Solche Lernbereitschaft beeindruckt selbst deutsche Pädagogen. Johannes Binder, 52, ist Leiter der deutschen Schule in Helsinki, an der rund 85 Prozent der Schüler Finnen sind. Er ist geradezu "fasziniert von den Kindern und Jugendlichen, die wir haben, und von deren Lernwillen".
An der Wand der Klasse sieben in der II. Normalschule von Helsinki hängen Grundsätze für den Unterricht. "Niemand kann alles", steht da auf großen Plakaten geschrieben, und: "Jeder ist gut in irgendwas." In blauen Lettern prangt wie zur steten Erinnerung über den Köpfen der Schüler der Satz: "Niemand ist so schlau wie wir alle zusammen."
Die Siebtklässler sitzen in Gruppen und diskutieren ihre Aufgabe. Auf dem Plan steht "der Weltraum". Die Schüler suchen sich Aspekte des Themas, die sie selbständig erarbeiten.
Ein Team gründet ein Reisebüro, das Touren zum "Honeymoon auf der Venus" anbietet. Es wird debattiert über Entfernungen, Reisemöglichkeiten, Raketensysteme und mögliche Lebensbedingungen auf anderen Planeten. Eine andere Gruppe rätselt über außerirdisches Leben, Ufos, mögliche Kommunikationsmöglichkeiten mit Außerirdischen.
"Übergreifender Unterricht" nennen die finnischen Pädagogen ihr Unterrichtsmodell, bei dem Schüler weitgehend selbständig arbeiten und dabei in klassischen Fächern wie Geographie, Chemie, Mathematik und Sprachen die Inhalte miteinander vereinen. An deutschen Schulen würde das wohl Projektunterricht heißen. Nur ist es da die Ausnahme, im hohen Norden dagegen die Regel.
Im Deutschunterricht der Klasse sechs geht es um einen "Besuch im Restaurant". Manche Schüler entwerfen Speisekarten, kreieren Gerichte und Menüs, legen Preise fest. Andere schreiben und üben typische Dialoge zwischen Kellnern und Gästen ein, diskutieren über Umgangsformen und Tischetikette.
Der Lärmpegel ist hoch. Die meisten Jungen und Mädchen diskutieren engagiert und laut, streiten über Preise, laufen umher, suchen Rat bei der Nachbargruppe. Zwischendrin sitzt Petri. Der Junge ist in seiner Wahrnehmung gestört, er kann dem Treiben der anderen kaum folgen. Trotzdem ist er dabei. Er hat die Aufgabe, ein Namensschild mit Leuchtreklame für das Restaurant zu entwerfen und zu malen. Bei den Menüplänen redet er wie selbstverständlich mit. "Es gibt keine Unterschiede zwischen Schülern", sagt Jutta Laakson, "nur zwischen den Unterrichtsmethoden."
Besonders krass tritt die Differenz zwischen Finnland und der Bundesrepublik im Verhältnis zwischen Schülern und Pädagogen zu Tage. "Eh Marja, komm mal her", ruft ein Schüler im Deutschunterricht der Fünften quer durch die Klasse seine Lehrerin, die gerade mit anderen Briefe an eine Patenschule schreibt: "Heißt das ,zu Ostern' oder ,nach Ostern'?"
Typisch für das Bild in finnischen Klassenzimmern: Pennäler und Pädagogen duzen sich. "Dadurch sind die Beziehungen untereinander enger und offener", sagt Marja Martikainen, "frei von Angst." "Wir sind keine pädagogischen Animateure, die Schüler anmachen, damit die was machen", beschreibt die Lehrerin ihre Rolle. "Wir wollen nicht Schüler den Lehrern anpassen, sondern Lehrer den Lernmethoden und Fähigkeiten der Schüler", sagt Deutschberater Domisch.
Im Schulamt heißt es: "Qualität ist nicht nur an Leistungen ablesbar, sondern auch am Klima einer Schule" Grundsätze, die in Deutschland an den Bildungsaufbruch der siebziger Jahre erinnern.
Natürlich sind manche Rahmenbedingungen für Schulen in Finnland besser, sie haben beispielsweise weit weniger ausländische Schüler als in vielen Gesellschaften Mitteleuropas. Und: Bei der Einschulung können sehr viele Kinder bereits fließend lesen und schreiben.
Lesen ist, nicht nur in den langen, dunklen Wintermonaten, seit jeher sehr beliebt im Norden. Öffentliche Büchereien gibt es auch in dünn besiedelten Landstrichen zuhauf. Die Zeitungsdichte ist so hoch wie wohl nirgendwo in Europa. Die meisten Filme in Fernsehen oder Kino laufen im Original mit finnischen Untertiteln. Das bildet und spornt an. "Alle haben nur darüber gelacht, wie viel ich lese", erzählt Kirsi Leppänen, 18, von ihren Erfahrungen in Mettingen.
Auch die finanzielle Ausstattung der Schulen ist deutlich besser als in Deutschland. Alle Schulen haben eigene Sonderpädagogen, dazu so genannte Kuratoren, die sich um soziale Probleme der Kinder kümmern, meist auch einen Schulpsychologen, Schullaufbahnberater und vor allem mehrere Lehrerassistenten Männer und Frauen, die in pädagogischen Schnellkursen quasi als Hilfstruppe für den Unterricht ausgebildet werden.
Doch vor allem eben gibt es an finnischen Schulen ein anderes Bildungsverständnis gerade bei Lehrern. "Wie sollen Schüler gern zu Schule gehen", fragt beispielsweise Rainer Domisch vom Zentralamt, "wenn beim Betreten des Gebäudes schon die Lehrer stöhnen."
Marja Martikainens Antwort ist einfach: "Man muss seine Schüler mögen, dann erst kommt das Fachwissen. Das ist die Basis, darauf baut sich alles auf."
MANFRED ERTEL
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