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Ausgabe 7/1980
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01.02.1980
 

Der Zlof-Prozeß in München

"Eloquenz ist grundsätzlich verdächtig"

Im zweiten Abschnitt der Hauptverhandlung, in der es um die Entführung Richard Oetkers geht, sind in München die Zeugen gehört worden, mit denen die Staatsanwaltschaft Dieter Zlofs unmittelbare Tatbeteiligung beweisen möchte.

Wer möchte angesichts der Überschaubarkeit und Transparenz unserer Steuergesetze schon Finanzbeamter sein? Aber Finanzbeamter im Freistaat Bayern...

Da hat ein Zeuge, der für einen renommierten Kraftfahrzeughersteller höchst erfolgreich handelt, auch mal einen Unfallwagen verkauft. Hat er das Geschäft ordentlich in seine Bücher eingetragen?

"Na, oiso an des konn i mi jetzt net erinnan", weicht er zunächst aus. Doch als das Gericht nicht lockerläßt, verwandelt er sich in das Orakel von Delphi: "Vabucht vielleicht net direkt."

Nein, Finanzbeamter sollte man in Bayern schon gar nicht sein. Zwar verachtet selbstverständlich jeder Bayer das Steuerhinterziehen. Aber es verachtet auch jedermann in Bayern das Wildern ...

Es soll hier nicht um die Steuermoral gehen, denn die ist, weil man dem Kaiser geben soll, was des Kaisers ist, ein Thema für Theologen. Auch hat Eric Ambler, der britische Simenon, in seinem letzten Roman ("Bitte keine Rosen mehr") eine neue Dimension des Umgangs mit den Finanzämtern sichtbar gemacht, als er seinen Helden von der Kunst der "Steuervermeidung" sprechen ließ.

Doch im Mittelpunkt des Strafprozesses gegen Dieter Zlof, 37, steht das Finanzamt, ein weißblaues Finanzamt obendrein - und darüber muß endlich gesprochen werden.

Im zweiten Abschnitt der Hauptverhandlung, in der es um die Entführung Richard Oetkers geht, sind in München die Zeugen gehört worden, mit denen die Staatsanwaltschaft Dieter Zlofs unmittelbare Tatbeteiligung beweisen möchte.

Hat Dieter Zlof Schaumgummi gekauft? Schaumgummi soll zum Auskleiden der Kiste verwendet worden sein, in die Richard Oetker gesperrt wurde. War Dieter Zlof der Käufer des Opel-Commodore, in dem man Richard Oetker fand, und der fliederfarbenen Decke, die in diesem Wagen gefunden wurde?

Es ist daran zu erinnern, daß Richard Oetker am 14. Dezember 1976 entführt und Dieter Zlof am 29. Januar 1979 festgenommen wurde. Über die Erinnerung der Zeugen sind Jahre hinweggegangen. Und dann hat sich auch noch die Polizei mit ihnen befaßt -was in allzu vielen Fällen dem Unterpflügen des letzten verbliebenen Grashalms gleichkam.

Da ist einem Zeugen, von dem man sich erhoffte, er werde Dieter Zlof als den Käufer des Opel-Commodore erkennen, der Dieter Zlof zwar in einer Gruppe von Personen vorgeführt worden, doch die Personen waren "lauter Kriminaler", die der Zeuge schon vorher gesehen und gesprochen hatte. Und von einer korrekten Gegenüberstellung kann auch nicht die Rede sein, wenn Dieter Zlof die Personen, die mit ihm vorgestellt werden, überragt - die Münchner "Abendzeitung": "... wie das schwarze Schaf unter weißen Lämmern".

Von einer Aussage, die wörtlich protokolliert wurde, mit Anführungsstrichen vorne und einer Abführung am Ende, erfährt man, daß die Aussage "sinngemäß" auf einem Zettel notiert und erst später "formuliert" wurde. Auf den Vorhalt, daß dies nicht korrekt sei, lautet die Antwort: "Wir haben das immer so gemacht." Vom "Kudelmuddel" bei der Polizei, das ihn "ganz irr" gemacht habe, spricht ein Zeuge.

Zuletzt steht man vor einem Trümmerhaufen, in dem Belastungen und Entlastungen heillos durcheinanderliegen. Nicht hohe Wahrscheinlichkeiten, sondern Möglichkeiten, die sowohl die eine, aber auch eine ganz andere Deutung zulassen, haben die Zeugen produziert.

