendrik Snoek. Zlof geht es damals nicht schlecht, seine Autowerkstatt in München-Pasing läuft passabel, mit Frau Christel und zwei kleinen Söhnen lebt der bis dahin unbescholtene Tüftler und Ex-Tauchlehrer in einem Reihenhaus zur Miete, ein Bürger wie jeder andere - bis auf einen Unterschied.

Zlof studiert die Artikel über Entführungen und die Festnahmen der Täter nicht mit Empörung, sondern so, wie ein Schachspieler Eröffnungen eines Gegners analysiert, als Denksport. Sein Fazit: "Nur Dilettantismus", "Gier nach dem schnellen Geld" oder gar Gewalt - für Zlof ein Zeichen mäßiger Intelligenz. Schwachpunkt in den meisten Plänen, das sieht er schnell, ist die Geldübergabe. Da muß der Täter aus der Deckung, Fahnder können fotografieren, verfolgen oder gar zupacken.

Zlof aber kann zaubern, als "Mister Magico" war er in Münchner Varietés aufgetreten. Der Hobby-Illusionist weiß: Es kommt nur darauf an, das Publikum zu täuschen, auf eine falsche Fährte zu lenken.

Beim Schweißen und Schrauben in seiner Werkstatt denkt er über die "perfekte Geldübergabe" nach. So lotst er etwa gedanklich den Geldboten im Auto in einen Lastwagen - dann Klappe zu und ab durch die Mitte. Einen Peilsender der Polizei könnte der Metallaufbau des Lasters abschirmen.

Allein: Was tun mit dem Boten, im Auto, im Lastwagen? Das wäre ja "eine zusätzliche Entführung". Zu riskant für einen Täter. Und Zlof will keine Komplizen. Er glaubt, kaum jemand könne auf seinem Niveau mitspielen.

Außerdem traut er allenfalls seiner Frau Christel. Unter Fahndern wird sie bis heute als mögliche Helferin oder zumindest Mitwisserin gehandelt. Doch Zlof behauptet in Amelungs Buch, er habe seine Frau stets belogen, aus dem Verbrechen herausgehalten.

Monatelang streift Zlof durch München und inspiziert diverse Plätze, vom Olympischen Dorf bis zum Polizeipräsidium mit seinen verschachtelten Gängen. Er sucht eine Art überdimensionale Zauberkiste, gewissermaßen ein Gebäude mit doppeltem Boden. Der ideale Platz müsse zwei Bereiche haben: einen öffentlichen und einen versteckten. Die einzige Verbindung zwischen beiden dürfe zum Beispiel nur ein Förderband sein oder eine Tür, die sich nur in eine Richtung aufdrücken läßt. Eine Feuerschutztür, das ist es.

Ein solcher Ort ist der Münchner Stachus: eine verworrene unterirdische Welt aus Parkdecks, Gängen, Ladenpassagen, U-Bahn-Stationen, Liefereinfahrten - und Feuertüren. Wochenlang erkundet Zlof das Labyrinth, im Blaumann, mit Schraubenzieher und Flachzange in der Brusttasche, halt ein Handwerker. Einmal verrennt er sich, kann nicht mehr zurück. Er muß durch einen Notausstieg und wächst so plötzlich vor verdutzten Passanten im Münchner Zentrum aus dem Boden. "Bitte Vorsicht", mahnt er in amtlichem Ton, "fallen Sie nicht hinein - der Abstieg wird gleich gesichert."

Schließlich entdeckt er den doppelten Boden für das Zauberkunststück seines Lebens: eine graue Eisentür neben einer Rolltreppe. Sie läßt sich nur von hinten öffnen, nicht aber von der Ladenpassage aus. Über ihr hängt auf der öffentlichen Seite die Leuchtreklame einer Apotheke, das rote "A", dem Geldboten eindeutig zu beschreiben. Und von der anderen Seite der Tür aus schafft Zlof es durch Fluchtgänge und Treppen in gestoppten 35 Sekunden bis zu einem Ladehof. Dort könnte er sich dann in sein Auto setzen und wie ein gewöhnlicher Lieferant davonfahren.

