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Ausgabe 22/1999
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China Der unaufhaltsame Aufstieg des Teng Hsiao-ping

Tengs Marsch durch die Partei war von Skrupeln nie behindert gewesen. Der Sohn eines Grundbesitzers ließ sich in jungen Jahren vom örtlichen Warlord nach Frankreich schicken, um die Ideen des Westens kennenzulernen. Seine Eindrücke waren nicht günstig.

Er arbeitete in der Waffenfabrik Schneider-Creusot und bei Renault als Handlanger, ferner in einer Gummiwarenfabrik, als Kellner und Lokomotivheizer. Mit 19 wurde er Kommunist.

Unter den chinesischen Genossen in Paris lernte er den Studenten Tschou En-lai, den späteren Premier, kennen und bezog fortan seinen Lebensunterhalt von der Partei. 1926 nahm er acht Monate Polit- und Militär-Unterricht an der Sun-Jat-Sen-Uni in Moskau (Rektor: der polnische Kommunist Karl Radek), an der auch jener Yang studierte, ein Landsmann aus der Provinz Sichuan, auf den sich Teng 1989 in der Pekinger Militärkommission stützte.

Wieder in China - Yang blieb noch als Dolmetscher in Rußland -, schloß sich Teng dem Bauernkrieger Mao an, organisierte erfolglose Aufstände, so in Guanxi mit Tausenden von Toten.

Mit Mao ging er auf den Langen Marsch als Kommissar der 1. Armee, sein Vize wurde Freund Yang. In einer Marschpause wählten die Offiziere seinen anderen Freund Mao zum "Vorsitzenden". Als der 14 Jahre später seinen Sieg in Peking feierte, stand Teng, der Mittelchina erobert hatte, mit auf dem Tienanmen.

Er wurde Parteichef der chinesischen Südwest-Region, enteignete alle Bauern und trug seinen Anteil an den Exzessen der neuen Machthaber: In vier der sechs Regionen Chinas - darunter das Teng-Gebiet - wurden innerhalb eines Jahres gemäß offiziellem Rapport 1,176 Millionen Menschen hingerichtet.

1952 holte Mao Teng nach Peking, als Stellvertreter des Ministerpräsidenten Tschou En-lai. Zu dieser Zeit meldete der Minister für Wasserwirtschaft 10 370 000 Zwangsarbeiter und der Finanzminister Bo Jibo (heute, mit 81, Tengs Berater) dem ZK zwei Millionen erschossene "Konterrevolutionäre". 1953 wurde Teng Finanzminister, 1954 Partei-Geschäftsführer - und General Yang einer seiner engsten Mitarbeiter.

Als die Pekinger Studenten 1956 für demokratische Rechte demonstrierten, wollte Mao schon nachgeben, er proklamierte den Meinungsfrühling "Laßt hundert Blumen blühen, hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern". Teng war dagegen, sein Grundsatz lautete: "Unsere Partei hat in der Vergangenheit schwere Fehler begangen, aber diese Fehler wurden von uns selbst korrigiert, nicht von einer äußeren Kraft."

Unter Maos "Großer Demokratie" verstand er "Anarchie". Er ging selbst auf den Campus und ortete "Widersprüche zwischen den reaktionären Elementen der Bourgeoisie und dem Volk", einen "Kampf auf Leben und Tod".

Nach zwei Monaten Meinungsfreiheit setzte sich Teng durch, fast drei Millionen "rechte Elemente" verloren ihren Arbeitsplatz, Hunderttausende die Freiheit und manche das Leben. Die Inhaftierten kamen erst nach über 20 Jahren wieder frei, noch 1980 bekannte sich Teng zu seiner Verantwortung für diesen Terror: "Notwendig und korrekt."

Er unterstützte Maos Volkskommune-Idee vom "Großen Sprung nach vorn" 1958, bemerkte aber immerhin vier Jahre später den wirtschaftlichen Irrwitz - Millionen waren verhungert - und bemühte sich nun um Reparatur.

