Der Koffer, mit dem Herr Müller seine letzte Reise antritt, ist nicht groß. Er enthält einen Bademantel, Gummipantoffeln und Waschzeug, eine gefaltete Luftaufnahme des Berliner Westhafens (Müllers Arbeitsplatz bis in die achtziger Jahre), ein gerahmtes Dackel-Porträt, einen kleinen Universum-Weltempfänger, etwas Freizeitkleidung. Müller ist zum Sterben hergekommen. Er rechnet nicht mit einem längeren Aufenthalt. "Nächste Woche werde ich 71. Aber dann bin ich wohl schon weg."
Müllers Hautfarbe ist gelb, sein Krebs breitet sich in rasantem Tempo von der Bauchspeicheldrüse her aus. Immerhin, die Tumoren haben ihm genug Zeit gelassen, seine Angelegenheiten zu regeln. Zu Hause schrie er nachts vor Schmerzen, seine Frau holte dann den Notarzt, aber der wusste oft auch nicht weiter. Hier wird Müller Morphium bekommen, rechtzeitig und genügend. Es wird immer jemand da sein, wenn er Hilfe braucht oder Angst bekommt. In seiner letzten Stunde aber möchte Heinz Müller allein sein. "Damit muss man ja keinen belasten."
Er bezieht das zweite von 15 Einzelzimmern im Ricam-Hospiz, Berlin-Neukölln. Er packt seinen Koffer aus, stellt seine Straßenschuhe, ein Paar braune Slipper, ordentlich ins Regal. Er wird sie nicht mehr tragen. Für den Augenblick wirkt er erleichtert, fast aufgeräumt.
"Ich hatte Angst, im Krankenhaus hinter der spanischen Wand zu sterben. Die Warteliste ist hier ja lang." Müller hatte sich das ausgerechnet: In ganz Berlin gibt es 43 Hospizbetten, mindestens doppelt so viele müssten es sein. Und Berlin ist noch gut dran. Eigentlich hat jeder unheilbar Kranke nach dem Sozialgesetz das Anrecht auf einen Hospizplatz, wenn er zu Hause nicht versorgt werden kann, wenn er Schmerzen hat und seine Lebenserwartung nur noch wenige Monate beträgt.
Auf Aids-Kranke, für die vor gut zehn Jahren etliche Hospize gegründet wurden, trifft das zurzeit nur selten zu; neue Medikamente gewähren den meisten von ihnen einen großen Aufschub. Aber 140 000 Krebspatienten leiden in Deutschland jedes Jahr unter oft unerträglichen Tumorschmerzen. Dazu kommen einige tausend Patienten, die an Muskellähmungen oder anderen schweren Krankheiten sterben. So gut wie allen könnte die Medizin heute helfen. Doch die wenigsten Ärzte lernen, Leid zu lindern, wenn es nichts mehr zu heilen gibt. Das ist das Fachgebiet der Palliativmediziner. Doch die können in rund 170 Palliativstationen und Hospizen nur an die 15 000 Menschen versorgen.
Im Ricam bleiben manche Patienten Monate, andere nur einen Tag. Im Schnitt kommt der Tod nach zwei Wochen. Müller glaubt zu wissen, wie viel Zeit ihm bleibt. Sechs Wochen hatte ihm ein Arzt am Tag der Diagnose noch gegeben, fünf davon sind um. "Eine solch präzise Voraussage ist fatal", sagt Petra Anwar, "kommt aber leider öfter vor." Anwar ist Ärztin beim Berliner Home Care Projekt, einem ambulanten Team von Palliativmedizinern, das Sterbende zu Hause und im Hospiz betreut. Sie hat Müllers Bauchkrämpfe gelindert und auch den schmerzhaften Dauerschluckauf, der von den Metastasen herrührte.
Eigentlich könnte der Mann nun noch eine Weile ohne allzu große Beschwerden leben. Aber mit der Prognose im Kopf reißt Müller innerlich jeden Tag ein Blatt vom Kalender ab. "Unbewusst arbeitet er auf seinen Tod hin, isst und trinkt kaum noch. Das ist nicht der Krebs, das ist die Psyche."
