NORDTURM, 67. ETAGE
American Airlines 11 mit Mohammed Atta im Cockpit war 30 Stockwerke über Jan Demczurs Fahrstuhl eingeschlagen, sie zerstörte einen Großteil der Fenster, die Demczur an diesem Morgen geputzt hat, und tötete alle 69 Mitarbeiter der Firma Fred Alger im 93. Stock, wo er zwischen 7.35 und 7.55 Uhr geputzt hatte, und alle Mitarbeiter der Firma Carr Futures im 92. Stock, die er dort vor anderthalb Stunden traf. Die sechs Männer werden hin und her geschleudert, der Fahrstuhl schwingt, bleibt einen Moment stehen, schwingt noch mal, dann beginnt er nach unten zu rutschen. Die Kabine bietet Platz für zwölf Personen, sie sind sechs. Die Männer rappeln sich auf.
Der schwarze alte Mann neben der Tür ruft: "Drückt den Stop-Knopf! Drückt den beschissenen Stop-Knopf!" Als niemand reagiert, drückt er ihn selbst. Der Fahrstuhl bleibt stehen, die anderen sehen den alten Mann an. Es ist ruhig.
Al Smith arbeitet seit fünf Jahren auf der Poststelle der Port Authority, der die beiden Türme gehören. Die Port Authority ist eine Behörde, die Angelegenheiten zwischen den Staaten New York und New Jersey regelt. Sie kümmert sich um Brücken, Tunnel, Fähren, die beide Staaten miteinander verbinden. 2000 der 8000 Mitarbeiter der Port Authority arbeiten im World Trade Center. Smith ist 61 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Apartment direkt neben der Subway-Trasse in Bushwick, Brooklyn. Er ist ledig, er hat in den verschiedensten Jobs gearbeitet, er saß in den Sechzigern mal anderthalb Jahre lang wegen Diebstahls im Gefängnis. Dort hat ihm jemand mit der Rasierklinge den Hals aufgeschnitten, eine beachtliche Narbe ist übrig geblieben. Er ist ruhig geworden mit den Jahren, er macht Plastiken aus Holz und Pappe, die er auf Flohmärkten verkauft, und würde gern davon leben können. Er sieht jünger aus als 61, er ist der Kleinste im Lift.
Al Smith hat für seine behinderte Kollegin Janet aus der Poststelle und für sich Frühstück geholt wie jeden Morgen. Er macht das immer auf dem Weg zur Arbeit. Zuerst geht er in die Cafeteria, dann in die Poststelle. Er ist heute zehn Minuten zu spät, weil er eine Subway verpasst hat.
Es ist 8.48 Uhr, es ist immer noch ruhig, es riecht verbrannt. Jan Demczur drückt den Notruf-Knopf. Sie warten. Nach einer halben Minute meldet sich eine Männerstimme. Sie ist entspannt, obwohl überall im Haus Notrufe aus Fahrstühlen eingehen. Die Notrufzentrale befindet sich im 3. Untergeschoss des Nordturms. Die Stimme sagt, dass es Probleme im 91. Stockwerk gebe. Eine Explosion oder so was. Dann verstummt sie. Demczur drückt noch mal auf den Knopf, dann auch George S. Phönix III., ein Ingenieur der Port Authority aus dem 74. Stock. Er ist seit 8 Uhr im Gebäude und trägt in der linken Hand ein kleines Papptablett mit Kaffee, Milch und einem Donut. Niemand meldet sich. Nach weiteren zwei Minuten dringt Rauch in die Kabine ein. Es ist schwarzer Rauch, wie er beim Verbrennen von Flugzeugbenzin entsteht. Es wird warm.
"Wir müssen hier raus", ruft Phönix.
Der untersetzte Mann im guten Anzug zieht ein Handy aus der Jackentasche, aber er bekommt keine Verbindung. Auch Phönix versucht es. Jan Demczur besitzt kein Handy. Er wüsste auch nicht, wen er jetzt anrufen sollte. Er versucht, die Fahrstuhltür zu öffnen, der untersetzte Mann im guten Anzug hilft ihm. Er heißt John Paczkowski und ist der stellvertretende Direktor der Port Authority. Ein hohes Tier. Paczkowski zieht links, Demczur rechts. Es ist eine der Fahrstuhltüren, die in der Mitte schließen, zum Glück. Sie bekommen sie auf. Sie sehen auf eine graue Wand. Colin Richardson, ein weiterer Mann im Fahrstuhl, stöhnt leise. Die Tür schnappt wieder zu. Paczkowski und Demczur ziehen sie noch mal auf. Sie klemmen den Stiel von Jan Demczurs Schrubber dazwischen. Wieder sehen sie die Wand. Sie stecken irgendwo zwischen dem 44. und dem 74. Stock. Es gibt keine Ausstiege hier. Es gibt nur den Schacht. Die blanke Wand.