Das Planspiel reift zum Plan: "So ein perfektes Modell schreit danach, sich auch in der Praxis zu bewähren", sagt Zlof laut Amelung. Nur: Wer soll das Geld bringen und warum? "Sollte ich drohen, die Trinkwasserversorgung der Stadt München zu vergiften? Den Landtag in die Luft zu sprengen? Durchaus machbar." Doch paßt Zlof dabei nicht, daß er tatsächlich Menschen gefährden müßte, da ihn sonst wohl niemand ernst nehmen würde. Also: "Ich mußte jemanden entführen."

Aber wen? Ein Kind darf es nicht sein, Zlof hat selbst Kinder. Frauen hält der Macho in Krisen für schwer berechenbar. Außerdem, sinniert Zlof, wisse er ja nicht, ob er einem Millionär mit der Entführung der Gattin nicht gar einen Gefallen tue. Nein, das Risiko ist zu groß. Zlof will sich "einen gesunden, nicht zu alten Mann" greifen, der die Tortur aushalten könnte.

Er legt sich vorab moralische Entschuldigungen für sein Verbrechen zurecht. Was mache beispielsweise ein Unternehmer, der seine Arbeiter vor die Wahl stelle: Lohnverzicht oder Entlassungen? Er erpresse. "Ich hatte deshalb kein Problem damit, Erpresser zu werden. Ein Erpresser, der andere Erpresser erpreßt."

Zlof plant jedes Detail: Als Mechaniker kennt er sich mit Autos aus, und ein Auto ist nicht nur unauffällig, sondern zudem mobil - richtig zurechtgeschweißt ein rollender Tresor, das ideale Geldversteck. In einer Zeitungsanzeige entdeckt er einen VW-Pritschenwagen.

Er weiß, der Kauf wird die erste Aktion, die Fahnder später einmal nachzeichnen könnten. Aber es ist Faschingszeit: Unauffällig legt Zlof sich ein Sortiment von nahezu echt aussehenden Bärten zu, eine dunkelblonde Perücke, eine karierte Schirmmütze, Brille mit Fensterglas, Trenchcoat. Dazu kauft er Schuhe der Größe 43 1/2, obwohl er 45 braucht.

Als Zlof sich in seiner Werkstatt mit den verschiedenen Bärten und Utensilien ausstaffiert, kommt ihm die Idee, bei der Entführung mehrere Verbrecher auftreten zu lassen - "Mister Magico" allein soll eine ganze Bande darstellen, mit "bad guys" und "good guys", Experten und einem Boß im Hintergrund. Die Illusion wird funktionieren: Noch Jahre später fahndet die Polizei nach Komplizen.

Erst mal kauft Zlof, mit Perücke, Schnäuzer und Brille maskiert, unter falschem Namen den Pritschenwagen. Einen Hohlraum in der Karosserie erweitert er mit dem Schweißbrenner so, daß ein Koffer hineinpaßt. Seinen Werkstattnachbarn, ein paar Kunstschmieden, erzählt Zlof, er baue einem Handwerker dieses Loch samt Deckel als Halterung für Schweißflaschen aus.

In einem Spezialgeschäft ersteht er einen passenden Aluminiumkoffer. Wieder in der Werkstatt mißt er Geldscheine aus. Jeder ist 0,11 Millimeter dick. In seinen Koffer gehen somit zwei Reihen mit je sieben Bündeln, das Stück zu 1,5 Millionen Mark - genau 21 Millionen Mark. Jahre später noch werden Polizisten darüber grübeln, wie die Summe zustande kam.

Als das Geldversteck fertig ist, tüftelt Zlof das Gefängnis für sein Opfer aus. Wieder soll es ein Fahrzeug werden; das kann er abwechselnd in der Werkstatt und daheim in der Garage verstecken. Das Tor der Privatgarage jedoch ist 1,85 Meter hoch. Und Zlof kennt nur einen Transporter, der drunter durch paßt, wenn man ein wenig Luft aus den Reifen läßt: einen VW-Kastenwagen, der früher als Postauto weit verbreitet war.

