Es scheint den Menschen das Los beschieden zu sein, ihren Mut, ihre Kraft und ihren Willen an den höchsten Bergen der Welt zu messen, um immer wieder zu erfahren, daß jeder einzelne ein Sisyphos bleibt, dem der schwer gewälzte Felsblock nahe am Gipfel entgleitet.
Was der Geburtshelfer und Dr. med. habil. Karl Herrligkoffer aus der Münchener Plinganserstraße 142a lange Monate nicht wahrhaben wollte, geschah am Sonntag, dem 30. November, um 14 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in der Weinstraße 4 im zweiten Stock vier ergraute Alpinisten in den Räumen des Notars Paul Bauer eingefunden, um unter die Hoffnungen des Geburtshelfers Herrligkoffer einen Schlußstrich zu ziehen.
Was sie beschlossen, wird dem Planer der ersten deutschen Nachkriegsexpedition zum Nanga Parbat, Dr. Herrligkoffer, schwer zu schaffen machen: "Die deutsche Himalaja-Gesellschaft mit ihrer Stiftung spricht gegen die Durchführung der deutschen Himalaja-Expedition 1953 unter ihrem Leiter Dr. Herrligkoffer ihre schwersten Bedenken aus."
Die Bedenken des Stiftungsleiters, Notar Bauer, der als erster Deutscher 1929 auf den Nanga Parbat, den "deutschen Berg" im Himalaja, zu klettern versuchte und in den Jahren 1931, 1936, 1937 und 1939 erneut als Expeditionsleiter den 8125 Meter hohen Nanga Parbat anging, sehen so aus:
Schon als am 19. Juli 1952 in allen bundesdeutschen Zeitungen die Nachricht erschien, daß eine deutsche Himalaja-Expedition 1953 vorbereitet wird, hatte diese Meldung in der Münchener Weinstraße 4 eine Lawine ausgelöst. Der ehemalige Gebirgsjäger-Major Paul Bauer setzte sich ans Telephon und trommelte noch am Sonntag alle erreichbaren Mitglieder der deutschen Himalaja-Stiftung zusammen. Erinnert sich Bauer: "Zuerst wußten wir gar nicht, wer dahinter steckt. Wir beschlossen jedoch, wenn die Sache gut ist, unterstützen wir."
Für den Himalaja-Kraxler und Notar Bauer aber war die Sache nicht gut, als er davon hörte, daß hinter dem Expeditionsplan ein gewisser Dr. Herrligkoffer steckte. Bauer: "Kein Mensch kannte den Mann, keiner konnte mir sagen, ob er jemals am Berg gewesen ist."
Der Münchener Geburtshelfer Dr. Herrligkoffer ist noch nicht am Berg gewesen. Er hat auch nicht den Ehrgeiz, als erster Deutscher einen Achttausender bezwungen zu haben. Den heute 36jährigen Herrligkoffer bewegen andere Motive: "Als ich 17 Jahre alt war, blieb mein Stiefbruder Willy Merkl am Nanga Parbat."
Herrligkoffers Himalaja-Expedition ist, wenn sie tatsächlich zum Start kommt, die siebente deutsche. Die Engländer und die Schweizer kämpfen um die Erstbesteigung des 8888 Meter hohen Mount Everest. Die Amerikaner streben den 8611 Meter hohen Chogori an.
Der Nanga Parbat aber blieb den Deutschen vorbehalten. 1895 betrat zum erstenmal ein Mensch die Eisfelder des "Diamir", des "Königs der Berge", wie der Nanga Parbat in der Landessprache genannt wird. Es war der englische Alpinist Mummery. Er wurde mit seinen beiden Gurkha-Trägern von einer Lawine in die Tiefe gerissen. 37 Jahre später unternahm Willy Merkl in deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit einen neuen Vorstoß.
Am 6. Juli 1934 stand Merkl knapp 40 Meter unter dem Vorgipfel, 7895 Meter hoch. Um 2 Uhr kamen Welzenbach, Merkl und Wieland mit sechs Trägern am Silbersattel an und schlugen die Zelte für das Lager 8 auf.
Nach Willy Merkls Tagebuch beschreibt Stiefbruder Herrligkoffer diesen Tag:
"In den Zelten herrscht eine unbeschreibliche Hochstimmung. Die Vorfreude auf den Gipfelsieg am nächsten Tag läßt keinen zur Ruhe kommen.
