Sonnenschein wärmt den Trauerzug, der Wafa Idris, 26, zu Grabe trägt. "Ich will keine traurigen Gesichter sehen, seid fröhlich", ruft ein Redner, der von einem Autodach per Megafon die Stimmung anheizt: "Das ist keine Beerdigung, das ist eine Hochzeit." Im Paradies, gaukelt er den Menschen vor, warte schon ein Bräutigam auf die tote junge Frau.
Sonst werden Märtyrern für Palästina 72 Jungfrauen an der Seite Allahs verheißen. Doch nun ist erstmals eine Frau als Soldatin im "Dschihad", dem so genannten Heiligen Krieg gegen Israel, gefallen. Mühelos erweitern die hartgesottenen Milizionäre ihre Propaganda.
"Wafa hat sich bei den Kämpfern der Aksa-Brigaden eingereiht", schallt es aus dem Megafon, "sie ist die Schwester aller Krieger." Maskierte Aktivisten von Arafats Fatah-Bewegung feuern Salutschüsse aus den Magazinen ihrer Kalaschnikows. "Sie ist jung, und sie ist schön", ruft die Menge im Chor, "sie ist das Juwel unseres Landes."
Als erste Frau seit Beginn der Intifada vor 16 Monaten zündete die palästinensische Ambulanzhelferin vorvergangenen Sonntag mitten auf der Jaffa-Straße im Herzen Jerusalems einen Sprengsatz und tötete damit sich selbst und einen Israeli. Dutzende Menschen wurden verletzt.
Nun schmücken Märtyrer-Poster die armseligen Gassen des Flüchtlingslagers Amari bei Ramallah, wo Idris mit ihrer verwitweten Mutter und den Familien ihrer Brüder lebte. Das Plakat der militanten Fatah-Gruppe, der sie angehörte, zeigt die junge Frau im Kampfdress. Ihr Anschlag, rühmt der Text, habe die Israelis "in der Tiefe des zionistischen Gebildes" getroffen. Acht Männer tragen ihren Sarg, um den die Flagge Palästinas gewickelt ist. Doch das Holzbehältnis ist leer. Das, was von Idris' zerfetztem Körper übrig ist, haben die Israelis konfisziert.
Die Polizei bezweifelt, dass sich die Attentäterin tatsächlich in die Luft sprengen wollte und mutmaßt, dass die Bombe nur vorzeitig explodierte. Die Fatah spricht klar von einer "Selbstmord"-Tat. "Wafa wurde ausgebildet, das Feuer in die Jaffa-Straße zu tragen", ruft der heisere Vorbeter, "Gott segne ihre Hände."
Dass eine Frau die grausige Bluttat verübte, bringt eine neue Qualität des Terrors in den israelisch-palästinensischen Konflikt. Einen besseren Ansporn für den bewaffneten Kampf als eine junge, sympathische Frau aus einem Flüchtlingslager können sich die Extremisten kaum wünschen. "Ich rufe die junge Generation", brüllt der Ansager in die Menge, "folgt dem Beispiel Wafas, sie ist eure Lehrerin."
Junge Mädchen, die mit roten Wangen hinter dem Sarg herlaufen, äußern ihre Bewunderung für die Selbstmordattentäterin. "Ich bin neidisch auf Wafa", sagt Baraa, 12, "ich will so sein wie sie." "Der Dschihad ist nicht nur für Männer", glaubt die 15-jährige Abir. Selbst Mütter halten nicht dagegen: "Wir erziehen unsere Kinder nicht mehr, der Krieg erzieht sie."
Auch früher schlossen sich schon Frauen dem palästinensischen Kampf an Fatima Barnawi etwa, die 1967 eine Bombe in ein Jerusalemer Kino trug, aber rechtzeitig gefasst wurde. Berühmt wurde Leila Chalid, die "schöne Terroristin", die für die Volksfront zur Befreiung Palästinas ein Flugzeug entführte. Doch nie zuvor sprengte sich eine Attentäterin in die Luft.
"Wafa machte mir nie Probleme", sagt ihre Mutter, die von Klageweibern umringt ist, "sie war ein gutes Kind."
Was trieb ihre Tochter an? Die Verzweiflung über das Leiden ihres Volkes, das sie täglich beim Sanitätsdienst in den Kampfzonen sah, wo sie selbst verwundete und tote Kinder abtransportierte? "Es belastete sie sehr", bestätigt eine Nachbarin, "sie wollte den Israelis zeigen, wie es sich anfühlt, so zu leiden."
Oder liegt das Motiv auch in der Tatsache, dass die geschiedene Frau keine Kinder bekommen konnte und ihr damit Respekt in der traditionellen Frauenrolle der arabischen Gesellschaft verwehrt war? "Nein", sagt ihre Cousine Umm Aima, "sie war längst darüber weg. Sie war fröhlich und lebte gerne."
"Etwas brannte in ihr", sagt die Mutter. Freunden soll sie erzählt haben, dass sie bereit sei, für ihr Volk auch zu sterben. Sie hatten es nicht ernst genommen.
ANNETTE GROßBONGARDT
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