In dieser Woche veröffentlichen Sie mit zehn Kollegen ein neurowissenschaftliches Manifest. Warum dieser Schritt?
Singer: Jeder von uns beschäftigt sich mit anderen Fragen: Der eine will verstehen, was in den einzelnen Zellen passiert, der nächste ist daran interessiert, wie im Gehirn die Sprache organisiert wird. Wir alle haben aber ein gemeinsames Ziel, das wir in dem Manifest zum Ausdruck bringen: Wir wollen den neuronalen Code entschlüsseln.
SPIEGEL: Was verstehen Sie darunter?
Singer: Milliarden von Neuronen, die an unterschiedlichen Gehirnstellen aktiv werden, sind beteiligt, wenn der Mensch eine Kaffeetasse erkennt, wenn er spricht, traurig ist, eine Symphonie hört. Das Erstaunliche: Nirgendwo sitzt eine übergeordnete Instanz, die alles lenkt. Das Zusammenspiel der Nervenzellen organisiert sich selbst. Wie Information dabei im Gehirn abgebildet wird, ist offen. Wir wissen noch nicht, nach welchen Gesetzen oder Codes das funktioniert.
SPIEGEL: In Zukunft, so heißt es in dem Manifest, könnten Hirnforscher Schizophrenie oder Depression besser verstehen oder gar verhindern. Wecken Sie da nicht zu viel Hoffnung?
Singer: Warum Manisch-Depressive an Stimmungsschwankungen leiden, woher die Denkstörungen bei Schizophrenie kommen, ist uns noch ein Rätsel. Doch es wird kein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Wir müssen aber erst durchschauen, wie Gedanken im Gehirn entstehen, bevor wir deren Störungen verstehen. Eine kausale Therapie liegt folglich noch in ferner Zukunft.
SPIEGEL: Ethiker fürchten, die Hirnwissenschaft könne den Menschen - sein Bewusstsein, seine Seele, seine Gefühle - auf das Feuern von Neuronen reduzieren. Was halten Sie dem entgegen?
Singer: Natürlich gehen auch die höchsten mentalen Funktionen auf neuronale Prozesse zurück. Aber das ändert ja nichts an dem Mysterium Mensch. Gehirne schaffen Wunderbares: Sie komponieren, sie haben tiefe Gefühle. Von ihnen kommt alles, was unsere kulturelle Welt ausmacht - und wenn wir diese großartig finden, sollten wir auch unsere Gehirne großartig finden.
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© DER SPIEGEL 43/2004
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