Zusammen mit Peng Tschen, dem Erfinder der Schauprozesse mit nachfolgenden Massenexekutionen im Pekinger Sportstadion (er ist heute, mit 87, Tengs Berater), protokollierte Teng in Moskau 1963 den Abbruch der Parteibeziehungen. Einer der Gründe: Die Russen wollten den Chinesen keinen Zugang zu Atomwaffen gewähren. Mao äußerte in dieser Zeit über Teng: "Der hält sich wohl für Napoleon."

Als der Große Vorsitzende mit Hilfe der losgelassenen Jugend und den Truppen des Marschalls Lin Piao die Kulturrevolution lostrat, stürmten Rotgardisten auch in Tengs Wohnung, bespien ihn und seine Frau; sein Sohn Pufang stürzte auf der Flucht aus dem Fenster, er ist seither querschnittsgelähmt.

Zehntausende von Tengs Bürokraten-Kollegen und Parteifunktionären wurden von rabiaten Jugendlichen durch die Straßen getrieben, geschlagen, gefoltert, getötet.

Damals mag Teng für sich beschlossen haben, was vorige Woche die Pekinger Studenten - die zur Zeit der Kulturrevolution noch nicht geboren waren - als ihre eigene Losung auf ein Transparent schrieben: "Ein blutiger Tod wird mit Blut bezahlt."

Eine untertänige, vielleicht ironisch gemeinte Selbstkritik rettete Teng damals nicht mehr:

Da ich mich als schlechter Schüler des Vorsitzenden erwiesen habe, bin ich nicht mehr geeignet, wichtige Führungsaufgaben wahrzunehmen. Durch meine Fehler habe ich mich als nicht umerzogener, bourgeoiser Kleinbürger erwiesen . . . Nun sitze ich zum ersten Mal vor dem Spiegel und betrachte mich genau, dabei läuft mir ein Schauer über den Rücken.

Teng wurde als Schlosser in eine Provinzfabrik gesteckt, doch anderthalb Jahre nach einem gescheiterten Militärputsch Lin Piaos (er wollte Maos Amt) holte Mao ihn nach Peking zurück, als Vize des krebskranken Tschou En-lai.

Nach Tschous Tod Anfang 1976 versammelten sich Hunderttausend Pekinger auf dem Tienanmen zu einer Kundgebung für Teng. Die Armee schlug zu, etwa hundert Demonstranten sollen ums Leben gekommen sein.

Teng wurde abgesetzt und fand Zuflucht in Kanton, wo ihn die örtlichen Militärs schützten, darunter wahrscheinlich auch Freund Yang als Vize-Parteisekretär am Ort. Insgeheim traf sich Teng mit ihnen in Gegenwart des mächtigen Marschalls Jeh und des Parteisekretärs seiner Heimatprovinz Sichuan, Zhao, seinem Gegenspieler von heute. Sie konspirierten gegen die in Peking herrschende "Viererbande" um Mao. Teng:

Sollen wir machtlos dastehen und abwarten, bis sie uns abschlachten? Sollen wir vier Leuten erlauben, daß sie unser Land um ein Jahrhundert zurückwerfen? Oder sollen wir gegen sie kämpfen, solange wir atmen? Wenn wir jetzt nicht kämpfen, werden wir alles verlieren.

Vier Wochen nach Maos Tod im September 1976 gingen Marschall Jehs Truppen gegen die Pekinger Linksradikalen vor. Der von Mao ausgesuchte Nachfolger, der frühere Staatssicherheitsminister Hua Guo-feng, blieb ein Mann des Übergangs; Teng kehrte bald zum zweiten Mal an die Macht zurück.

Er war es, der nun die revolutionäre Idee hatte, wie die ruinierte Volksrepublik wirtschaftlich wieder hochzubringen sei: Auflösung der Volkskommunen, Gewerbefreiheit, Dezentralisierung der Staatswirtschaft, Öffnung zum Ausland. Erstmals nahm ein erklärt kommunistisches Land, das den Kapitalismus bis dahin nur verteufelt hatte, selbst zu kapitalistischen Methoden Zuflucht.

