Josef Wild hat nun schon 30 Tips aus der Bevölkerung bekommen, doch nach oben kann der Kriminalhauptkommissar im Bayerischen Landeskriminalamt bislang nur Fehlanzeige melden: "Keine heiße Spur."
Auch seinen Wiesbadener Kollegen Winfried Preuss, Geldexperte im Bundeskriminalamt (BKA), läßt der Posteingang kühl: "Da sind mindestens sieben Hellseher, drei Wünschelrutengänger und 20 Trittbrettfahrer zugange."
Die Briefschreiber wollen sich mit vermeintlich heißen Tips eine Belohnung verdienen, die der Bielefelder Lebensmittel-Clan Oetker vor kurzem ausgesetzt hat: Wer die 21 Millionen Mark wieder auftreibt, die 1976 nach der Entführung des Millionärssohns Richard Oetker in München gezahlt wurden, soll 15 Prozent davon bekommen - 3,14 Millionen Mark.
Kleine Hinweise will die Familie Oetker ebenfalls belohnen, um das Lösegeld, einst gezahlt in Tausendmarkscheinen, wiederzufinden: "Angesagt ist das einzige Glücksspiel", sagt BKA-Mann Preuss, "bei dem man ohne Einsatz was gewinnen kann."
Die Scheine sind damals registriert worden - die Liste war fast 20 Meter lang. Wer zu Hause eine der gesuchten Noten entdeckt, zu erkennen am Buchstaben W vor den Ziffern der Registriernummer und den Buchstaben A oder B am Schluß, erhält eine Prämie von 500 Mark.
Das gilt allerdings nur für die ersten 50 Finder, die sich melden. "Natürlich dürfen die ihren Tausender behalten", verspricht der Münchner Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl. Die Ermittler wollen bloß wissen, woher die Note stammt.
Münchner Polizisten, die einst in den Sonderkommissionen Oetker mitwirkten, glauben freilich kaum an den Erfolg der Suchaktion. Sie vermuten die Millionen in einem Bergversteck oder auf dem Grund eines Sees.
BKA-Mann Preuss nimmt indessen Hinweise der internationalen Polizeiorganisation Interpol ernst, wonach die Oetker-Scheine unerkannt in Osteuropa kursieren sollen. Heißes und lange gebunkertes Geld, das einst Geiselnehmer, Erpresser oder Bankräuber kassiert haben, kann dort, anders als Falschgeld, kaum entdeckt werden.
Während westliche Bankkassierer ein BKA-Buch mit 22.800 Geldscheinziffern, den "Deutschen Sachfahndungsnachweis über 500-DM- und 1000-DM-Banknoten" für diskrete Kontrollen am Tresen bereithalten, wird ihren Kollegen in Moskau, Kiew, Warschau oder Prag das Zahlenwerk (BKA-Hinweis: "Vor unbefugter Benutzung schützen") vorenthalten.
Von den 2,4 Milliarden Scheinen, die in Umlauf sind, kommt in Deutschland, statistisch gesehen, jedes Exemplar gut dreimal im Jahr in eine der Landeszentralbanken zurück. Jede siebte Note wird dort von Maschinen aussortiert, die pro Sekunde 8 bis 40 Noten sichten: Scheine, die Risse oder Eselsohren haben, beschrieben oder verschmutzt sind, landen sofort im Häcksler.
Doch anders als etwa in den Niederlanden sind die Prüfgeräte in Deutschland nicht in der Lage, auch registrierte Geldscheine zu entdecken. So können Lösegeld-Tausender der vergangenen Jahrzehnte immer wieder unbemerkt durchschlüpfen.
Wie gering die Chancen sind, in den Altbeständen heiße Spuren zu finden, wurde besonders im Fall Anton Schlecker offenbar. Die gekidnappten Kinder des Drogerie-Königs waren 1987 gegen 9,6 Millionen Mark freigelassen worden.
Von 5000 der 9600 Tausendmarkscheine waren die Seriennummern bekannt (zum Beispiel W 959 8000 D bis W 959 8999 D). 181 Scheine sind bisher aufgetaucht, doch in keinem Fall konnte die Polizei den Weg der Noten über mehr als drei Stationen rekonstruieren.
Eine Chance, über registriertes Geld Kidnapper zu fangen, rechnen sich Experten der Kriminalpolizei nur dann aus, wenn mehrere der gesuchten Scheine auf einmal eingezahlt werden.
Nach der Oetker-Entführung etwa erschien bei dem Inhaber einer Kufsteiner Wechselstube ein Kunde mit sechs deutschen Tausendern. Der Fremde erzählte ihm eine ungewöhnliche Geschichte: Als Vertrauensmann von vier Urlauberfamilien wolle er in Österreich je 1500 Mark in Schillinge wechseln.
Arglos tauschte der Wechsler das Geld und gab die deutschen Scheine zwei Tage später einem bayerischen Grenzpolizisten mit, der die sechs Braunen auf einer bayerischen Bank einzahlen sollte. Am Nachmittag noch rief der Polizist bei dem Geldwechsler an: "Jetzt bin ich verhaftet, weil das Geld registriert ist."
Ein Schein aus derselben Serie wurde später bei einer Münchner Filiale der Deutschen Bank eingezahlt - von dem Betriebswirt Dieter Zlof. Der Geldwechsler identifizierte den festgenommenen Münchner als seinen obskuren Kunden: "Er war's, nach bestem Wissen."
In einem sechsmonatigen Indizienprozeß wurde Zlof 1980 als einer der Oetker-Entführer zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Januar wurde er entlassen. Die Ermittler glauben, daß er über den Verbleib der Oetker-Millionen Bescheid weiß und noch Kontakte zu einstigen Mittätern hat - was Zlof bestreitet.
Mit der Millionen-Belohnung will die Familie Oetker nun verschwiegene Mitwisser locken.
Firmensprecher Rolf Mühlmann: "Wir hoffen, daß sich jemand meldet, und zahlen an jeden - außer
Herrn Zlof."
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