Demczur streicht mit der Hand über die graue Fläche. Es sieht aus wie Gipskarton. Paczkowski tritt gegen die Wand, aber sie gibt nicht nach. Auch Phönix versucht es. Nichts. Der Rauch wird schlimmer. Phönix taucht eine seiner Papierservietten aus der Cafeteria in seine Milch und hält sie sich vor das Gesicht. Auch Al Smith, Colin Richardson und der sechste Mann, Shivam Iver, machen das.
"Hat jemand ein Messer?", fragt Paczkowski. Sie untersuchen ihre Taschen, sie haben nur Kugelschreiber. Demczur holt seinen Schrubber aus dem Eimer. Er entfernt den Wischgummi vom oberen Stück und zieht den Griff ab. Sie haben jetzt zwei Werkzeuge. Jan Demczur hackt mit dem etwa 40 Zentimeter langen, dünnen Oberteil auf die Wand ein, den kurzen, dreieckigen Griff gibt er John Paczkowski. Seit dem Einschlag sind etwa acht Minuten vergangen, sie kratzen Risse in die Wand. Es ist Gipskarton, kein Beton.
Die beiden Männer mit den polnischen Namen haben die Leitung der Aktion übernommen. Richardson und Shivam Iver scheinen angeschlagen, sie schweigen, manchmal stöhnen sie leise. Al Smith redet auf die beiden Arbeiter ein, ermuntert sie. George Phönix ist 36 und damit der jüngste Mann im Aufzug, er will was machen, weiß aber nicht, was. Er klettert auf das Geländer und versucht, die Decke aufzustoßen, wie er es in vielen Filmen gesehen hat. Aber die Decke gibt nicht nach. Es gibt keine Fugen oder so etwas, sie scheint fest mit den Kabinenwänden verschweißt zu sein. Phönix hämmert minutenlang mit den Fäusten auf die Decke ein.
Richardson sagt: "Hören Sie auf, hören Sie endlich auf."
Phönix hämmert weiter. Demczur und Paczkowski arbeiten verbissen.
Nach weiteren fünf Minuten haben die beiden Männer etwa drei Zentimeter tiefe Kerben in die Wand gekratzt. George Phönix, der Ingenieur, schlägt vor, längere Kratzer zu machen, um die Gipsfläche zu destabilisieren. Sie folgen seinem Rat. Bald sind die Kerben sechs Zentimeter tief, es sind offenbar mehrere Platten, die durch den Stahlrahmen zusammengehalten werden.
Richardson wirft Al Smith vor, den Stop-Knopf gedrückt zu haben. Auch Shivam Iver hat daran gedacht.
Smith schweigt.
"Es ist müßig, darüber zu reden", sagt der stellvertretende Direktor der Port Authority. Er schwitzt. Er ist froh, dass sie eine Aufgabe haben, auf die sie sich konzentrieren können. Irgendetwas, das vorwärts geht. Es hält sie zusammen.
Paczkowski wechselt sich mit Phönix ab. Jan Demczur aber lässt seinen Stab nicht los. Er hat wieder einen Plan, er kann arbeiten. Er kratzt und kratzt, seine Hand schwillt an und beginnt zu bluten. Als sie die dritte Schicht erreichen, rutscht ihm das Metallstück aus der Hand, es fällt genau in die Lücke zwischen Tür und Schacht. Jetzt haben sie nur noch ein Werkzeug. Richardson flucht leise.
Sie denkt: Im schlimmsten Fall schlage ich die Scheiben ein - besser springen als verbrennen.