Von einer Kistenfabrik läßt er einen Holzverschlag bauen, der in den kurzen Kastenwagen paßt: 1,75 Meter lang, 80 Zentimeter hoch und 70 breit, mehr geht nicht. In der Fabrik erzählt der verkleidete Zlof, er brauche die Maßanfertigung für einen Motor, den er verschicken müsse.

Um sicherzugehen, schraubt Zlof in den rollenden Kerker neben einer Gegensprechanlage noch einen selbstgebastelten Akustomaten - ein Gerät, das Lautstärken mißt und ab einem bestimmten Geräuschpegel einen Stromkreis schließt. Dessen Stromstärke will Lötkolbenprofi Zlof, wie er sagt, durch einen Widerstand auf ein schmerzhaftes, aber ungefährliches Maß reduzieren, wie bei einem Weidezaun.

Der Akustomat soll das Opfer vom Schreien abhalten. Das Gerät, behauptet Zlof, probiert er an sich selbst aus - nur den fertigen Apparat nicht. Wenn das denn tatsächlich ein unbeabsichtigter Fehler war, wie Zlof jetzt erzählt, dann war es auf jeden Fall einer, der ihn zum brutalen Menschenschinder machen wird.

In einem Waffengeschäft kauft Zlof dann noch Handschellen (angeblich für Bühnenpolizisten der Kammerspiele) sowie eine echt aussehende Gaspistole.

Zlof will zwar nicht schießen, aber das Opfer soll auch nicht sofort sehen können, daß aus dem Ding keine Kugel kommen kann. Also bastelt er sich mit den Geräten der Kunstschmiede einen Schalldämpfer. Den Handwerkern erzählt er, das Röhrchen sei ein Auspuff für ein Modellauto seiner Söhne. Damit die Tarnung steht, baut Zlof seinen Kindern tatsächlich ein Modellauto - mit genau einem solchen Schalldämpfer als Auspuff.

Nun fehlt Zlof noch das Opfer: Er beginnt, Wirtschaftsmagazine zu lesen. In der Zeitschrift CAPITAL stößt er auf eine Geschichte über das Imperium des Dr. August Oetker. Dessen Sohn Richard, liest Zlof fasziniert, studiert Landwirtschaft an der Uni Weihenstephan - bei München.

Zlof beschattet Oetker junior über Wochen. Dafür hat er sich bei einem Gebrauchtwagenmarkt einen rotbraunen Opel Commodore zugelegt, nicht schön, aber schnell und zuverlässig. Beim Kauf ist er wieder verkleidet. Die Verkäufer werden ihn später nicht wiedererkennen.

Am 14. Dezember 1976 ist alles soweit. Oetker muß in eine Abend-Vorlesung, den Stundenplan kennt Zlof auswendig. Seiner Frau Christel sagt Zlof, er wolle einen Autoverkäufer aufsuchen: "Hier wartet ein besonderes Schnäppchen auf mich."

Der Entführer stellt seinen präparierten Kastenwagen in eine abgelegene Parkbucht zu Oetkers Auto, klebt sich einen Mongolenbart ins Gesicht. Als Oetker aus der Vorlesung kommt, stellt Zlof sich ihm in den Weg, zieht die Gaspistole und sagt: "Vorwärts, das Ding macht nur klack" - was die ungeladene Attrappe tatsächlich höchstens gemacht hätte. Doch Oetker bezieht die Drohung wie geplant auf den Schalldämpfer des vermeintlich professionellen Killers. Er erstarrt - und gehorcht. "Damit war entschieden, wer die Herrschaft hatte", so Zlof, "er war nicht dieser Typ von Mensch, der noch mit dem Teufel eine Pokerpartie wagt."

Zlof drückt den Deckel der Kiste über Oetker zu und raunzt mit grimmiger Stimme einem nicht vorhandenen Komplizen zu: "Paß auf, da kommen noch mehrere." Er fährt mit seinem Opfer davon. Über die verzerrende Gegensprechanlage meldet er sich bei seinem Opfer: "Guten Abend, Herr Oetker. Von nun an bin ich für Sie zuständig. Dem Entführer werden Sie nicht mehr begegnen."

