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Ausgabe 50/2005
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12.12.2005
 

Kino

Eine Affenliebe ohnegleichen

Von Urs Jenny

Das balladenhafte Horrorstück von dem Riesenaffen King Kong, das 1933 Furore machte, hat der "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson mit seinen Computerkünstlern nun zu einem bildersatten Drei-Stunden-Epos ausgemalt: reichlich Show mit schönstem Schmalz.

Er ist nicht schön, aber riesig. Er hat die Grazie eines Sumo-Ringers, wenn er mit drei Tyrannosauriern gleichzeitig kämpfen muss, die ihm sein Lieblingsspielzeug streitig machen, und wenn er auch den dritten besiegt hat - für einen Augenblick fast enttäuscht, dass der Spaß aus ist -, setzt er einen Fuß auf den toten Koloss, trommelt sich mit den Fäusten auf die Brust und stößt ein Siegesgebrüll aus, dass der Erdkreis erbebt: In seinem Reich ist er der König der Tiere.

Wo aber mag er sich die Großwildjägerpose abgeschaut haben? Man erinnert sich an diesen Moment, eine Kino-Ewigkeit später, wenn sich in New York ein paar nichtsnutzige kleine Typen in Uniform, wie Sieger vor dem toten King Kong posierend, ablichten lassen. So viel Demütigung hat er nicht verdient.

Es liegt eine zärtliche Ironie, fast wie ein Goldrand, über der Neuverfilmung, die Peter Jackson mit aller Verehrung und aller Leidenschaft dem legendären Horrorfilmklassiker gewidmet hat. Schon das erste Bild zwinkert dem Publikum zu: ein paar niedliche Kapuzineräffchen, die einander lausen - im Zoo in der Bronx, wie sich zeigt; dann erst schwenkt die Kamera über Slums hinweg und hinüber nach Manhattan, wo die Geschichte beginnt.

Bei dem Riesengorilla King Kong handelt es sich um den raren Fall einer Kino-Kreatur, die für Millionen Menschen rund um die Welt ein Begriff ist, obwohl sie den Film selbst gar nicht kennen. Das Urtier entstammt einem Traum; eine kollektive Angst scheint in ihm Gestalt angenommen zu haben. King Kong hat etwas Archetypisches, mehr als - zum Beispiel - Graf Dracula oder Frankensteins Monster, und er hat, anders als diese, seinen Weg nicht aus der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts ins Kino gefunden, sondern ist ein originäres Leinwandungeheuer. Sein Gegenspieler im Film ist also nicht zufällig ein Regisseur, und der Film zeigt ihn als eine Art Zauberlehrling, dem das Ungeheuer, das er erweckt hat, gewaltig über den Kopf wächst.

Der Neuseeländer Peter Jackson, 44, einst durch fiese kleine Horrorfilme zu erstem Ruhm gekommen, ist heute neben Tim Burton der andere unerschrockene Phantast unter den Großmeistern des Kino-Spektakels. "King Kong", sagt er, sei seit Kindertagen sein Lieblingsfilm, und schon um 1996 habe er Pläne für eine Neuverfilmung entwickelt.

Aber nun erst - auf dem einzigartigen Ruhmespolster seiner "Herr der Ringe"-Trilogie, die weltweit annähernd drei Milliarden Dollar eingespielt und dem Jackson-Team insgesamt 17 Oscars beschert hat - ist er zur Tat geschritten: Sein dreistündiger "King Kong" wird mit gut 200 Millionen Dollar Produktionskosten zu den teuersten Filmen der Welt gerechnet, in nächster Nachbarschaft der "Titanic", und soll nun im Weihnachtsgeschäft bitte schön auch neue Einnahmerekorde aufstellen. Da er in konkurrenzloser Einzigartigkeit aufragt - warum sollte das nicht gelingen?

Naturgemäß fehlt "King Kong" das Majestätische, mit dem der "Herr der Ringe" auftrumpfen konnte, und Jackson lässt, von der Eigendynamik der Action getrieben, unbedenklich Nebenmotive oder Nebenfiguren, die er anfangs geduldig entwickelt hat, unterwegs fallen, ohne sich noch einmal umzublicken - doch solche Kollateralschäden sind wohl der Preis für drei Stunden pralles Spektakel.

