In der Mall, dem unterirdischen Einkaufszentrum, steht das Wasser knöchelhoch. Die Sprinkler sind an. Die Drehtüren sind verkantet und zerbrochen. Allan geht an "Border's Bookstore" vorbei, hinaus auf die Church Street. Ein Polizist sagt: "Wir glauben, das war Absicht."
Allan ruft seine Frau Sabah an. Er fragt: "Was ist eigentlich passiert?" Dann geht er Richtung Norden. Irgendwo, schon nahe Midtown, möchte er sich die Telefonnummer eines anderen Überlebenden notieren. Er fragt einen Pakistaner, der neben seinem Obststand wartet, nach einem Stift. Chuck Allan hat lange in islamischen Ländern gelebt. Er ist sich sicher, in fremden Gesichtern lesen zu können. Er ahnt, was jetzt passieren wird. Aber er möchte es wissen: "Ist das nicht entsetzlich?", fragt er den Obstmann. Der Mann dreht den Kopf zur Seite. Er sagt nichts. Allan denkt: Er kann nicht sagen, dass er Sympathien hat für das, was da geschehen ist. Aber er hat sie.
NORDTURM, AUSGANG
Virginia DiChiara, deren Haut zu 30 Prozent verbrannt ist, verlässt das World Trade Center durch den Nordeingang. Sie war im 78. Stock, als das Flugzeug einschlug. Sie stand in einem Aufzug, dessen Tür sich gerade schloss. Brennendes Kerosin verbrannte ihr Gesicht, ihre Arme und Hände, ihren Rücken. Mit Mühe schafft sie es ins Erdgeschoss. Sie wird zur Church Street geführt, wo Krankenwagen aufgereiht sind. Ein paar Leute sitzen auf dem Bordstein, Verletzte. DiChiara sieht eine Menge Blut und weiß, dass sie da unmöglich sitzen kann. Sie kann kein Blut sehen und hat Angst, in Ohnmacht zu fallen. Ein Nothelfer führt sie in einen Krankenwagen. Der Kollege, der sie nach unten begleitet hat, ist noch bei ihr.
Sie verlangt nach Wasser, bekommt aber nur wenig. Sie weiß nicht, warum man sie nicht in ein Krankenhaus bringt. Langsam fühlt sie den Schmerz. Sie guckt auf ihre Hände: rot, keine Haut. Sie wartet und wartet. Ihr Kollege ruft DiChiaras Eltern an und sagt ihnen, ihre Tochter sei okay.
Nach einer halben Stunde wird sie ins St. Vincent's Krankenhaus im Greenwich Village gefahren. Im Krankenhaus ist alles vorbereitet für einen Ansturm von Verletzten. Auf dem Hof warten Dutzende Ärzte und Pfleger. Lange Reihen von Tragen stehen bereit. Aber außer Virginia DiChiara kommt kaum jemand.
SÜDTURM, LOBBY
Irgendwann ist Steve Miller, von seinen Fuji-Kollegen "Smiller" gerufen, wenn ihr Computer nicht funktionierte, am Ende der Stufen. Die neuen Cowboystiefel quälen seine Füße. Eine Armee von Angestellten strömt aus den Türen ins Freie. Erst draußen sieht er die Verwüstung, die Metallstücke, das Glas, das verkohlte Fleisch. Er läuft nach Hause, Richtung Brooklyn. Als er zurückschaut, nach oben, sieht er, dass dort, wo sein Büro war, nur noch schwarzer Rauch ist. Das Flugzeug hat genau auf seiner Etage eingeschlagen.
Sie haben Angst, die Türme könnten zusammenstürzen. "No way", sagt Clark, er sei Ingenieur.
Als Smiller über die Brücke nach Brooklyn geht, versucht er, nicht an seine Schuhe zu denken, und auch den anderen Horror will er vergessen. Smiller beschließt, sein Leben zu ändern. Er will Bibliothekar werden, auf dem Land. Smiller muss an ein altes chinesisches Sprichwort denken. "Mögest du in aufregenden Zeiten leben", heißt es. Das wünschen Chinesen den Leuten, die sie hassen.
SÜDTURM, PLAZA
Um 9.50 Uhr erreichen Brian Clark, der Broker, und Stanley Praimnath, der Laienprediger, den Plaza-Level des World Trade Center. Eine Mondlandschaft. Nur noch Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten laufen herum. "Besser, wenn ihr jetzt rennt", schreit einer und sagt, sie sollten nicht nach oben schauen. Von oben fallen jetzt immer häufiger Gebäudeteile herunter. "Let's go", sagt Clark, die beiden Männer rennen Hand in Hand über den brennenden Freiplatz auf die Church Street.
"War zone", denkt Clark. Nach zwei Blöcken sind sie am Gitter des Friedhofs von Trinity-Church. Ein Geistlicher sagt, die Kirche sei geöffnet, sie sollten hereinkommen. Völlig außer Atem hält sich Praimnath am Zaun fest. Er hat Angst, der ganze Turm könnte zusammenstürzen. "No way. Das ist eine Stahlstruktur", sagt Clark, er sei Ingenieur.
SÜDTURM, PLAZA
Als Anthony DeBlase endlich unten auf der Plaza ankommt, sieht er die Körper. Er sieht einen Mann, dem der Kopf von einem fallenden Körperteil abgeschlagen wird. Er sieht einen Kopf, der aufplatzt wie eine Melone. Er sieht ein brennendes Bein. Er sieht Dinge, von denen er gehofft hatte, dass es sie in seiner Welt nicht geben würde.
Er muss heulen. Er rennt nach Westen, mit den anderen. Eine Frau kommt dem Strom entgegen, sie läuft auf ihn zu und umarmt ihn. Anita, seine Mutter. "Jimmy", sagt sie, "wir müssen Jimmy finden." Anthony schaut nach oben, wo der Himmel voll Staub und Rauch ist, und sagt: "Gott, gib mir meinen Bruder zurück. Was sollst du mit ihm? Er wird an dir herummäkeln und dich zurechtweisen. Er wird dich um den Verstand bringen." Jimmy ist so. Jimmy war so.
Ist er erschlagen worden? Ist er gesprungen? Ist er erstickt? Hat er sich in Luft aufgelöst?
Einige Wochen später werden die ersten acht der gefundenen Leichenteile mit Hilfe des DNA-Tests identifiziert. Unter den Namen ist auch James DeBlase, genannt Jimmy, 45 Jahre und aufgewachsen in Soho, im Schatten der Zwillingstürme.
UWE BUSE,
FIONA EHLERS,
ULLRICH FICHTNER, HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP, DIRK KURBJUWEIT, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK, BARBARA SUPP
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