Nebenan hilft Schwester Karen Herrn Föge beim Frühstücken. Michael Föge, erster Fahrradbeauftragter der Stadt Berlin, groß, sportlich, redegewandt, hatte im letzten Sommer noch mit 100 Gästen seinen Fünfzigsten gefeiert. Jetzt hat der Hirntumor Föges Sprachzentrum zerstört, seinen rechten Arm und die linke Gesichtshälfte gelähmt. "Ich hätte ihn am liebsten zu Hause behalten, aber dann kamen die ersten epileptischen Anfälle", sagt seine Frau. "Ich stand hilflos daneben. Heben kann ich ihn auch nicht."
Wer keine Schmerzen leidet, wünscht nicht die Todesspritze.
Der bärtige Mann ringt um Worte. "Theoretisch", setzt er an, prustet ein paar Mal aufgeregt und greift mit der Linken in die Luft, "theoretisch ..." - weiter kommt er nicht. Da lässt er die Hand sinken und fügt sich den einfachen Ja-Nein-Fragen der Schwester: "Haben Sie Schmerzen? Möchten Sie noch ein Stück Brot?" Auch das Schlucken funktioniert nicht mehr richtig. Ein Käsebrot, dazu einige Orangenschnitze - das dauert fast eine halbe Stunde. "Im Krankenhaus können Sie sich das gar nicht leisten", sagt Schwester Karen, "im Ricam arbeiten 17 Leute für 15 Patienten."
In einer Klinik würde man ihn wohl noch in den Computertomografen schieben. Hier gibt die Ärztin Cortison, weil sie vermutet, dass sich das Gewebe um seinen Tumor voll Wasser saugt. Wenn es hilft, weiß sie, dass ihre Vermutung richtig war. Es ist eine hoch qualifizierte Medizin, bei der der Arzt noch seine fünf Sinne braucht, ohne spektakuläres Gerät, dafür aber nahe am Menschen.
Solange Föge noch konnte, hat er nie Auskunft über sein Innenleben erteilt. Jetzt kann er es nicht mehr. "Was wohl in seinem Kopf vorgeht?", fragt sich seine Frau. Die Musiktherapeutin hatte den Einfall mit dem Armdrücken. Sie hatte Föges gesunde Hand genommen, ihre Kräfte mit den seinen gemessen - ein Dialog ohne Worte. "Ich habe seine Vitalität gespürt. Wir hatten Spaß."
"So was erleben Sie nicht auf einer normalen Krebsstation", sagt Dorothea Becker. Lange genug war sie dort Krankenschwester, bevor sie 1998 mit einigen Mitstreitern das Ricam eröffnete. "Sterbehospiz" sagt keiner, der hier arbeitet: "Es ist ein Lebensort. Todkranke können bei uns aufatmen, weil sie ihre Schmerzen loswerden."
Noch mal leben vor dem Tod - viele können sich das bei ihrer Ankunft nicht vorstellen. Becker erinnert sich an Patienten, die Tabletten im Nachtkasten sammelten, um ihr Leiden jederzeit beenden zu können, falls es ihnen unerträglich würde. "Aber bisher ist immer noch alles da gewesen, wenn jemand gestorben war." Die meisten Menschen hätten weniger Angst vor dem Sterben, wenn sie solche Erfahrungen teilen könnten, vermutet Becker, "aber sogar viele Ärzte fürchten sich vor Sterbenden".
Gegen den therapeutischen Nihilismus in Sachen Tod redet und arbeitet Eberhard Klaschik schon seit 1983 an. Damals baute er die erste Palliativstation Deutschlands auf. Heute ist Klaschik Chef der Palliativmedizin im Malteser-Krankenhaus in Bonn und hat einen Lehrstuhl für sein Fach - noch ist es der einzige in Deutschland. Vielleicht spricht der freundliche Mann deshalb so schnell, als hätte er keine Zeit zu verlieren.