Sachlich empfiehlt Zlof seinem Gefangenen, sich in der Kiste bereitgelegte Handschellen anzulegen: "Es ist nicht gut, wenn Sie meine Ratschläge nicht befolgen." In der Werkstatt angekommen, hängt sich Zlof eine Schweinchen-Dick-Maske vors Gesicht und und öffnet den Verschlag zur Kontrolle - nach vielem Herumgeschlurfe und Gemurmel in diversen Stimmlagen.

Oetker soll glauben, und er glaubt es, daß ihn mehrere Schwerverbrecher bewachen, nur einer davon halbwegs umgänglich. Entführer und Opfer plaudern ein wenig, Zlof erzählt Oetker unter seiner Maske, er sei ein drogensüchtiger Student, der leider in diese Sache hineingerutscht sei.

"Wollen wir uns nicht duzen, das wäre doch besser", schlägt Oetker vor. Zlof vermutet, daß sein Opfer den Tip, eine persönliche Beziehung zu Entführern aufzubauen, mal von Experten bekommen hat, für den Ernstfall. "Fein", murmelt Zlof, "dann willst du jetzt wahrscheinlich meinen Namen wissen, gell?" Nein, Oetker denkt sich selbst einen Namen für den vermeintlichen Studenten aus: "Ich werde dich Checker nennen." Checker sagt ihm, daß die Bande 21 Millionen Mark Lösegeld für ihn fordern werde.

Zlof warnt sein Opfer noch, nach eigenem Bekunden, daß er über die Handschellen und den Akustomaten ans Stromnetz angeschlossen sei und bloß stillbleiben solle. Dann macht er sich auf den Weg, die Geldübergabe zu organisieren. Anrufe bei Oetkers Frau Marion - solange die Telefon-Überwachung noch nicht steht - sowie vorformulierte Briefe sollen die Millionen zu ihm lotsen.

Während der Oetker-Konzern die Summe beschafft, fährt Zlof den Kastenwagen von der Werkstatt zur Garage, über weite Umwege. Kurz danach passiert es: Als Zlof das Garagentor daheim hochschiebt, streift ein Querträger über einen Gummi-Noppen auf dem Dach des Kastenwagens.

Das Blechdach des Autos dröhnt, der Akustomat im Laderaum schlägt an. Oetkers Körper windet sich in Krämpfen, bäumt sich auf; Zlof hört brutales Rumpeln aus der Kiste und reißt viel zu spät das Kabel aus der Steckdose. Oetker lebt, aber er hat entsetzliche Schmerzen. Als Zlof später die Anlage checkt, stellt er fest, so sagt er, daß er aus Versehen die rote Ringmarkierung auf einem winzigen Widerstand für eine orangefarbene gehalten hat. Oetker durchzuckte deshalb eine zehnmal höhere Stromstärke als geplant. Zlof bricht seinem Opfer auf diese Art unter anderem beide Oberschenkelhalsknochen und zwei Brustwirbel.

Mit dem schwerverletzten Studenten in der Kiste muß Zlof seinen Plan ändern, er muß die Freilassung vorverlegen, wieder anrufen, neue Anweisungen geben - obwohl er zu Recht vermutet, daß das Telefon von Marion Oetker jetzt abgehört wird, Polizisten seine Stimme mitschneiden. Er improvisiert, stopft sich Tampons in die Backen, um seine Stimme zu ändern - was ihm später wenig helfen wird.

Zwei Tage nach der Entführung soll die Geldübergabe stattfinden. Ausgerechnet da werden Zlofs Kinder krank, Darmgrippe. Während sein fein abgestimmtes Manöver abläuft, muß er sie nebenbei zum Arzt fahren, seine Frau bittet ihn auch noch, bei einer Apotheke Medikamente zu besorgen.

