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Ausgabe 10/2006
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SPIEGEL-Gespräch "Wir wurden umprogrammiert"

2. Teil

SPIEGEL: Welche Folgen wird das alles für unsere Kinder haben?

Schirrmacher: Dass Menschen immer Kinder kriegen - darauf ist ja unser Sozialstaat aufgebaut -, ist, wie sich gezeigt hat, nur so lange Naturgesetz, wie die Zahl der Kinder, Geschwister, Cousins und Cousinen, gleichaltrigen Freunde und Freundinnen im Verlauf der Sozialisation des Kindes nicht unter ein bestimmtes Minimum sinkt. Das aber ist jetzt geschehen. In Regionen mit wenigen Kindern bekommen auch diese Kinder wiederum weniger Kinder. Das ist ein staunenswerter Vorgang, der womöglich sogar einer biologischen Umprogrammierung entspricht.

SPIEGEL: Wir haben eine Art Mutation erlebt?

Schirrmacher: Wir haben jetzt ein völlig neues Programm im Kopf, das wir weitergeben, und das heißt: Weniger Kinder! Es handelt sich in dieser zweiten Generation also gar nicht mehr um eine Wertefrage. Es ist etwas verlernt worden. Das hat Folgen. Wir lasten diesen wenigen nicht nur unsere Schulden auf, wir lassen sie auch verwandtschaftlich allein, sie haben immer weniger Geschwister und Cousins, um sich die Lasten zu teilen. Sie werden mit einer alternden Gesellschaft mit vielen Menschen konfrontiert sein, die nie Kinder geboren haben und plötzlich Hilfe brauchen. Sie werden Schulden übernehmen müssen, die sie nicht gemacht haben, materieller und emotionaler Art. Sie und nicht die heute 45-Jährigen werden die wahre Sandwich-Generation sein: als Eltern, als wenige zuständig für die vielen Alten. Mindestens 40 Lebensjahre, die sie sich Abhängigen zu widmen haben. Erst ihren eigenen Kinder, dann ihren Eltern. Woher soll eigentlich der Altruismus kommen, der dafür nötig ist? Vor allem, da der nächste Verwandte dieser Kinder 30 Jahre älter sein wird.

SPIEGEL: Die Familie ist ein Trainingsgelände für Gefühle, für Nächstenliebe, und das verwaist zusehends?

Schirrmacher: Die Forschungsergebnisse zeigen immer deutlicher: Man muss Kinder aufwachsen sehen, um Zuneigung und eine fürsorgliche Mentalität zu entwickeln. Die Jüngeren lernen von den Älteren. Man muss Bindungen erleben, um sie gut zu finden. Die Zahl derer, die das nicht mehr können, wird steigen. Die Atomisierung der Gesellschaft hat ihre Grenzen noch gar nicht erreicht. Wir erleben einen demografischen Übergang, dessen krisenhafte Wirkung wir noch gar nicht spüren

SPIEGEL: Wir wissen erst, was wir haben, wenn es an die Zukunft verloren ist. Woher kommt es, dass wir diese Veränderung nur so mühsam erkennen?

Schirrmacher: Die Kultur, die wir in unseren Köpfen tragen, kommt aus einer ganz anderen Welt. Wenn ich jetzt Thomas Mann lese oder zum Beispiel Rilke, muss ich erkennen, dass das in riesige familiäre Netzwerke eingebundene Menschen waren.

SPIEGEL: Entstammen Sie auch einem solchen Netzwerk?

Schirrmacher: Ich habe viele Cousins und Cousinen. Ich bin umgeben von extrem vielen Neffen und Nichten. Ich selbst habe einen Sohn, dem ich vielleicht zu viel zumute, weil er allein ist. Ich sehe das auch an meinem Umfeld: Wer ist eigentlich da im Notfall? Wo ist dieses Netz, auch kulturell?

SPIEGEL: Der familienstarke Islam stößt nun in diese kulturelle Lücke hinein. Wird er von der Identitätsschwäche einer atomisierten westlichen Gesellschaft profitieren?

Schirrmacher: Die Kultur, in der ich lebe, in der ich ein Buch schreiben und diskutieren kann, ist eine westliche, aufgeklärte Kultur, die aus abendländischen, christlichen Werten stammt. Jeder weiß, dass ein Teil der islamischen Welt uns den Krieg erklärt hat. Die muselmanische Reconquista hat demografische Ursachen, die Geburtenrate wird in diesen Ländern noch bis ins Jahr 2020 wachsen.

SPIEGEL: Wie Botho Strauß sagt: "Bald werden sie unsere Toleranz nicht mehr nötig haben."

Schirrmacher: Er hat interessanterweise auch die Familie erwähnt, die in "Not und Bedrängnis" hilft. Ich bin sicher, dass diese Version von Familie - im Unterschied zur "Lindenstraßen"-Familie - die Debatten der Zukunft bestimmen wird. Islamische Gesellschaften sind jung, stark vernetzt, familiär und religiös, also wie alle solche Länder, die in der globalen Welt konkurrieren, mächtig.

SPIEGEL: Wie wichtig oder hilfreich ist da die Nation als Zugehörigkeitsraum. Wie wichtig ist Patriotismus?

Schirrmacher: Es ist wichtig. Ich muss von den Dingen überzeugt sein, die ich vertrete. Wie eine türkische Autorin sagt: Warum sollen sich Türken, die hier leben, mit Deutschland identifizieren, wenn es selbst die Deutschen nicht tun.

SPIEGEL: Das bedeutet aber nicht den Kulturkampf.

Schirrmacher: Das genaue Gegenteil. Die Frage der Integration der hier lebenden Zuwanderer ist keine Luxusfrage, sondern existentiell für unsere Gesellschaft. Und eine geglückte Integration löst dann selbstverständlich auch ein paar demografische Probleme.

SPIEGEL: Zunächst aber heißt es für uns: Umdenken.

Schirrmacher: Ja. Wir wissen ja kaum noch, wie wir mit Kindern umgehen sollen. Und die Kinder wissen nicht mehr, wie sie später mit ihrem Wunsch nach Kindern umgehen können. Es handelt sich hier nicht mehr um eine Veränderung von Wertvorstellung allein. Hier läuft offenbar bereits ein Programm ab, das sich unserer Kontrolle entzieht.

SPIEGEL: Sie haben einen 14-jährigen Sohn, auf den nach Ihrer Schilderung eine sehr düstere Zukunft wartet. Was raten Sie dem?

Schirrmacher: Suche dir so schnell wie möglich eine Frau, sei nett zu ihr, denn um Frauen wird gekämpft werden müssen in der Zukunft, weil sie knapp werden! Und gründe rechtzeitig eine möglichst große Familie.

SPIEGEL: Herr Schirrmacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die den Redakteure Nikolaus von Festenberg und Matthias Matussek.

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