"Früher hat man vieles als schicksalhaft hingenommen." Dass Sterbende schrien vor Schmerz, dass sie erbrachen, dass sie in Angst und Depression versanken - gerade so, als wäre dies der legitime Preis für gelebtes Leben. "Erschien der Tod auf der Bildfläche, wendete sich der Arzt ab. Ich selbst habe als junger Arzt Sterbende ins Badezimmer geschoben. Das gibt es auch heute noch, eine Katastrophe." Nachvollziehbar, dass die Leute am Ende Angst haben, ihr Leben in die Hände der Mediziner zu legen.
Klaschik versucht es mit Aufklärung: "Seit wir den sterbenden Menschen als Patienten entdeckt haben und seine Symptome erforschen, macht die Medizin enorme Fortschritte. Schmerz ist in der Sterbephase kein relevantes Problem mehr, da können wir sehr gut helfen."
Schmerzen entstehen, wenn Tumoren Schmerzrezeptoren reizen, zum Beispiel in der Haut, in den Gelenken oder in den Nervenbahnen. Jedes Jahr werden neue Substanzen gefunden, die immer gezielter die verschiedenen Rezeptoren blockieren - je nach Art des Schmerzes als Pflaster, Tabletten, Lutscher, Spritzen oder aus der Morphiumpumpe, einem kleinen Kästchen zum Umhängen. Versagt ein Mittel, hilft sehr wahrscheinlich ein anderes. Auch darüber, wie sie Atemnot und Übelkeit auf ein erträgliches Maß reduzieren können, haben die Mediziner viel herausgefunden. "Ein Patient, dem man das Leiden nimmt, wünscht sich nicht die Todesspritze."
Doch seit die Niederländer und Belgier beschlossen haben, aktive Sterbehilfe in bestimmten Fällen nicht mehr zu bestrafen, spricht sich auch in Deutschland eine Mehrheit dafür aus. Das schmerzt Klaschik, auch weil er weiß, dass die wenigsten sich wirklich mit dem Sterben beschäftigen wollen. "Nehmen Sie den Fall Diane Pretty": Die Britin, die unter ALS litt, einer fortschreitenden Muskellähmung, versuchte vergebens, sich vor Gericht Beihilfe zum Suizid zu erstreiten. Ein qualvoller Tod durch Ersticken stehe ihr bevor, berichteten die Zeitungen - Leiden bis zum letzten Atemzug. "Tatsächlich aber gleiten gut versorgte ALS-Patienten langsam in ein Koma. Sie sterben friedlich", erklärt Klaschik. Auch Diane Pretty sei ohne schweres Leiden gestorben, aber das habe kaum noch jemanden interessiert.
Dann führt er noch zwei Zahlen an, die einen verhängnisvollen Zusammenhang nahe legen: 90 Prozent aller Niederländer, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, haben Krebs. Ein Gradmesser für die Qualität der Schmerztherapie für diese Patienten ist der Morphiumverbrauch: Um alle Schmerzen ausreichend zu lindern, müssten die Ärzte 80 Kilogramm pro eine Million Einwohner verschreiben. In Dänemark sind es derzeit 69 Kilogramm, in Frankreich 35, in Deutschland 18, Tendenz steigend, immerhin. In den Niederlanden seit Jahren unverändert: 10 Kilogramm.
Bei seiner Morgenrunde klopft der Küchenchef an der Tür von Gerda Strech, 67. Immer hatte sie einen stählernen Lebenswillen. Der macht ihr jetzt das Sterben schwer.
Gerda Strech bestellt Kartoffelpüree mit Soße. Nach Möglichkeit erfüllt die Küche jeden Wunsch, oft ist das Essen das Einzige, was die Menschen bei Laune hält. Für Frau Strech ist das Essen allerdings schon lange kein Vergnügen mehr; es ist ihre letzte Bastion im Kampf gegen den mächtigen Angreifer. Drei Jahre hat sie sich verzweifelt gewehrt. Noch kann sie es nicht glauben, dass der Krebs nun wie ein böses Tier in ihrem Unterleib wütet und sie um ihren Lebensabend bringt. "Wo doch mein ganzes Leben nur Arbeit war."