Derweil irrt der Geldbote, Richard Oetkers Bruder August, wie bei einer Schnitzeljagd durch die Stadt, über diverse Zettel wird er zu einem Schließfach gelotst, in dem Zlofs Alukoffer liegt. Anschließend soll er sich - wie angewiesen - vor die Stahltür neben der Apotheke im Stachus stellen. Als August Oetker dort wartet, öffnet sich plötzlich die Fluchttür hinter ihm, Zlofs Hand greift den Koffer, die nur von hinten zu öffnende Tür fällt ins Schloß, Zivilfahnder rennen vergebens gegen sie an.

Ursprünglich wollte Zlof sofort in die Schweiz reisen, um das Geld bei Banken zu waschen - noch vor der Freilassung Oetkers. Auch daraus wird nun nichts. Zlof will, sagt er, jetzt erst seinen schmerzgepeinigten Gefangenen loswerden. Er hat den Opel Commodore von Spuren gesäubert, parkt ihn im Wald, trägt Oetker in das Auto und gibt der Familie einen Tip. Wenig später holen Sanitäter den Schwerverletzten ab. Die Jagd kann beginnen.

Zlof legt eilends eine falsche Spur: Bei Wechselstuben in Österreich tauscht er registrierte Tausender um, 36 Stück insgesamt. Dann besorgt er sich von einer deutschen Bank die Liste der heißen Nummern. Eine Million Mark waren in der Eile nicht registriert worden, davon sucht er sich einen Teil heraus, den Rest versteckt er in seinem Pritschenwagen.

Den Kastenwagen läßt Zlof verschrotten, die Schreibmaschine für die Erpresserbriefe und den Akustomaten schmilzt er mit seinem Schneidbrenner zu Klump. Nun existiert außer dem Geld im Pritschenwagen kein Indiz mehr.

Derweil sammelt die Polizei Hinweise von möglichen Zeugen. Die Beamten spielen auch Zlofs schwer verzerrte Tonbandstimme über eine Sonder-Telefonnummer ab. Doch erst elf Monate später stoßen die Fahnder erstmals auf den Täter.

Unter Tausenden von falschen Tips hatten sie einen richtigen bekommen: Eine vor Jahren von ihm sitzengelassene Freundin identifiziert Zlofs Stimme. Die enttäuschte Frau beschreibt den Beamten auch gleich Zlofs Charakter, ziemlich genau: "Hochgradig intelligent ... perfekt, genial und technisch äußerst versiert. Alles, was er anpackt, gelingt ihm. Ihm geht es in erster Linie um die Befriedigung seines Geltungsdranges."

Aber es gibt zu der Zeit so viele Spuren, so viele Beschuldigte, und gegen Zlof liegt nichts weiter vor, die Beamten lassen ihn wieder in Ruhe. Ein Jahr später unterläuft Zlof ein schwerer Fehler. Ausgerechnet bei seiner Hausbank schiebt er der Kassiererin einen der registrierten Tausender über den Tresen. Dabei hatte er sich größte Mühe gegeben, heißes und sauberes Geld auseinanderzuhalten. Wie das passieren konnte, weiß Zlof bis heute nicht.

Die Fahnder beschatten ihn, immer wieder muß er zum Verhör. Die Beamten finden schließlich auch seinen Pritschenwagen - nur ohne das Geld oder ein anderes eindeutiges Indiz. Die Millionen hat Zlof da schon in einem Wäldchen vergraben - in einem von blauen Plastiksäcken umhüllten Lederkoffer. Als Anhaltspunkt merkt er sich einen jungen Baum. Dort wird der Koffer 17 Jahre lang liegen.

Die Ermittler nehmen Zlof am 30. Januar 1979 fest. Sein Foto erscheint in Zeitungen, ein Heer von windigen Zeugen meldet sich, denn die Oetkers haben eine Belohnung ausgesetzt. Eine Verkäuferin sagt aus, sie habe Zlof jene lila Decke verkauft, in die er den frierenden Oetker vor der Freilassung gehüllt hatte. Nur Zlof weiß, daß er erstens zwei Decken gekauft hat und zweitens bei einer ganz anderen Verkäuferin. Das freilich kann er schlecht sagen.