China erlebte ein Wirtschaftswunder: Die landwirtschaftliche Produktion stieg, rasch gab es - von den Privatbauern - Lebensmittel im Überfluß. Dienstleistungsgewerbe, Handwerk und Handel blühten auf, ausländisches Kapital strömte ins Land.

Der Erfolg machte zeitweilig vergessen, daß Teng die fundamentalen Neuerungen nur eingeführt hatte, um die Macht der Partei zu bewahren, die auch seine Macht war. Keine unabhängige Organisation oder Zeitung wurde zugelassen, Dissidenten kamen ins Gefängnis, wo sie bis heute einsitzen. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der politischen Gefangenen in China auf mindestens 600 000.

Wider das Begehren des Volkes nach Demokratie veranstaltete Teng Kampagnen gegen "geistige Verschmutzung", "bürgerlichen Liberalismus" und "Verwestlichung".

Die "Demokratiemauer" in Peking mit ihren freimütigen Plakaten, die er erst nicht angetastet hatte, wurde beseitigt, nachdem im November 1978 über 10 000 erregte Wandzeitungsleser zum nahen Tienanmen gezogen waren und drei Stunden lang "mehr Demokratie" gefordert und gerufen hatten: "Wir widersetzen uns der feudalistischen Diktatur."

Das war eine fremde Welt für Teng, den Pragmatiker der Macht. Demokratie hieß für ihn eben Anarchie.

Innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre stürzten nacheinander die beiden Partei-Generalsekretäre Hu und Zhao, weil sie bereit gewesen waren zu begreifen, daß die Gewährung zumindest begrenzter politischer Freiheiten unumgänglich wurde. Die Wirtschaftserfolge reichten nicht mehr, das Volk ruhig zu stellen, die ökonomischen Reformen griffen nicht mehr, ihre Schattenseiten wie Inflation und Wirtschaftskriminalität waren immer fühlbarer geworden. Als dann die Pekinger gewaltlos revoltierten, flüchtete Teng sich wieder zu den Generalen.

Nach dem Massaker herrschte in Peking, während in den Großstädten des ganzen Landes Demonstranten stürmten und Soldaten schossen, nun wirklich die von Teng so gefürchtete Anarchie. Die Regierung blieb verschwunden, sie hatte die Gewalt über die Truppe de facto preisgegeben. Nur ein Pressesprecher traf sich mit einigen ergebenen Landsleuten aus Redaktionen und höhnte, die Studenten, "kriminelle Elemente", hätten "bekommen, was sie verdienten".

Sicherheitschef Qiao, 64, erhielt eine Aufforderung des Obersten Gerichtshofs und mehrerer Provinzparteikomitees, die Ordnung wiederherzustellen - gegen die "Konterrevolution".

Über Premier Li berichtete die Hongkonger "Ming Bao", ein Leibwächter, dessen Verwandter im Massaker umkam, habe auf ihn geschossen, ihn aber nur leicht am Oberschenkel verletzt. Der Attentäter sei sofort niedergeschossen, seine Familie festgenommen, die anderen 170 Wachposten seien entwaffnet worden.

Am Donnerstag jedoch tauchte Li wieder auf. In der vom Volk befreiten Großen Halle des Volkes bedankte er sich bei seinen Einsatzgruppen: "Ihr habt hart gearbeitet, Genossen." Terror als Arbeit - solches hatte schon Hitlers SS rapportiert. Am Freitag zeigte sich im Fernsehen nach dreiwöchiger Abwesenheit auch der Oberste Befehlshaber Teng wieder, der Sieger - augenscheinlich kräftig und gesund.

"Was sind eine Million Tote", soll Teng gesagt haben, "China hat viele Menschen." Da enthüllte sich noch einmal, daß der Mann, der einmal als Anti-Mao das Erstaunen seines Volkes und der Welt erregt hatte, in Wahrheit immer ein Menschenverächter gewesen war, dem sein Lehrer Mao die Richtung gewiesen hatte.

