Montag, 23. November 2009

Panorama



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16.12.2002
 

Das Prinzip Couchgarnitur

Warum ein Belgier acht Jahre lang um ein Sofa klagte

Von Barbara Supp

Aus der "FAZ"
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Aus der "FAZ"

Er muss damals sehr schnell gewesen sein, rekordverdächtig schnell. Er startete durch, als um zehn Uhr die Türen aufgingen, spurtete durch die Regalreihen, griff sich irgendetwas, stürzte zur Kasse, zahlte, ließ sich den Kassenzettel geben: ausgedruckt um 10.01 Uhr in der Ikea-Filiale Brüssel-Zaventem.

Er rief nach dem Filialleiter, hallo, mein Name ist Henri Vanderweerden, ich bin der Erste, wo ist mein Gewinn?

Nee, Mijnheer, bekam er zu hören, der Gewinn ist vergeben. Zu spät.

Henri Vanderweerden aus Brüssel, 40 Jahre alt, Geschäftsführer einer medizinischen Transportfirma, möchte nicht, dass man glaubt, dass er ein Sofa ungeheuer wichtig nehme.

Er gehört nicht zu den Menschen, die wegen eines Preisausschreibens nächtelang auf einem Firmenparkplatz campen, wie das andere tun. Er habe, sagt er, an jenem 26. Oktober 1994 sowieso etwas zu besorgen gehabt bei Ikea, irgendwas fürs Parkett, deshalb sei er rausgefahren nach Zaventem. Ja, er habe diese Anzeigen gesehen, auf denen es hieß: Der erste Kunde, der am 26. das Geschäft betritt, bekommt eine Wohnzimmercouch mit passendem Schrank dazu. Öffnungszeit: ab zehn Uhr.

Anlass war der zehnjährige Geburtstag der belgischen Ikea-Filialen, den wollten die Schweden feiern, und ihre Feierlichkeiten sind nun im Gedächtnis geblieben, acht Jahre lang. So lange dauerte der Rechtsstreit, den Henri Vanderweerden gegen Ikea ausfocht, und es sei ihm, sagt er nochmals im Rückblick, nicht um das Sofa gegangen. "Sondern ums Prinzip".

Es müssen lebhafte Szenen gewesen sein, damals, in allen vier belgischen Ikea-Filialen. Käufer randalierten. Firmenvertreter versuchten, die Feierlichkeiten wieder unter Kontrolle zu bringen. "Falsch verstanden" habe die Kundschaft das Gewinnspiel, sagte die Firmensprecherin Catherine Valsière. Ikea habe doch ganz richtig gehandelt, als es seine Möbel anders vergab: An Leute, "deren Durchhaltewillen wir belohnen wollten".

Leute wie die junge Kathy, damals 19 Jahre alt, arbeitslos und verzweifelt entschlossen, für diese Wohnzimmereinrichtung alles zu tun. Am 18. Oktober fuhr sie auf dem Ikea-Parkplatz in Zaventem vor ­ und blieb. Nachts schlief sie im Auto. Die Tage verbrachte sie in der Eingangshalle, Bücher lesend, die Ikea-Leute stellten Verpflegung und Sanitäres und beobachteten gerührt, welche Opfer ihre Kundschaft zu bringen bereit war für eine Ikea-Möbelgarnitur.

Diese Kathy also und noch ein paar Hartnäckige bat man am 26. Oktober 1994 bereits um acht Uhr in die Filiale, Kathy wurden die Wohnzimmermöbel zugesprochen, den anderen je ein Klappstuhl aus dem Sortiment. Aber dann traten gegen zehn Uhr draußen vor der Tür die Mitbewerber auf, unter ihnen Henri Vanderweerden, spurtschnell und siegreich, wie er glaubte. Und dann extrem beleidigt, so wie andere draußen vor der Türe auch.

Es hatte keinen offiziellen Türhüter gegeben, der den Vorgang überprüft und darauf geachtet hätte, dass der Richtige gewinnt. Keinen Apparat zum Nummernziehen, mit dem man hätte ermitteln können, wer der Erste war. Aber es gab Henri Vanderweerden mit seinem Kassenzettel und den Brüsseler Anwalt Daniel d'Ath, der erfreut zur Kenntnis nahm, dass hier jemand bereit war, für einen Gewinn im Wert von 2738 Euro vor Gericht zu ziehen. Und das in Belgien, wo man weiß: Schnell geht es nicht.

Es klagte Vanderweerden gegen Ikea, auf Lieferung der Gewinnmöbel plus 124 Euro Säumniszuschlag pro Tag. Es gab Gegenklage von Ikea gegen Vanderweerden, auf 2479 Euro Schadensersatz, wegen "mutwilligen" und "böswilligen" Verklagens.

Die Jahre vergingen. Vanderweerden saß zu Hause auf seinem selbst bezahlten Sofa und dachte ans Prinzip.

Er ist ein Mensch, der Gewinnspiele gern gewinnt. Außerdem war er wütend auf die Möbelmacher, länger schon. Er wohnt in der Brüsseler Innenstadt mit seiner Familie, er hat bis zu einer Stunde Fahrzeit in die Vorstadt Zaventem, und zweimal schon war er vergebens dorthin gefahren, um etwas zu kaufen, wofür Ikea mit großen Anzeigen warb ­ und als er ankam, hieß es: ausverkauft. Henri Vanderweerden dachte weiter ans Prinzip, an die belgische Justiz und an seine Anwaltskosten und sagte sich: weitermachen.

Es entschied der Richter in der ersten Instanz: Die Klage Vanderweerdens wird abgewiesen, der Gegenklage teilweise stattgegeben. Vanderweerden habe 372 Euro an Ikea zu zahlen, als Schadensersatz.

Vanderweerden legte Berufung ein. Ikea erhob Gegenklage, diesmal auf 6197 Euro ­ wegen "sachlich unbegründeter Berufung".

"Ich habe nie einen Brief bekommen von denen", sagt Vanderweerden. "Sonst hätte man sich einigen können. Aber die waren so sicher, dass sie gewinnen."

Ikea hat eine "Vision", die steht auf der Homepage im Internet, und sie heißt: "Wir machen den Alltag besser." Sie formen die Welt nach dem Bilde des Ikea-Katalogs, mit Billy, Faktum, Ivar und Klippan, und vielleicht ist es ja verständlich aus der Sicht der Firma, dass lieber jener Mensch belohnt werden soll, der mit Hingabe und Durchhaltewillen um ein Sofa kämpft; ein Mensch wie Kathy, die acht Tage Lebenszeit opfert, weil sie "unbedingt" diese Möbel will. Und nicht einer, der mal eben durch die Reihen sprintet und schon glaubt, dass er damit den Preis verdient.

Das Berufungsgericht sah das jetzt anders. Vanderweerden sei im Recht. Von Ikea in Brüssel ist zu hören, man werde zahlen, und von Vanderweerden ist zu hören, dass er mit den 2738 Euro plus Zinsen sehr zufrieden sei.

Er braucht zurzeit kein Sofa. Er brauchte eigentlich auch damals keines. Nicht so dringend wie Kathy jedenfalls, die es sich eisern ersessen hat, im Oktober vor acht Jahren.

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