AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/1952

Himalaja: Mordlustig und drohend

2. Teil

Außer dem Expeditionsplaner Herrligkoffer haben sich alle schon Hände und Füße bei schwierigen Touren an den Wänden der Alpen aufgerissen. Der 39 Jahre alte Stripsen-Joch-Hüttenwart Peter Aschenbrenner, der die bergsteigerische Leitung der Expedition übernehmen soll, ist einer der wenigen Überlebenden, die von den Expeditionen zum Nanga Parbat zurückgekommen waren.

Die Achttausender des Himalaja: 13 sind noch unbesiegt
DER SPIEGEL

Die Achttausender des Himalaja: 13 sind noch unbesiegt

Dem Argument der bergsteigerischen Qualität der Herrligkoffer-Expedition konnte sich im Gegensatz zur Himalaja-Stiftung des Notars Bauer der Deutsche Alpenverein nicht ganz entziehen. Dennoch blieb er skeptisch.

Die Jahreshauptversammlung in Stuttgart beschloß zwar, die Expedition grundsätzlich, allerdings nur ideell zu unterstützen. Der knebelbärtige Rechtsanwalt Dr. Albert Heizer jedoch, der 1. Vorsitzende des Verwaltungsausschusses, gebot Vorsicht. "Die Bedingungen für das Gelingen einer derartigen Expedition sind andere als für eine Wochenendfahrt."

"Der Everest ist ein abweisender Berg", schrieb der englische Bergsteiger Tom Longstaff, "er hat nicht die Grazie eines Leichtathleten, sondern die brutale Kraft eines Freistilringers: mordlustig und drohend."

Was Longstaff über den Berg der Engländer, den Mount Everest, schrieb, gilt in gleicher Weise für alle Türme des Chomo Lungma, des Thrones der Götter, wie die Eingeborenen nicht nur einen Gipfel, sondern das gesamte Himalaja-Massiv nennen. Das Schicksal derer, die auszogen, um die höchsten Gipfel der Welt zu stürmen, ist fast immer das gleiche gewesen: verschollen, verschüttet, abgestürzt.

Der Himalaja wehrt sich gegen seine Bezwingung durch den Menschen. Die Stürme wirbeln den hier nur in der Luft verdunstenden Mehlschnee auf. Wie durch Grießzucker watend, bis zu den Hüften eingesunken, müssen sich die Bergsteiger durch den Schnee quälen. Die Bezwingung der zerklüfteten Gletscherbrüche mit haushohen Eiswänden, grundlosen Spalten, ist dabei nur Vorpostengeplänkel.

"Region der Leiblosen" nennen die Eingeborenen den Schutzgürtel am Thron der Götter, jene Höhen über 7500 Meter, in denen der Mensch durch die Sauerstoffverarmung der Luft nur kurze Zeit und unter größter Anstrengung leben kann.

Die Sauerstoffhülle der Erde reicht 10mal höher als der Gipfel des fast 9000 Meter hohen Mount Everest. In 9000 Meter Höhe aber hat der Sauerstoffgehalt nicht nur um ein Zehntel abgenommen. Die vollwertige Luft an der Erdoberfläche ist auf einem Viertausender auf zwei Drittel verdünnt. Auf einem Achttausender sind es nur noch zwei Fünftel der Luftdichte. Wer über 5500 Meter hoch aufsteigt, atmet nur noch halb soviel Sauerstoff wie an der Erdoberfläche. "Es ist einem dann, als wenn man mit doppelseitiger Lungenentzündung Schwerarbeit verrichten muß", berichten die Bergsteiger, die in diese Höhen vordrangen.

Zweieinhalb Stunden brauchte der Bergsteiger René Dittert, Mitglied der ersten Schweizer Mount-Everest-Expedition im Frühjahr 1952, um sich die Schuhe anzuziehen.

Um 200 Meter weiter aufzusteigen, benötigte Raymond Lambert mit seinem Träger Tensing, der Gipfelstoßtrupp der Schweizer, fünf Stunden. Für jeden Schritt über eine Minute.

Noch einmal 200 Meter und Lambert und Tensing hätten am 28. Mai 1952 auf dem Gipfel des Mount Everest gestanden. Doch der beiden Bergsteiger bemächtigte sich eine Euphorie, ein Glücksgefühl, das nicht zu übertreffen ist. Es war die Euphorie des Todes.

Die beiden Bergsteiger gingen wie in Watte. Sie griffen nach einem Halt, der nicht da war und lachten, wenn sie ins Leere griffen, weil sie die Überlegung verloren hatten, daß dieser Griff ins Leere ihr Ende bedeuten könnte. Der Blick war nicht mehr klar, nichts war mehr sicher, nichts mehr kontrollierbar. Es war der Traumzustand, mit dem der Höhentod beginnt. Hinaufgekommen wären die beiden noch, aber dann nicht mehr herunter. Lambert hatte noch die Energie rechtzeitig umzukehren, im Gegensatz zu den beiden Briten Mallory und Irvine, die 1924 am Gipfelgrat des Mount Everest der "Region der Leiblosen" verfielen.

Die beiden Engländer mögen die ersten gewesen sein, die den Mount Everest, den "Berg der Berge", besiegt haben. Sechs Jahre nachdem sie am 8. Juni 1924 noch 300 Meter unter dem Gipfel rasch aufwärtssteigend gesehen worden waren, entdeckte eine britische Expedition in 8500 Meter Höhe einen Eispickel. Er mußte Irvine oder Mallory gehört haben. "Dieser Eispickel kann nicht beim Aufstieg zurückgelassen worden sein, sondern beim Abstieg, ist noch heute die Meinung der Experten.