Um 9.20 Uhr ist das Loch in der Wand zehn Zentimeter groß, die Luft wird etwas besser. Phönix klammert sich am Geländer an der Rückwand fest und tritt mit dem Rücken zum Loch wie ein Pferd gegen die Mauer. Sie splittert. Auch der bullige Paczkowski und Demczur treten jetzt, die Ränder geben nach, das Loch wird schnell größer. Hinter der Wand befindet sich in etwa 15 Zentimeter Abstand eine zweite. Aber sie ist viel dünner. Phönix tritt sie beim ersten Versuch durch. Die Luft wird jetzt deutlich besser.
In den folgenden Augenblicken merken sie, dass auf der anderen Seite ein Raum ist. Um 9.30 Uhr ist das Loch so groß, dass sich Al Smith hindurchzwängen kann.
Smith kommt in der Herrentoilette der 50. Etage an. Er fällt auf die Kacheln, die Luft ist gut, es ist hell. Er ruft in das Loch, dass er Hilfe holt.
"Ich komme gleich zurück", ruft der alte Mann, während er über die Fliesen davonläuft. Die Männer im Fahrstuhl glauben nicht daran oder wollen es nicht darauf ankommen lassen. Sie arbeiten weiter am Loch. Paczkowski ist etwa doppelt so breit wie Smith, er war früher bei den Marines.
Smith läuft über den bereits leeren Flur. Als er an den Fahrstühlen vorbeikommt, öffnet sich eine der Türen. Smith steht vor dem offenen Fahrstuhl. Er weiß, dass er da nicht einsteigen darf. Eigentlich nicht. Er steigt ein und fährt zur Fahrstuhlwechselstation in die 44. Etage. Dorthin, wo sie vor 40 Minuten losgefahren waren. Es klappt. Als die Tür aufgeht, ist er in einer anderen Welt. In der Katastrophenwelt. Feuerwehrleute und Polizisten rennen durcheinander. Al Smith hält einen der Feuerwehrmänner fest und erklärt ihm sein Problem. Sie steigen wieder in einen Fahrstuhl und fahren hoch in die 50. Etage. Es ist inzwischen 9.35 Uhr. Als sie im Badezimmer ankommen, klettert gerade der letzte Mann, John Paczkowski, aus dem Loch. Die Männer umarmen sich kurz.
Sie sagen sich zum ersten Mal an diesem Tag ihren Namen. Jan Demczur spricht seinen Vornamen nicht mehr polnisch aus, sondern sagt Dschaen. Die anderen fünf denken, dass er John heißt. Jan Demczur notiert auf dem kleinen Stück Karton, auf dem sein Tagesplan steht, vier Telefonnummern. Es ist 9.40 Uhr, George Phönix erreicht über sein Handy zum ersten Mal seine Frau.
Sie laufen alle in das nächste Treppenhaus, das völlig verlassen ist. Jetzt denkt auch Jan Demczur an seine Frau. Sie arbeitet sechs Straßen weiter, sie ist Buchhalterin. Er hat sie vor 15 Jahren kennen gelernt, in einer ukrainischen Kirche. Sie stammt aus der Ukraine. Sie ist eine gute Frau, immer noch. Er hat keinen Fehler mit ihr gemacht, so würde er es ausdrücken. Er überlegt einen Moment, ob er George Phönix um dessen Handy bitten soll, aber eigentlich kann er mit seiner Frau auch später noch reden. Bis zum 44. Stock sind die sechs Männer zusammen, dann verlieren sie sich im Chaos.
Die Männer aus dem Fahrstuhl waren eine Stunde lang zusammen, jetzt ist wieder jeder für sich selbst verantwortlich. Sie sind in verschiedenen Treppenhäusern, sie vergessen sich, es gibt so viele neue Nachrichten. Die Leute, die sie treffen, kommen meist aus höheren Stockwerken. Demczur hört zum ersten Mal, dass ein Flugzeug ihren Turm getroffen hat.
UWE BUSE, FIONA EHLERS, LOTHAR GORRIS, ULLRICH FICHTNER, HAUKE GOOS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP, DIRK KURBJUWEIT, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK, HOLGER STARK, BARBARA SUPP
Im nächsten Heft:
ÜBERLEBENSKAMPF IM WORLD TRADE CENTER
Wie der Fensterputzer Demczur, das Brandopfer DiChiara und der Manager Allan aus dem Turm fliehen - Der Einschlag der United Airlines 175 in den Südturm - Die Evakuierung des Nordturms - Der Kampf an Bord von UA 93
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