Hamburg - Die Regierung in Helsinki will nun eine Expertenkommission mit einer Untersuchung über die Verstrickung offizieller Stellen in Nazi-Gräuel beauftragen. Ausgangspunkt ist das jetzt erschienene Buch "Die Ausgelieferten" der Sozialwissenschaftlerin Elina Sana, 56. Die Autorin fand heraus, dass Finnland im Zuge eines Gefangenenaustausches entgegen der bisherigen Geschichtsschreibung mindestens 2958 Menschen an die deutsche Gestapo ausgeliefert hat - vor allem sowjetische Kriegsgefangene, darunter etliche Juden.
Zu den Deportierten zählten aber auch politische Häftlinge, zum Beispiel finnische Kommunisten und emigrierte deutsche NS-Gegner, die den Nazis als "unerwünschte und kriminelle Elemente" von der finnischen Sicherheitspolizei Valpo überstellt wurden. Die meisten starben in Konzentrationslagern. Offiziell war bislang nur die Rede von 8 jüdischen Flüchtlingen und 19 anderen Häftlingen, die an die Gestapo ausgeliefert worden seien.
Erst vor drei Jahren hatte der damalige Ministerpräsident Paavo Lipponen zu Ehren der acht jüdischen Opfer einen Gedenkstein in Helsinki enthüllt und sich im Namen der Regierung bei der jüdischen Gemeinde entschuldigt. "Wir müssen jetzt fragen, was wirklich geschah", fordert Sana, die sogar noch von weiteren, bisher unbekannten Deportationen ausgeht. Nur allzu leicht werde verdrängt und vergessen, dass es auch in Finnland Nazis und Lager gegeben habe.
Nach dem verlorenen "Winterkrieg" gegen die Truppen Stalins hatten die Finnen zwischen 1941 und 1944 Seite an Seite mit der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetarmee gekämpft. Die Deportationen seien "ein Teil des Preises für unsere Freiheit" gewesen, sagt Elina Sana. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Tel Aviv verlangt, die Verantwortlichen der damaligen Deportationen zu identifizieren und noch lebende zur Rechenschaft zu ziehen: Die Affäre erfordere "umfassende Untersuchungen".
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© DER SPIEGEL 48/2003
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