Angehörige hoffen oft auf ein letztes Wort, so wie im Kino.
In einer Fabrik montierte sie Teile, zog allein ihre Kinder und Enkel groß. Frau Strechs Tochter ist Altenpflegerin. Mit Hilfe der Ärztin hatte sie die Mutter zu Hause versorgt, so gut sie konnte. Aber nun ist sie ausgebrannt. Voller Entsetzen hatte Gerda Strech geweint und geschrien, als die Ärztin ihr sagte, ein Platz im Hospiz sei für sie frei. Ihrer Tochter hat es fast das Herz zerrissen. Wenn sie jetzt bei der Mutter sitzt, fühlt sie sich wie eine Verräterin. Sie streichelt der Mutter die Hand, weint, doch die wendet den Blick ab, ist untröstlich.
Nur die Volksmusik verschafft ihr noch ein wenig Ablenkung. Als die Mutter mit Kopfhörern vor dem Fernseher sitzt und leise vor sich hin singt, packt die Tochter die Schmutzwäsche zusammen. "Jeden Tag möchte ich ihr sagen, dass ich sie lieb habe, aber ich traue mich nicht. Das wäre wie ein Abschied. Wir haben nie über den Tod sprechen können."
"Über das eigene Sterben reden heißt: sich nach außen kehren", hat Petra Anwar, die Ärztin, erfahren. "Wir versuchen, dem Patienten zu helfen, sich rechtzeitig zu öffnen für das, was mit ihm passiert." Manchmal gelingt es einem Todkranken noch, etwas ins Reine zu bringen, sich zu versöhnen oder zu bedanken: "Ein Mann sagt seiner Frau nach Jahrzehnten zum ersten Mal, dass er sie liebt. Das kommt vor." Häufiger aber erlebt Anwar Menschen, die ihre Angst nicht überwinden: Verzweifelte, die sich gegenseitig Normalität vorspielen, bis zum Ende. Wie ein bleierner Mantel legt sich die Einsamkeit dann um die Sterbenden. "Die zurückbleiben, schleppen das noch Jahre mit sich rum."
Angehörige hoffen auf ein letztes, erlösendes Wort, so wie im Kino, aber die wenigsten Sterbenden sagen noch was zum Schluss. Oft verrichtet deren Stoffwechsel, vom Tag der Zeugung an auf Erneuerung programmiert, mit einem Mal das Gegenteil: Wichtige Botenstoffe werden nicht mehr ausgeschüttet, Eiweiß und Fett ab- statt aufgebaut. Jede Nahrung wird zur Last. Nur der Tumor kann noch Kalorien verwerten und wachsen. Der Mensch wird zusehends weniger. Dann ist der letzte bewusstseinsklare Moment schnell verpasst, oft gibt es im Hospiz kein Morgen.
Noch ist unklar, was genau dem Organismus dieses Signal zum Sterben gibt, so als hätte jemand in einem Regelkreis die Stromrichtung umgepolt. Frau Strech ist diesem Punkt sehr nahe. Ihr Körper wehrt sich mit heftigem Erbrechen gegen jeden Löffel Püree, den sie in sich hineinquält. Nicht nur aus dem Magen, auch aus dem Darm zwingt der Körper alles oben hinaus. Sie ekelt sich, sie weint: "Ich weiß nicht, was ich verbrochen habe, dass es so zu Ende gehen muss."
Die Ärztin spricht mit Frau Strech darüber, dass es wohl noch schlimmer werden wird, eine Frage von Tagen: "Sie würden sich weniger quälen, wenn Sie nichts mehr essen würden." Aber das will Gerda Strech auf keinen Fall: "Ich muss doch bei Kräften bleiben." Dabei fallen ihr immer öfter die Augen zu. "Mutti, schlaf doch", sagt ihre Tochter dann, "ich bin ja bei dir." Aber das macht die Mutter nur wütend: "Schlafen kann ich noch genug."
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