Was ist von den Sachverständigen zu erwarten, die nun bevorstehen? Werden ihre Gutachten zu dem Schluß zwingen oder ausschließen, daß Dieter Zlof der Verfasser und Schreiber der Erpresserbriefe ist und daß er allein die Telephongespräche mit der Familie Richard Oetkers geführt hat?

Dieter Zlof mag darauf bauen, daß sich über das Zeugendesaster nun auch noch eine Sachverständigenfinsternis breitet. Es wird um Sprachwissenschaft, Mundartforschung und um technisch unvollkommene Tonaufzeichnungen gehen. Das ist ein Feld, auf dem in aller Regel sogar eine schlechte Verteidigung gut aussieht -- und Dieter Zlof wird ausgezeichnet verteidigt (mitunter sogar zu intensiv, was allerdings nur der ungewöhnlichen Intensität der Anklage entspricht). Doch nun muß wirklich vom Finanzamt die Rede sein.

Fünf Jahre lang, bis zum Frühjahr 1977, handelt Dieter Zlof in München mit gebrauchten Kraftfahrzeugen. Er kauft sie auf, richtet sie in seinem "Schuppen" her und verkauft sie mit Gewinn. Im Frühjahr 1977 muß er dieses Geschäft aufgeben, denn seine Werkstatt ist abzureißen, weil sie ohne Genehmigung errichtet wurde.

Verzweifelt kann er darüber nicht gewesen sein, denn er hatte nicht unerheblich Gewinn gemacht. "Fünf Jahre lang Tag und Nacht gearbeitet", wie er sagt -- da ist schon etwas zusammengekommen. Und es ist sogar sehr viel zusammengekommen, denn das Finanzamt hatte davon nichts erfahren. "Ich hab' praktisch mein ganzes Vermögen zu Hause gehabt", hat er am zweiten Sitzungstag gesagt. Und um die Frage, wie groß denn dieses Vermögen war, ist lange gerungen worden.

"I belast mi da jetzt praktisch", hat er abgewehrt. Und er hat gefragt: "I woaß net, ob Sie das von mir verlangen können?" -- "Verlangen", hat er abgemildert, "dös hoab i jetzt nit gemeint juristisch." Aber er hat nichts sagen wollen. "Do können's mi packen", hat er gesagt -- er hat das Finanzamt mehr gefürchtet als die Anklage der Mittäterschaft an einem Verbrechen des erpresserischen Menschenraubes.

Es habe sich um "lautere Gelder" gehandelt, "wenn man es nicht vom Finanzamt aus sieht", hat er beteuert, also nicht um "kriminelle Gelder". Er räumte 60 000 Mark erst ein, als ihn der Vorsitzende daran erinnerte, daß er wenigstens diesen Betrag schon vor der Polizei genannt habe. Doch er fügte hinzu: "Wenn man mehr gehabt hat, dann ist das ja nicht gelogen."

Dieter Zlof mag der Meinung sein, Steuerhinterziehung sei heute ähnlich populär wie einst das Wildern; es sei sozusagen an die Stelle des Wilderns getreten, und wer sich wegen der Steuer zurückhalte, der werde auf wohlwollendes Verständnis stoßen. Er vergaß und vergißt dabei nur das Gewicht der Anklage, die gegen ihn vorgebracht wird.

Gewiß, Dieter Zlof muß nicht seine Unschuld beweisen. Man muß ihm -so er schuldig ist -- seine Schuld nachweisen. Doch diese erhabenen Sätze geraten an eine Grenze, wenn jemand ein großes Übel riskiert, um ein Übel zu vermeiden, das man denn doch für das kleinere zu halten geneigt ist.

Freilich, wenn Dieter Zlof einen Betrag nennt, der größer ist als 60.000 Mark (und schon 60.000 Mark sind kein kleiner Betrag), dann wird man von ihm auch Einzelheiten über die Kraftfahrzeugverkäufe wissen wollen, die zu diesem fabelhaften Ergebnis führten.

Seine Verteidigung hat das Erinnerungsvermögen der Zeugen getestet. Einer so aktiven Verteidigung müßte es auch gelingen, die Kundschaft vorzuführen, die bei Dieter Zlof gekauft hat (selbst wenn man in Rechnung stellt, daß es dabei um schwarze Geschäfte gegangen ist).