Ähnlich ergeht es ihm mit einer Zeugin, die ihn zusammen mit einem Mann mit Mongolenbart in dem Commodore gesehen haben will. Als Beweis liefert die Dame, die stets alles scheinbar Verdächtige in ihrer Nachbarschaft anzeigt, Zeitungsartikel über Zlof bei der Polizei ab: "Ich würde mir nicht zwei Zeitungsausschnitte aufheben, wenn ich mit dem Fall nichts zu tun hätte." Zlof weiß, daß er den Opel stets allein gefahren hat.

Außer solchen Zeugen hat das Gericht nur zwei sichtbare Indizien: zum einen den heißen Geldschein, zum anderen den Pritschenwagen. Doch in dem fanden die Spurenspezialisten außer der seltsamen Halterung nichts, was auf einen Zusammenhang mit der Oetker-Entführung hindeutete. Der Richter wackelt denn auch bedenklich: "Sollte es sich um ein Fehlurteil handeln, so können wir nur sagen: Hier stehen wir, wir können nicht anders. Gott helfe uns!" 15 Jahre brummt er dem vermeintlichen Mittäter Zlof auf.

Erst kurz vor Ende der Haft fragt Christel Zlof ihren Mann: "Sag mal, Dieter, warst du es eigentlich?" "Ja." "Warum hast du mir das nie gesagt?" "Weil du mich nie gefragt hast." Wenig später bricht die Frau daheim zusammen, ein Schlaganfall. Sie ist seither schwerbehindert.

Anfang 1994 kommt ihr Mann schließlich frei. Christel Zlof, heute 55, braucht teure Behandlung. Nur eine kurze Zeit hält er die Familie über Wasser, indem er Freunde anpumpt. Doch schließlich sieht der Ex-Häftling keinen Ausweg mehr: "Ich mußte an das Geld."

Zlof kennt keine Geldwäscher. Er muß, gegen sein Prinzip, einen Knastbruder einweihen: Hubertus Becker läßt seine Kontakte spielen. Derweil sucht Zlof die Millionen. Immer wieder schüttelt er seine Polizei-Verfolger ab, die nur darauf warten, daß er sie zum Geld führt. Er fährt die Landstraße zwischen München und Bad Aibling ab. Irgendwo hier war es, aber wo? Nur verschwommene Bilder hat er im Kopf: einen Waldweg, eine wilde Müllkippe.

Er fährt hin und her, bis die Erinnerung plötzlich einhakt, am Anfang einer Kurve, bei Kilometerstein 29,5. Ja, diese Kuppe könnte es gewesen sein. Er läuft durch den Wald, dreht sich im Kreis. Sein Merk-Bäumchen ist inzwischen ein Baum unter Bäumen, nicht mehr zu erkennen. Ein paar Bodenerhebungen kommen ihm bekannt vor, er stochert herum - nichts.

Beim nächstenmal bringt Zlof eine Spannschnur mit, er zirkelt Suchquadrate ab. "Ich wußte, es war da. Ich roch es förmlich." Er greift an einer Stelle zum Spaten, schuftet, nichts: "Ich wollte aufgeben. Noch einmal leuchtete ich in das enge Loch hinab. Und da entdeckte ich ... ein kleines, nur münzgroßes Stück blaues Plastikmaterial." Zlof hat das Versteck wiedergefunden.

In seiner Garage stemmt er den Koffer auf und sieht nur noch einen graugrünen, vermoderten Brei. Tausende von kleinen weißen Tierchen krabbeln durch den feuchten Klumpen. Eine kleines Loch in der Plastikfolie hatte Wasser und Larven an die Millionen gelassen. "Die Kohle ist total im Arsch", teilt Zlof seinem Knastkumpan mit, "sag alles ab. Der ganze Dreck ist nur noch Abfall."

Über ein wanzenfreies Telefon ruft der Tage später jedoch zurück: "Ich habe mich erkundigt. Ein Schein ist noch gültiges Zahlungsmittel, wenn mindestens 51 Prozent seiner Fläche erhalten sind." Zlof schaut sich die Masse in der Garage noch einmal genauer an: Ein Drittel der Scheine ist gänzlich hin. Ein weiteres Drittel aber verwertbar und der Rest sogar recht gut.

