SPIEGEL: Sie sind zurzeit eine der kommerziell erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods - und die wichtigste im Thriller-Fach. Was machen Sie bei Action-Filmen anders als Ihre männlichen Kollegen?
Foster: Ich versuche jedenfalls nicht, ihr Verhalten zu kopieren. Ich bin nur 162 Zentimeter groß. Mit einer Uzi und dicken Muskeln brauche ich also gar nicht aufzutauchen. Meine Heldinnen gehen gewöhnlich einen psychologischen Weg, so wie im "Schweigen der Lämmer". Es geht nicht um mehr Kampfszenen, Verfolgungsjagden oder dergleichen. Bei meinen Heldinnen drehen sich die Räder im Gehirn einfach schneller. Sie müssen intellektuell kreativer sein, sonst schaffen sie es nicht.
SPIEGEL: Warum haben Sie vor "Flight Plan" drei Jahre lang keinen großen Film mehr gedreht?
Foster: Ich habe zwei kleine Kinder. Um sie für eine Weile zu Hause zurückzulassen, brauche ich schon ein sehr spannendes Projekt. Ich bin die Mutter, die zu Hause sitzt und fragt: Wie war dein Tag? Ich stelle hohe Erwartungen an mich in meiner Elternrolle: Ich möchte Thanksgiving mit den beiden nicht verpassen. Ich will mit ihnen Halloween-Kostüme kaufen, ich will sie selbst zum Doktor bringen.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Karriere als sechsjähriger Kinderstar begonnen. Empfehlen Sie Ihren Söhnen den gleichen Weg?
Foster: Das ist kein Leben, zu dem ich junge Leute ermutigen würde. Aber natürlich müssen sie selbst entscheiden.
SPIEGEL: 1976 spielten Sie neben Robert De Niro eine minderjährige Prostituierte in Martin Scorseses Film "Taxi Driver" - während einer der kreativsten Phasen im amerikanischen Kino. Trauern Sie dieser Zeit der großen, wagemutigen Filme nach?
Foster: Manchmal schon. Ich lese ständig Drehbücher, aber ich finde nichts, was mich wirklich berührt. Es ist heute schwer, die richtige Kombination aus gutem Plot und passendem Regisseur zu finden. Ich werde unglücklich, wenn der Regisseur ein Schwachkopf ist. Daher achte ich inzwischen nicht mehr nur aufs Drehbuch, sondern wähle vor allem den richtigen Regisseur aus: einen, der sich um mich kümmert und für den ich durchs Feuer gehen würde. Zudem bin ich inzwischen 42, und für Frauen über 40 gibt es wenig Rollen.
SPIEGEL: Kann Altern in Hollywood auch Vorteile bringen?
Foster: Jede Menge! Ich muss mich zum Beispiel nicht mehr darum kümmern, wie ich aufs Cover von Hochglanzmagazinen komme. Und ich muss nicht mehr bestimmte Sachen anziehen, bloß weil es von mir erwartet wird.
SPIEGEL: Kürzlich haben Sie irgendwo gesagt, dass Sie jetzt nicht mehr fürchten müssen, als Freundin von Tom Cruise besetzt zu werden.
Foster: Dafür bin ich nun wirklich zu alt! Ich habe recht früh in meiner Karriere entschieden, dass ich nur zwei Arten von Filmen machen will. Entweder ich bin die Hauptperson und folglich nicht die Freundin oder Geliebte von irgendjemandem; oder es handelt sich um einen unabhängig produzierten Film, in dem es eine faszinierende Nebenrolle für mich gibt. Viele junge Schauspielerinnen machen aber genau das Gegenteil: Sie hängen sich an einen männlichen Star dran. Dann liegt die ganze Last für den Erfolg des Films auf seinen Schultern.
SPIEGEL: Was planen Sie für die Zukunft?
Foster: Ich freue mich schon jetzt darauf, eine alte Schauspielerin zu sein. Momentan, zwischen 40 und 55 oder 60, ist es ein schwieriges Alter. Aber danach möchte ich Rollen spielen wie Simone Signoret 1977 als gealterte Puffmutter in "Madame Rosa". Ehrlich gesagt, ich sehe sonst niemanden, der von solchen Rollen träumt.
SPIEGEL: Vorher wollen Sie ja noch das Leben von Leni Riefenstahl verfilmen. Was reizt Sie an einer Frau, die Hitlers Regime und die Nazi-Parteitage verherrlicht hat?
Foster: Sie hatte einen ganz erstaunlichen Charakter. Ich finde sie gerade in ihren Widersprüchen faszinierend: Sie ist die am meisten bewunderte Regisseurin aller Zeiten - und zugleich wurde sie für ihre Zusammenarbeit mit den Nazis geschmäht wie kaum eine andere Künstlerin.
SPIEGEL: Sie haben sie in hohem Alter kennen gelernt.
Foster: Es war 15 Jahre vor ihrem Tod, sie versuchte, die Rechte an ihrer Autobiografie zu verkaufen. Wir haben erst telefoniert, dann haben wir uns getroffen.
SPIEGEL: Haben Sie sie gemocht?
Foster: Ja. Sie war sehr charmant. Und sie hatte bis zum Schluss einen scharfen Verstand. Unser Film wird sehr viel über Moral zu sagen haben. Die Leute werden aus dem Kino gehen, zwei Stunden darüber diskutieren und einander hassen, weil sie nicht der gleichen Meinung sind.
SPIEGEL: Riefenstahl hat ihre Mitverantwortung für die Herrschaft der Nazis durch Propagandafilme wie "Triumph des Willens" nie akzeptiert.
Foster: Und sie hat sich kein einziges Mal entschuldigt. Ich bekomme gerade eine neue Drehbuchfassung, und ich werde die Rolle nicht spielen, wenn ich nicht glaube, dass man den Film rechtfertigen und verteidigen kann.
SPIEGEL: Ist Hollywood mit seiner klaren Rollenaufteilung in Helden und Bösewichte denn der richtige Ort für ein Projekt wie dieses?
Foster: Nein, deshalb wurde die Drehbuchentwicklung bislang ja in Deutschland finanziert. Wir hoffen wirklich, dass wir provokative Fragen aufwerfen können, ohne dieses in den USA übliche Schwarz-Weiß-Schema. Nehmen Sie zum Beispiel den Film "Der Untergang". Zwei Stunden lang sieht man keinen Amerikaner, keinen Juden. Nur diese Bunkeratmosphäre mit Nazis, schlechten Nazis, guten Nazis, betrunkenen Nazis. Eine Momentaufnahme der letzten Tage des Regimes. Das war faszinierend. In Amerika wäre dieser Film niemals entstanden.
SPIEGEL: Ms Foster, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE FRANK HORNIG
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© DER SPIEGEL 41/2005
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