Dieter Zlof hat seinen, dem Finanzamt verborgenen, schwarzen Geldschatz, wie hoch auch immer er war, "langsam einfließen" lassen wollen. Und da traf es sich glücklich, daß er sich schon lange mit dem Glücksspiel befaßte und daß er da auf gewisse erfolgversprechende Gedanken gekommen war. Ein vorgezogener Zeuge hat in der vergangenen Woche ausgesagt, es sei durchaus möglich, daß Dieter Zlof über einen Monat verteilt an die 30.000 Mark gewonnen habe.

Doch was auch immer darüber zu hören sein wird, was in der Spielbank in Bad Wiessee möglich war und was nicht (und was Sachverständige, die es offenbar auch für dieses Thema gibt, darüber bekunden werden, was von Dieter Zlofs System, das kein System war nach seinen Worten, zu halten ist):

Ein Mann, der den Handel mit gebrauchten, aufgearbeiteten Kraftfahrzeugen aufgeben muß und sich dank eines erheblichen Kapitals dazu entschließen kann, es mit dem Spielen zu versuchen - ein solcher Mann sollte wohl unumwunden von dem Kapital reden, das ihm einen Entschluß möglich machte, den man verrückt nennen müßte, wenn er mit einem geringeren Kapital unternommen worden wäre.

Die beiden Photos in dieser Geschichte versuchen die Zwiespältigkeit wiederzugeben, die man angesichts von Dieter Zlof empfindet. Er kann sympathisch und einleuchtend sein, und er kann einen erschrecken und abstoßen. Das kann einem mit jedem Menschen passieren, so geht es anderen wohl auch mit einem selbst.

Er weint, wenn in der Verhandlung von seinen Kindern die Rede ist. Er beteuert seine Unschuld, und man fragt sich ja ständig, wie er sich denn überzeugend verhalten soll, wenn er unschuldig ist. Aber warum fürchtet er das Finanzamt so sehr?

Dieter Zlof kann sich darstellen, er redet viel, für München redet er zuviel. Der Kollege Roswin Finkenzeller, ein Bayer, hat in der "Frankfurter Allgemeinen" ein köstliches Porträt des Schach-Großmeisters Wolfgang Unzicker veröffentlicht. Wolfgang Unzicker ist auch Verwaltungsrichter und in dieser Rolle mit Wehrdienstverweigerern befaßt.

Haben vor dem Verwaltungsrichter Unzicker, einem "typischen Verstandesmenschen", die einen Vorteil, "deren geöltes Mundwerk einen juristischen Vorsprung" verschafft? Roswin Finkenzeller: "Wer so argumentiert, kennt die echten Bayern nicht. Die waren von jeher Talleyrands Ansicht, daß die Sprache die Gedanken verbirgt. Warum reden, wenn das Gewissen rein ist? Eloquenz hingegen ist grundsätzlich verdächtig. Wenn einer gar noch anfängt, logische Gedankengänge zu konstruieren, kann man zehn zu eins wetten, daß er es faustdick hinter den Ohren hat."

Dieter Zlof ist eloquent, und er konstruiert zu seiner Verteidigung Gedankengänge, die einen (auch wenn man kein Bayer ist) schwindeln machen. Man muß ihm also wirklich, wo er doch in München vor Gericht steht, viel gutbringen. Doch er muß schon, so er unschuldig ist, ein wenig helfen, der Dieter Zlof. Das Finanzamt ist das Finanzamt, aber was ist denn schon das Finanzamt angesichts einer solchen Anklage?

In der vergangenen Woche ist in München ein österreichischer Zeuge gehört worden. Der will Dieter Zlof als den Mann erkannt haben, der bei ihm in Kufstein sechs Tausendmarkscheine aus dem Oetker-Lösegeld eingewechselt hat. Mich hat dieser Zeuge sehr beeindruckt. Aber man kann diesen Zeugen, man kann die Geschichte seiner Aussagen vor der Polizei und zuletzt vor Gericht auch ganz anders sehen. Es ist zum Verzweifeln.

Bleibt Dieter Zlof aus Angst vor dem Finanzamt bei seiner bisherigen Haltung, dann wird das Gericht am Ende die Splitter aus den Trümmern, die als Beweis für die Schuld angesehen werden können, in ein Bild aufnehmen und einordnen, das von erwiesener Schuld handelt.



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