Die Geschichte von King Kong, wie sie der Filmemacher Merian C. Cooper vor etwa 75 Jahren entwickelt hat, handelt von einem dubiosen Filmregisseur, der sich mit seinem Team und seiner blonden Hauptdarstellerin auf eine Expedition begibt, um für ein dubioses Gruselkino-Projekt ein echtes Ungeheuer zu filmen, das angeblich auf einer geheimnisvollen Insel "westlich von Sumatra" haust. Doch auf der Insel (auf der es auch Dinosaurier und anderes Alptraumgetier gibt) wird die Blondine von Eingeborenen entführt und als Opfer dem Riesengorilla dargebracht, den man als menschenfresserische Gottheit anbetet und fürchtet. Den Filmleuten gelingt es, ihren Star zu befreien und das Untier zu fangen, das dann in New York in einer Art Dschungelrevue als "achtes Weltwunder" zur Schau gestellt werden soll.

Dass man dies eine haarsträubende Kolportage nennen mag, war 1933 nicht von Belang und ist es heute nicht. Was "King Kong" 1933 zum Erfolg gemacht und sein Nachleben im kollektiven Kino-Gedächtnis gesichert hat, ist die tiefe Ambivalenz der Geschichte. In ihr steckt die Erinnerung an menschenfressende Götzen wie Baal, an menschenfressende Monster wie den Minotaurus und an alle Drachen aus Mythen und Volksmärchen, denen immer wieder Jungfrauen geopfert werden müssen. In ihr steckt aber auch eine erotische Angst-Lust-Phantasie, und in ihr steckt (obwohl da kein Märchenprinz zu erlösen ist) die Geschichte vom Untier und der Schönen.

Der schwarze Riesenaffe entzieht sich den Kategorien von Gut oder Böse, denn er ist in seiner Urgewalt die Unschuld selbst. Merian C. Cooper, in anderen Hinsichten durchaus ein Grobian, hat sehr darauf geachtet, dass sich eine zarte Zuneigung des Affen zu der weißen Frau entwickelt, die er wie ein Spielzeug in der hohlen Hand hält, und dass er am Ende - ein Geschwader von Jagdfliegern greift ihn auf der Spitze des Empire State Building an - einen Tod in Würde stirbt. Einen der Flieger, die ihn abschießen, hat Cooper selbst gespielt.

Er war ein Sohn aus reichem Südstaatenhaus, ein gebildeter Abenteurer, ein passionierter Jagdflieger und als Filmemacher ein Amateur. In einer Freiwilligen-Fliegersquadron im polnischrussischen Krieg 1920 ist er dem gelernten Slapstick-Kameramann Ernest B. Schoedsack begegnet. Gemeinsam haben sie in den zwanziger Jahren zwei aufregende ethnografische Dokumentarfilme gedreht - den einen in Persien, den anderen im siamesischen Dschungel, wofür angeblich 300 Elefanten zusammengetrieben wurden.

Bei "King Kong" kam dann 1932 als dritter Kreativer der Trickfilmzauberer Willis H. O'Brien hinzu. O'Brien hatte damals schon seit 15 Jahren mehr oder weniger im Alleingang die Einzelbildaufnahmetechnik mit Puppen und Modellen perfektioniert, und was er nun zusammen mit Cooper an neuartigen Trickkombinationen entwickelte (während sich Schoedsack als Regisseur um die Schauspielerszenen kümmerte), hat den "King Kong" von 1933 zu einem epochalen Schaustück in der Geschichte der Filmtrickkunst gemacht.

Es ist ein unerwarteter Glücksfall dieser Geschichte, dass gerade jetzt in den Kinos durch Tim Burtons "Corps Bride" und "Wallace & Gromit" von Nick Park und Steve Box die altmodisch-handwerkliche Einzelbildtechnik noch einmal triumphiert, während gleichzeitig Jacksons "King Kong" mit vollen Händen den Reichtum und die Finesse der neuesten Computertrickkunst ausspielt. Falls je in Frage stand, ob einem computergenerierten Bildschirmgeschöpf eine unsterbliche Seele gegeben sein könne, muss man Auge in Auge mit diesem King Kong sagen: aber ja.

