Wirtschaft


AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2005
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Wohlfahrtssysteme Die Untertanen von Kannapolis

4. Teil: Lesen Sie im vierten Teil, welche Hoffnung die Bürger von Kannapolis mit einem Lobbyisten verbinden

Die Stadtverwaltung von Kannapolis hat jetzt beschlossen, für 60.000 Dollar einen Lobbyisten in Washington anzuheuern, der irgendwie Wirtschaft und Wohlstand in die Stadt bringen soll, eine ziemlich außergewöhnliche Idee. Sie haben jetzt eine Akte, die in einem Aktenschrank in einem großen Gebäude in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten hängt. In der Lokalpresse beschwerten sich ein paar Leser, dass ihre Steuergelder verschwendet werden, aber Kenneth Geathers, einer von sieben Abgeordneten und im Rathaus für das Pillowtex-Projekt zuständig, glaubt, dass es eine gute Investition war.

"Wenn uns der Lobbyist nicht im nächsten Jahr 120.000 Dollar bringt, fliegt er wieder raus", sagt er.

Was soll er denn bringen?

"Ich weiß auch nicht. Aber wir haben Platz für ein neues Werk und motivierte Arbeiter", sagt er.

Kenneth Geathers war der letzte Personalchef des Werks, er erklärte den 5000 Pillowtex-Arbeitern, welche Dinge sie nach ihrer Kündigung beachten müssten, um wieder Fuß zu fassen, und als der letzte raus war, stellte er fest, dass er es selbst nicht wusste. Geathers hat zwar einen Hochschulabschluss, aber vielleicht war er auch schon zu lange in der Spinnerei, 30 Jahre. Er saß zu Hause, bis ihn Gennett anrief und ihn für die Weiterbildung warb. Geathers besuchte zehn Monate lang einen Computermarketing-Kurs.

"Ich bin da nur hingegangen, um irgendeinen Grund zu haben, morgens aufzustehen", sagt er. "Ich war noch nie in meinem Leben so unglücklich."

Danach nahm er einen Job im Veteranen-Hospital an, in dem er ehemaligen Soldaten hilft, mit ihren Drogen- und Alkoholproblemen zurechtzukommen. Er muss 50 Meilen fahren, sitzt in einem verrumpelten Büro und verdient nicht mal die Hälfte von dem, was er als Personalchef in der Spinnerei verdiente. Aber es beruhigt sein Gewissen, sagt er.

"Im Grunde bin ich ja auch schuld, dass es den Pillowtex-Leuten jetzt so beschissen geht", sagt Geathers. "Die Arbeiter, die ich einstellte, mussten kein Zeugnis mitbringen, nichts. Sie mussten den Drogentest bestehen, das war's. Viele von denen konnten nicht mal lesen und schreiben. Manchmal glaube ich, es war uns ganz recht so. Wir haben diese Stadt zurückgelassen wie die Kolonialisten Afrika."

In der letzten Rhetorikstunde vor den Ferien musste Randall Keller eine Abschiedsrede halten. Er hätte sich von seinem Vater verabschieden können, den er in der Woche zuvor in ein Sterbehospiz gebracht hatte, er hätte sich von seinem Werk verabschieden können, von seinen Hoffnungen, aber er hat sich dann lieber nur von seiner Klasse verabschiedet. Junge Gesichter sahen ihn teilnahmslos an, Gesichter, die sich bereits auflösen in seinen Erinnerungen. Jetzt sind Semesterferien. Helen und Randall Keller sind zu Hause. Ab übermorgen besuchen sie die Bibelschule in ihrer Kirche, der "Prince of Peace"-Gemeinde. Sie sind sehr gläubig, sagt Randall.

Im Fernseher läuft die "Jerry Springer Show". Zwei unglaublich dicke schwarze Mädchen prügeln sich um einen schmalen, grinsenden Jungen. Das Publikum schreit. Eines der Mädchen reißt sich das T-Shirt hoch und lässt seine Brüste fallen. "Eigentlich habe ich nach der Fernsehpredigt von Reverend Leroy Jenkins gesucht", sagt Keller. "Die kommt eigentlich immer um zehn auf Kanal 8."