Seinem ZK hatte Mao einmal gesagt, am chinesischen Kaiser Shi Huangdi, der vor 2000 Jahren 460 konfuzianische Gelehrte hatte lebendig begraben lassen, mißfalle ihm nur die Zahl - ihm behagten viel mehr: "Wir haben 46 000 begraben."

Mit dem Massenmord auf dem Tienanmen vernichtete Teng nicht nur den letzten Glauben an eine ferne Chance für den Kommunismus im Reich der Mitte, er gab auch den konservativen Genossen in den sozialistischen Staaten, die ihr überlebtes Herrschaftssystem auf die eine oder die andere Weise zu prolongieren suchen, ein böses Beispiel, was sich noch mit Militärgewalt erreichen läßt.

"Ähnliche Operationen" könne es auch woanders geben, kommentierte das ungarische Fernsehen bedeutungsschwer das Blutbad. Solche Leute wie "die Mörder in Peking", treue Anhänger dieser Art von Ordnung, gebe es "in großer Zahl auch in anderen sozialistischen Ländern".

Den Beherrschten aber mußte sich die Folgerung aufdrängen, daß Kommunisten, wenn es ernst wird mit der Demokratie, dazu neigen, in ihre alten Gewohnheiten zurückzufallen: Das System ist, wenn überhaupt, wohl nur unter optimalen Bedingungen wandelbar.

Ein Menetekel selbst für Rußlands parlamentarischen Sozialisten Michail Gorbatschow, der immer häufiger sein Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzen muß - in Kasachstan und jetzt in Usbekistan, und allemal im Kaukasus, dessen drei Sowjetrepubliken unter Kriegsrecht stehen.

Als im April die Truppe in Tiflis gegen Hungerstreikende und waffenlose Demonstranten in ungewöhnlicher Brutalität mit Feldspaten und Giftgas vorging (21 Tote, 4200 Verletzte), folgerten sechs Volksdeputierte, die sich am Tatort umgesehen hatten: "Wir haben hier eine Schreckensvision erlebt, mit welchen Methoden die Perestroika beendet werden könnte."

Das Fernsehmagazin "Wsgljad" (Der Blick) sprach von einer "Hauptprobe, einer militärischen Operation, die jederzeit an anderem Ort und in voller Schärfe durchgeführt werden kann".

Im Moskauer Volkskongreß, dessen konservative Mehrheit dem Tiflis-Vollstrecker General Rodionow tobenden Applaus spendete, forderte ein baltischer Delegierter Garantien, daß es nicht "zum Umsturz in der Art Napoleons oder Pinochets" komme.

Gorbatschow selbst äußerte sich widersprüchlich. Gegenüber seinem deutschen Gast Hans-Jochen Vogel kommentierte er die Ausschreitungen von Tiflis so: "Mit der Machtfrage ist nicht zu spaßen."

Nie dürfe die Armee zur "Pazifikation" der Bevölkerung mißbraucht werden, verkündete er andererseits den Volksdeputierten in Moskau - doch zur Sicherung der Stabilität im Lande seien "alle Mittel" erlaubt. Aus demselben Grund begrüßte die DDR Tengs Gewaltaktion. Auch der hatte vorher die Anwendung "aller Mittel" angekündigt.

"Wie die Geschichte der Menschheit zeigt, führten stets die hart vor ihrem Untergang stehenden reaktionären Kräfte einen letzten Verzweiflungskampf gegen die revolutionären Kräfte." Das sagte der in diesen Dingen erfahrene Mao Tse-tung.

Er ließ die Rebellen aller Länder, so auch die Studenten von Peking, aber hoffen, weil allemal in der Geschichte der Feind der Revolutionäre "seiner Vernichtung entgegenging, sie selbst aber ihrem Triumph".

Auszug aus DER SPIEGEL Nr. 24/1989 vom 12.6.1989 S.142ff.

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