"Gegen Morgen aber kommt ein Sturm auf, der sich von Stunde zu Stunde steigert. Der Sturm wird zum Orkan. Unter seiner Gewalt brechen die Zeltstäbe. Trotz dichtester Verschnürung der Sturmzelte weht es feinsten Schneestaub zentimeterdick auf die Schlafsäcke.
"Vor den Zelten herrscht dichter Nebel, der Schneesturm peitscht mit unheimlicher Wucht über das Lager auf der Hochfläche. Man kann im Freien kaum atmen. Die Benzinkocher versagen. Es gibt nichts Warmes.
"Der Sturm tobt weiter. Auch die zweite Nacht wird schlaflos verbracht. An den Gipfel ist nun nicht mehr zu denken. Es gilt, das eigene Leben aus diesem Hexenkessel zu retten."
Am 8. Juli wird der Rückzug beschlossen. Schneider und Aschenbrenner gehen voraus. Merkl, Welzenbach und Wieland folgen nach geraumer Zeit mit den Trägern. Der Haupttrupp ist stark geschwächt und erreicht vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Lager 7. Ein Freilager muß bezogen werden. Das bedeutet: schwerste Erfrierungen und Kräfteverfall. Am 9. Juli stirbt Wieland kurz vor Lager 7 an Erschöpfung.
Denn das ist ein "Lager" am Himalaja: Ein schmales Zelt an einer windgeschützten Nische. Links und rechts fallen die Wände senkrecht in die Tiefe. Darüber heult der Wind mit Orkan-Stärken von über 120 km/h. Die Luft ist voll Schnee, das Thermometer zeigt um 30 Grad unter Null.
Willi Welzenbach und Merkl erreichen das einsame Zelt auf der "Schaumrolle".
Es wird Welzenbach nach qualvollen Nächten zum Grab. Am 13. Juli schleppt sich Merkl, seit Tagen ohne Nahrung, auf zwei Eispickel gestützt, in Begleitung seiner Leibträger Ang Tsering und Gay-Lay nach dem Lager 6 hinab.
Das Lager 6 aber steht nicht mehr. Der Orkan hat es weggefegt.
Willy Merkl hatte noch nicht aufgegeben, als er von seinen Kameraden unten im Lager 4, bereits als Totgeglaubter, gestützt von seinem Träger Gay-Lay, mit abgezehrten, erfrorenen Gliedern empfangen wird. Merkl hat zu einer 120 Meter langen Gegensteigung, die auf dem Abstieg vom Lager 6 zu Lager 5 zu überwinden war, mehrere Tage gebraucht.
Fünf Jahre später stieß der damalige Leiter einer neuerlichen deutschen Nanga-Parbat-Expedition und heutige Widersacher des Karl Herrligkoffer, der Münchener Notar Paul Bauer, auf den Eisfeldern am Mohrenkopf an einen Stiefel. Es waren die tiefverschneiten Leichen von Willy Merkl und Gay-Lay.
Die Bauer-Expedition erreichte nur eine Höhe von 7300 Meter. Dann begann es zu schneien. Ein Hochgewitter bildete den Auftakt zu einer Schlechtwetterperiode. Die letzten Anstrengungen endeten im uferlosen Pulverschnee.
Es war noch glimpflich abgegangen. Zwei Jahre früher, 1937, hatte eine Riesenlawine das ganze Hauptlager in 4500 Meter Höhe mit sieben der bekanntesten deutschen Bergsteiger, die man voller Hoffnung gegen den Nanga Parbat geschickt hatte, unter sich begraben.
Die Herrligkoffer-Expedition 1953 wird nun bergsteigerisch die beste sein, die je zum Nanga Parbat auszog Am Stripsen-Joch (Alpen) hatte Dr. Herrligkoffer den ehemaligen Nanga-Parbat-Kletterer Peter Aschenbrenner für seinen neuen Expeditionsplan gewonnen. Aschenbrenner holte den ehemaligen Gebirgsjäger Walter Frauenberg aus Zell am See dazu. Außerdem machte Aschenbrenner den von den Schweizern als beste Seilschaft der Welt bezeichneten Innsbruckern Hermann Buhl und Kuno Rainer den Mund so wässerig, daß sie ebenfalls zusagten.
Herrligkoffer selbst verpflichtete Anderl Heckmair aus Oberstdorf, Erstbesteiger der Eiger-Nordwand (Alpen), und Martin Meier, Erstbesteiger der Grandes-Jorasses-Nordwand (Alpen), den Berchtesgadener Bergführer und Eisgeher Albert Bitterling und die drei 26 Jahre alten Münchener Herbert Eschner, Otto Kempter und Hermann Koellensperger.
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