Niemand aber weiß eine genaue Antwort, und der Mount Everest hat seit 30 Jahren jeden Angriff abgewehrt. Zehn ihrer besten Alpinisten verloren die Engländer in den Eisbarrieren und Lawinen des Mount Everest.

Von den vierzehn Achttausendern im Himalaja ist erst einer bezwungen. Doch selbst die Siegesmeldung der Franzosen, die unter dem Leiter der Expedition, Maurice Herzog, am 3. Juni 1950 nach achtstündiger Eisarbeit auf dem Gipfel des 8078 Meter hohen Anna Purna standen, war nicht gerade die Nachricht des bisher größten bergsteigerischen Triumphes: "Wir befinden uns in einem fürchterlichen Zustand. Amputationen der erfrorenen Finger und Zehen waren nicht zu vermeiden."

"Alles in allem, die Aussichten auf einen Gipfelsieg im Himalaja sind seit den dreißiger Jahren doch um ein Beträchtliches gestiegen." Diese Worte hatte noch hoffnungsvoll der grauhaarige Geburtshelfer Dr. Herrligkoffer im Juli 1952 als letzten Satz unter eine Broschüre gesetzt, die in Hunderten von Exemplaren an Industrielle, Fabrikbesitzer, Bankdirektoren und Geschäftsleute geschickt wurden Die Broschüre sollte Geldspenden für die deutsche Nanga-Parbat-Expedition 1953 einbringen.

Tatsächlich konnte Expeditionsplaner Herrligkoffer am 19 November 1952 im Münchener Rathaus die materiellen Erfolge seiner Broschüre in einem Rechenschaftsbericht vortragen. Ohne staatliche Unterstützung, auf die er noch hoffe, seien eingegangen:

  • 45 000 Mark Bargeld.
  • 70 000 Mark Wertspenden an Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen.
  • 5000 Mark für zu erwartende Honorare von Erstrechten an Zeitungsberichten.
  • 30 000 Mark an gespendeten Medikamenten.

Insgesamt Spenden im Werte von 195 000 Mark.

Herrligkoffer hatte seinen Kalkulationsplan mit 273 000 Mark abgeschlossen. Darin war der Anmarsch, die Verpflegung für 14 Expeditionsteilnehmer und rund 700 Träger, die 64 Zelte (Bauer: "Das ist Wahnsinn, die Hälfte hätte genügt") und Ausgaben für Visa und anderes enthalten.

Die noch fehlenden rund 100 000 Mark hofft Herrligkoffer noch rechtzeitig zusammenzubekommen. Wenn auch sein Widersacher der Himalaja-Stiftungs-Leiter Paul Bauer, die Geldbitte an Bundesfinanzminister Schäffer zu neutralisieren versucht.

Herrligkoffer: "Schäffer fragte bei seiner Sektion München an (Schäffer ist als leidenschaftlicher Bergsteiger Mitglied des Deutschen Alpenvereins. Sektion München), was denn mit mir los sei. Ich wolle von ihm Geld und er habe keine günstigen Nachrichten über mich vorliegen. Die Sektion München aber hat die Rückfrage des Bundesfinanzministeriums am 17. November 1952 sehr positiv beantwortet."

Wenn das Bundesfinanzministerium Geld herausrückt, dann, so hofft Herrligkoffer, kommt auch endlich die Stadt München hinterher. Es war schließlich Münchens Oberbürgermeister Thomas Wimmer, der versuchte, die beiden Kontrahenten, die Himalaja-Stiftung und den Dr. Herrligkoffer, an einen Tisch zu bringen. "Aber da muß wieder einer quer geschossen haben", meint Herrligkoffer.

Im September hatte Oberbürgermeister Wimmer einen Arbeitsausschuß gegründet, der die Pläne von Herrligkoffer prüfen sollte. "Zweimal trat der Ausschuß zusammen. Geprüft wurde nichts. Bis heute habe ich noch keine Stellungnahme bekommen."

Es war zunächst für Herrligkoffer auch kein Trost. daß der Bergsteiger-Namensvetter Aschenbrenner, 2. Vorsitzender im Verwaltungsausschuß des Deutschen Alpenvereins, vertraulich bemerkte: wenn die Finanzierung nicht mehr ganz zusammen käme, dann ginge die Expedition eben mit kleiner Besetzung.

Expeditionsplaner Herrligkoffer hat es eilig. Er hat noch deutlich in Erinnerung, was er bei einem Vortrag in München von dem Anna-Purna-Bezwinger, dem Franzosen Maurice Herzog, gesagt bekam: "Das Geheimnis des Erfolges liegt vor allem in dem Kampf mit der Zeit, um den dramatisch flüchtigen Augenblick mäßiger Windstille am Gipfel, der am Ende des Frühlings für wenige Stunden eintritt, wenn die Stürme aus Tibet ein Gegengewicht erhalten von den ersten Wellen des Monsun.

"Diesen Augenblick müssen die Männer ausnutzen, indem sie alle Anstrengungen auf die Gipfelbesteigung konzentrieren. Wenn sie, bevor sie den Sieg errungen haben, ihr Ausgangslager wieder aufsuchen, wenn sie warten, bis sie sich wieder erholt haben, ist der psychologische Moment versäumt. Es bleibt ihnen dann nur noch der Rückweg."

Ende März 1953 muß sich Herrligkoffer spätestens mit seinen vierzehn Expeditionsmitgliedern in Genua nach Pakistan einschiffen. Anfang Mai muß der Aufstieg von Industal aus beginnen. Sonst ist es zu spät.

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  • Datum: Mittwoch 10.12.1952 | 00:00 Uhr
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