Im Forsthaus von Beckers Eltern treffen sich die beiden Verbrecher zur Geldwäsche. Sie besorgen sich bei einem Händler 20 000 Blatt Saugpapier, angeblich für eine Flugblattaktion der Grünen. Elf Tage lang tauchen sie die schleimigen Bündel in Wasser, schwemmen sie auf, lösen mit einem Messer Tausender um Tausender ab. Die Scheine pressen sie zwischen die Löschblätter, Kumpan Hubertus fönt anschließend jede Banknote.

Acht Millionen schaffen sie leicht, ab dann muß Zlof die Scheine stückchenweise zusammenkleben. Plötzlich dröhnt ein Megaphon: "Achtung, Achtung: Hier spricht die Polizei." Die beiden schauen sich hektisch an, Panik, wohin mit den Millionen? Da knackt es auch schon erneut im Lautsprecher: "In den letzten Tagen haben ausländische Räuberbanden mehrere Überfälle in dieser Gegend verübt." Die Beamten bitten die Bürger um erhöhte Aufmerksamkeit. Bürger Zlof und sein Kumpan kippen erst mal einen Cognac.

Viele Geldscheine sind jedoch dahin. Zlof schiebt sie gelassen in den Kamin des Forsthauses. "Mein Gott, das schöne Geld. Ich kann's gar nicht sehen", jammert Hubertus. "Zerfetztes Altpapier, Hubert! Würmerscheiße", beruhigt Zlof ihn, außerdem: "Welcher Mensch kann schon von sich sagen, er habe fast acht Millionen Mark in den Kamin geschoben?"

Per Auto schaffen die beiden das restliche Geld nach England. Aber der Deal platzt, Hubertus' Geldwäschern war nicht klar, daß es sich keineswegs nur um schlichtes Schwarzgeld handelt. Zlof tobt, sie verstecken das Geld in dem Stützpfeiler einer Fischerhütte, die zum Hunsrück-Forsthaus der Eltern seines Kumpels gehört.

Zlof fährt nach München zurück, um nachzudenken, "doch Hubert ging das alles wohl nicht mehr schnell genug". Er versucht, hundert Tausendmarkscheine auf eigene Faust unters Volk der Kleinkriminellen zu bringen. Bald laufen Autodiebe mit dem Geld durch die Gegend, kleine Trickbetrüger, Hehler - und Scheinaufkäufer des Landeskriminalamtes Bayern.

Als Zlof davon erfährt, rastet er aus, kurze Zeit später wird sein Freund Hubertus auch schon festgenommen. Zlof können die Beamten nichts anhaben, er hat seine Strafe für die Entführung abgesessen. Sie könnten ihm nur die Beute abnehmen. Das freilich schaffen sie nicht. Zwar gesteht Zlofs Kumpan alles. Er lotst die Fahnder zum Versteck. Doch das ist leer.

In den kommenden Monaten weiß Zlof kaum, wovon er leben soll: "Dr. Oetker jagt jede Mark, die ich legal verdienen könnte, mit dem Gerichtsvollzieher." In einem Offenbarungseid bestreitet Zlof, das Lösegeld noch zu haben.

Mehr als zehn Monate später, im Mai dieses Jahres, schlägt Scotland Yard in London zu: Mit Hilfe eines V-Mannes hatten deutsche und britische Ermittler Zlof vermutlich erneut nach England gelockt, gefilmt, beschattet und schließlich festgenommen, mitsamt den übriggebliebenen rund zwölf Millionen Mark.

Am Mittwoch dieser Woche muß ein Londoner Richter nun entscheiden, was weiter mit Zlof passieren soll. Ein kniffliger Fall: Wegen der Entführung können ihm auch die Engländer nichts mehr anhaben. Vorläufig verdächtigen sie ihn deshalb einer speziellen Art von Hehlerei, dem "Annehmen gestohlener Güter". Schließlich habe Zlof in seinem Offenbarungseid versichert, nicht zu wissen, wo die Millionen stecken. Folglich müsse er sie danach wieder von irgend jemand angenommen haben. Und das ist in England strafbar.

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