Im März 1933, als "King Kong" in New York (in zwei Kinos mit zusammen 10.000 Plätzen) zur Uraufführung kam, schleppten sich die USA durch die tiefste Tiefe der Depression. Drüben in Hollywood saßen die Studiobosse ungewohnt einträchtig beisammen und verabschiedeten einen Appell an ihre Mitarbeiter, der alle Besserverdienenden zu einem 50-prozentigen Lohnverzicht für acht Wochen aufrief - anderenfalls würde das ganze Produktionssystem zusammenbrechen. Der Aufruf kam an, Hollywood überstand die Krise, und der Sensationserfolg von "King Kong" sanierte seine pleitegefährdete Produktionsfirma auf Jahre.

Die Wirtschaftskrise von 1933 mit Bildern von Armenspeisungen und von Hungernden, die in Mülltonnen wühlen, nimmt Peter Jackson als realistische Basis, von der sich sein "King Kong" später ins Phantastische aufschwingt. Jackson scheint sich ganz an die Story von damals zu halten und verschiebt doch von Anfang an die Gewichte. Nicht mehr der flotte Filmemacher steht im Mittelpunkt (den spielt nun Jack Black als aufgeblasenen Quatschkopf), sondern die junge Schauspielerin Ann Darrow (die wunderbar seelenvolle Naomi Watts), die ihren elenden Job in einer Vaudeville-Show verloren hat, aber doch lieber hungert als in einem Striplokal anzuheuern. Wie aber das Leben so spielt, lässt sie sich dann auf Denhams Desperado-Expedition in die asiatische See ein.

Alle Bedenken, ob der rohe "King Kong"-Stoff heute bei einem weiblichen Publikum Zuspruch finden könne, hat Jackson (zusammen mit seinen bewährten Drehbuch- und Produktionspartnerinnen Fran Walsh und Philippa Boyens) elegant unterlaufen, indem er den Horror durch Melodramatik versüßt: Sein "King Kong" ist die Geschichte einer selbstbewussten und mutigen jungen Frau, die in ein großes, ganz beispielloses Liebesabenteuer hineingerät und ganz nebenbei auch noch einen Mann fürs Leben (in der Gestalt von Adrien Brody) findet.

Im Gegensatz zum alten King Kong, der sich gelegentlich auch einen zappelnden Menschen ins Maul stopft, lebt Jacksons neuer - ein Fall von Political Correctness auf zoologischem Gebiet - strikt vegetarisch. Diese Enthaltsamkeit nimmt dem Untier seine mythische Düsternis, weil nun nicht mehr plausibel ist, dass sich die Eingeborenen vor ihm fürchten und ihm Menschenopfer anbieten; was der Film dafür aber gewinnt, ist Herz.

Auch dieser neue "King Kong" steht in aller Unschuld nur für sich selbst und bedeutet nichts weiter; auch er ist als "achtes Weltwunder" das Prachtschaustück einer gewaltigen Dschungelrevue. Die Verfolgungsjagden und Kampfszenen sind - wen wundert's bei einem so perfektionistischen Virtuosen wie Jackson? - von einem Einfallsreichtum und einer technischen Bravour, wie man es, ganz ehrlich, im Kino noch nicht gesehen hat.

Doch das Kühnste, was Jackson mit der schwarzen Bestie und der blonden Frau wagt, sind zwei veritable Liebesszenen: In der ersten wirbt Ann, ihre Todesangst überwindend, um die Aufmerksamkeit des Tiers, indem sie ihm ihre tristen Kunststückchen von der Vaudeville-Bühne vorführt - Hüpfen, Jonglieren, Purzelbaumschlagen - und ihm zuletzt eine Art Lachen entlockt, das zwar grässlich, doch auch herzlich klingt.

In dem anderen "Duett", nun in New York, drehen sich die beiden schlitternd und kreiselnd nachts auf einem zugefrorenen Teich im Central Park, leuchtende Weihnachtbäume im Hintergrund. In diesen Augenblicken von Ausgelassenheit offenbart sich alles an Liebesverlangen, an Freude oder an Glück, was sich in eine solche Kreatur hineinphantasieren lässt - und der Zuschauer weiß doch schon, dass mit dem Morgen der Tod kommt. So schön ist es sonst nur in der Oper: Man muss nicht daran glauben, um sich davon rühren zu lassen.

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