Er steht in seinem dunklen Wohnzimmer, Helen neben ihm, die Luft ist schwer. Auf dem Fernsehbildschirm erscheint eine Bitte der Jerry-Springer-Redaktion: "Bist du eine Prostituierte? Möchtest du in unsere Show kommen und deine Geschichte erzählen?" Im Regal mit den Heiligenbildern steht auch ein Foto ihres zweijährigen Enkelsohns Malik. Sein Vater ist im Irak, die Mutter in Jamaika. Malik pendelt. Oft ist er bei ihnen. Seine Spielsachen liegen auf dem Boden, verstopfen die Ecken. Überall liegen Kleidungsstücke herum, Handtücher, Kissen, es gibt keinen Flecken hier, der nicht mit irgendetwas belegt ist.

"Wir haben diese Stadt zurückgelassen wie die Kolonialisten Afrika."

Nur die beiden Fernsehsessel ragen aus dem Chaos.

Das ehemalige Kinderzimmer ist bis unter die Decke mit den Sachen der großen Söhne gefüllt. Es sieht aus, als hätten sie mehrere Reisetaschen in Eile ausgekippt. Chad, der kleine Sohn, ging auf ein Privat-College nach Charlotte, brach es aber nach drei Monaten ab. Randall musste einen Kredit aufnehmen, um die 10.000 Dollar Studiengebühren zu bezahlen. Der große Sohn Jason ist seit einem halben Jahr in Bagdad, sie hören manchmal von ihm, nicht oft. Die letzte E-Mail ist vom Juni. Nach ein paar Minuten hat Randall sie gefunden:

"Hi. Hier sind 122 Grad Fahrenheit. Aber alles über 90 fühlt sich sowieso gleich an. Meine Einheit wohnt in der Nähe eines großen Sees in einem Palast. Schickt mir bitte eine billige Angelrute. Ich bezahl sie. Ich liebe euch. PFC Jason Keller."

Eine Angelrute für Bagdad. Randall legt den Brief auf irgendeinen Stapel anderer Dinge, wo er vermutlich bald versinkt.

Glücklicherweise haben sie das kleine Haus bereits abbezahlt, auch ihre beiden Autos sind bezahlt. So leben sie von 245 Dollar die Woche, das geht schon. Der größte Posten sind die 50 Dollar, die er jeden Monat für den alten College-Kredit von Chad bezahlen muss. Auch eine gestorbene Hoffnung. Was übrig bleibt, reicht zum Leben. Sie dürfen natürlich nicht krank werden, sagt er. Vielleicht repariert er den Truck, sagt er, um ein bisschen Kontrolle vorzutäuschen. Den guten alten Dodge, leider frisst er mehr Benzin, als sie sich erlauben können. Er könnte auch die alte Hundehütte wegschaffen, denn ihr Collie ist ja nun auch schon zwölf Jahre tot. Sie könnten einen neuen Hund kaufen oder ein bisschen Ordnung schaffen. Randall steht da, mit schwingenden Armen, bereit mitzumachen, aber hilflos. Überfordert.

In diesem Moment erinnert er an sein Land.

Draußen vor dem Haus fährt die Norfolk Southern Railway auf ihrem Weg von Atlanta nach Washington DC vorbei. Es sind vielleicht 30 Meter bis zu den Gleisen. Es klingt wie ein kurzer Trommelwirbel. Seit sie die Gleise erneuert haben, fährt der Zug leiser und mit höherer Geschwindigkeit durch Kannapolis hindurch.

Am 12. September, in der Woche, in der Randall Keller sein letztes Semester begann, kam David Murdock mit guten Nachrichten in die Stadt. Murdock ist ein Milliardär aus Kalifornien, ihm gehört der Konzern Dole, wo Säfte, Früchte und Blumen produziert werden. Murdock ist 82 Jahre alt. Er will im Zentrum von Kannapolis, auf den Ruinen der Spinnerei, ein modernes Forschungszentrum für sein Unternehmen errichten, Tausende Arbeitsplätze soll es geben. In dem Forschungszentrum soll über gesunde Ernährung nachgedacht werden. Amerika muss sich gesünder ernähren, sagt er. Tausende Arbeitsplätze für seine Mission. Ein Zufall, aber irgendwie ist das ein gutes Ende für eine amerikanische Geschichte.

David Murdock kam mit seinen guten Nachrichten nicht allein nach Kannapolis. Er brachte den Gouverneur von North Carolina mit, drei Senatoren und einen Kongressabgeordneten. Auf den Bildern sehen sie aus wie seine Angestellten.

Der Staat ist an Kannapolis gescheitert. Es sieht so aus, als sei ein neuer König da.

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